In den Innenministerien der Bundesrepublik und der DDR haben in den Nachkriegs-Jahrzehnten mehr ehemalige Nazis gearbeitet als bisher angenommen. Das geht aus der Vorstudie (Bösch/Wirsching, 2015) zweier Wissenschaftler des Instituts für Zeitgeschichte München-Berlin (IfZ) und des Zentrums für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF) hervor, der in Berlin vorgestellt wurde.

In der Belegschaft des Bundesinnenministeriums in Bonn lag der Anteil ehemaliger Mitglieder der NSDAP demnach zeitweise bei 66 Prozent. Auch im Ministerium des Innern in Ost-Berlin habe der Wert mit einem Anteil von 14 Prozent deutlich über den DDR-internen Statistiken gelegen. Offenbar hätten beide deutsche Staaten nicht auf die Berufserfahrung des in der Verwaltung geschulten Personals verzichten wollen, heißt es in der rund 150 Seiten langen Bericht. 

Im Bonner Ministerium seien einzelne Personen eingestellt worden, "die nach heutigem Verständnis als NS-Täter bezeichnet werden müssen". Auch zeigten sich nach 1945 "klare Hinweise auf fortbestehende antisemitische Grundhaltungen" sowie "Kontinuitäten bei der obrigkeitlichen Zensurpraxis".

Die direkte personelle Kontinuität vom nationalsozialistischen Reichsinnenministerium (RMI) zum westdeutschen Bundesinnenministerium war nach den Erkenntnissen der Forscher jedoch gering. Der Anteil früherer RMI-Beschäftigter habe anfangs bei 23 Prozent gelegen, seit 1961 sei er jedoch unter der 10-Prozent-Schwelle geblieben.

Die Historiker werten die in der Vorstudie ermittelten Zahlen nun weiter aus. "Wir wollen wissen, was die Mitarbeiter der beiden deutschen Innenministerien in der Zeit des Nationalsozialismus getan haben. Wie sahen ihre Lebensläufe aus? Welche Prägungen brachten sie mit? Und wie wirkte sich dies auf die Innenpolitik der Bundesrepublik und der DDR aus?", sagte Andreas Wirsching, Direktor des IfZ. Der Bundesinnenminister Thomas de Maizière hatte das Forschungsprojekt vor elf Monaten ins Leben gerufen.