Husseini selbst und Teile seines politischen Netzwerks sind jedoch während des Krieges als klare Unterstützer der Achse und schon zuvor auch als radikale Antisemiten zu bezeichnen. Vor dem Hintergrund der aktuellen Kontroverse ist in diesem Zusammenhang darauf hinzuweisen, dass Husseini nicht nur über die Realität der deutschen Vernichtungspolitik im Osten informiert war, sondern auch mehrfach aktiv bei verantwortlichen Stellen intervenierte, um den Austausch jüdischer Häftlinge beziehungsweise die Ausreise von Juden in Richtung Palästina zu verhindern. Hier ist durchaus von einem begrenzten, in seiner Konsequenz mörderischen Einfluss Husseinis zu sprechen.

Kann es wirklich sein, dass Hitler einen Anstifter zum Holocaust brauchte?

Diese Frage ist, ebenso wie die Äußerung Netanjahus selbst, auf zwei Ebenen falsch. Zum einen war es nicht Hitler allein, der die Vernichtung der Juden plante und umsetzte, sondern ein komplexes Netzwerk nationalsozialistischer politischer und militärischer Strukturen unter seiner Führung, gestützt durch Partizipation oder Passivität der deutschen Bevölkerung. Zum anderen war die nationalsozialistische Vernichtung von Millionen Juden das Resultat sowohl der Radikalisierung der antisemitischen Gewalt und des diese legitimierenden Diskurses in Deutschland während der 1930er Jahre, als auch einer Radikalisierung der deutschen Verantwortlichen und Waffenträger im Vernichtungskrieg im Osten, in der Umsetzung von Ghettoisierung, Deportation und Massentötungen und schließlich in der Entwicklung immer "effizienterer" Tötungsmethoden durch die Verantwortlichen auf allen Ebenen. Dutzende Standardwerke der Holocaustforschung rekonstruieren Genese und Vollzug der nationalsozialistischen Vernichtung.

Als Husseini 1941 in Berlin auf Hitler trifft, ist diese genozidale Entwicklung schon in vollem Gang. Nicht er empfahl Hitler hier die Vernichtung, letzterer kündigte ihm vielmehr die Ausweitung der Vernichtungspolitik auf den Nahen Osten im Falle eines deutschen Sieges an. Gleichzeitig verweigerte Hitler aus Rücksicht auf die Kolonialinteressen des italienischen Achsenpartners ein weiteres Mal die von Husseini erbetene deutsche Garantie für die Unabhängigkeit arabischer Staaten.

Wie ist Netanjahus Aussage vor dem historischen Hintergrund zu bewerten?

Netanjahus Aussage ist fast durchgehend verurteilt worden, von Politikern, Publizisten und insbesondere von Historikern nicht nur in Israel. "Hitler hat nicht Husseini gebraucht, um Juden zu ermorden", erklärte Meir Litvak, renommierter Experte der Universität Tel Aviv. Netanjahu habe die Dinge komplett verdreht, Husseini zu einer zentralen und Hitler zu einer sekundären Figur gemacht. Die Verzerrung der Geschichte des Holocausts nutze denjenigen, die diese Geschichte relativieren wollen. Die Aussage sieht Litvak motiviert in der politischen Auseinandersetzung Netanjahus mit der palästinensischen Nationalbewegung, ähnlich wie Moshe Zimmermann vom Institut für deutsche Geschichte an der Hebräischen Universität Jerusalem. "Husseini befürwortete die Vernichtung von Juden", so Zimmermann, "aber er war nicht der Anstifter". Indem eine Kontinuität zwischen Husseini und den Arabern in den palästinensischen Gebieten hergestellt werde, sollten diese kollektiv diskreditiert werden.

Tatsächlich ist der Verweis auf die Kollaboration des "Mufti von Jerusalem" Amin al-Husseini mit den Nationalsozialisten im Kontext der Deutungskämpfe rund um den israelisch-palästinensischen Konflikt nicht neu. Oft wurde ihm dabei ein größerer Einfluss zugeschrieben, als er ihn real hatte. Die Rede von Netanjahu ist nur vor dem Hintergrund dieser jahrzehntelangen, politisch aufgeladenen Debatten zu verstehen, die sie gewissermaßen auf die Spitze getrieben hat.