2.000 Seiten, 3.700 Fußnoten: Die aufwändig von Historikern überarbeitete Ausgabe des Buches Mein Kampf hat sich seit der Neuauflage im Januar dieses Jahres rund 24.000-mal verkauft. Damit wird das Buch Adolf Hitlers in Deutschland erstmals seit der Zeit des Nationalsozialismus wieder zum Bestseller.

Derzeit wird bereits die dritte Auflage in den Handel gebracht. Und es hat es in die Spiegel-Bestsellerliste geschafft – derzeit auf Platz 11. "Die Nachfrage ist durchaus da", sagte eine Sprecherin des Instituts für Zeitgeschichte (IfZ), das die kommentierte Ausgabe herausgibt. 

"Neonazis sollen es ruhig lesen"

Aus Rückmeldungen des Buchhandels wisse das Institut, dass das Werk in erster Linie von geschichts- und politikinteressierten Lesern gekauft werde. Es gebe keinerlei Hinweise darauf, dass Neonazis ein besonderes Interesse an dem Buch hätten. "Wobei ein Neonazi auch kein Vergnügen daran haben dürfte, es zu lesen. Insofern sollte es ruhig von ihnen gelesen werden."

Auf der Online-Plattform Amazon wurden gebrauchte Exemplare zwischenzeitlich für rund 150 Euro gehandelt, das Dreifache des Verkaufspreises. Gestartet war das Institut nach Angaben des Projektleiters Christian Hartmann mit 4.000 Stück à 59 Euro. "Der Preis demonstriert zwei Dinge: Wir wollen es nicht verschleudern und nicht in irgendwelche Bestseller-Listen kommen, aber wir möchten schon auch gelesen werden."

Das Institut hatte Adolf Hitlers Hetzschrift Anfang 2016 nach jahrelanger Arbeit als kritische Edition auf den Markt gebracht. Gegen das Projekt hatte es Widerstand unter anderem von Charlotte Knobloch gegeben, der Vorsitzenden der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern.

Zu bekommen war Mein Kampf, das Buch Adolf Hitlers, allerdings immer – auch in Deutschland. Als Raubdruck, im Netz oder einfach aus dem Ausland. Außerdem war es hierzulande nie wirklich verboten: 1979 entschied ein Gericht: Werke, die vor Entstehen der Bundesrepublik verfasst wurden, könnten nicht verfassungswidrig sein (Hier ein Kommentar aus der ZEIT dazu von 1979). Die antisemitische Hetzschrift des nationalsozialistischen Diktators wurde nur deshalb in Deutschland nicht mehr aufgelegt, weil das Urheberrecht in der Rechtsnachfolge beim Freistaat Bayern lag – und der entschied, keinem Verlag die Rechte zum Abdruck zu geben.

2012 kam die bayerische Staatsregierung dann zu der Überzeugung, dass angesichts des auslaufenden Urheberrechts von Mein Kampf geschichtspolitisch gehandelt werden müsse. Ob seither jeder Mein Kampf drucken und verbreiten darf, darüber streiten Juristen. Die Justizminister der deutschen Bundesländer haben jedenfalls entschieden, dass die unkommentierte Verbreitung in Deutschland verboten bleiben soll. Bei kommentierten Ausgaben müsse man sich das im Einzelfall anschauen, hieß es aus dem bayerischen Justizministerium. Im Zweifel müssten Gerichte entscheiden. Anzeigen gebe es allerdings bislang nicht, sagte die IfZ-Sprecherin – ebenso wenig wie weitere kritische Ausgaben. "Uns ist bislang noch kein einziges Konkurrenzprodukt bekannt."

Gefährlicher Nährboden oder wichtige Aufklärung?

Die Kernfrage, ob die erneute Auflage des Buches, das im Original in zwei Bänden (1925 und 1926) erschienen war, dem rassistischen, antisemitischen und mörderischen Gedankengut Hitlers 70 Jahre nach dessen Tod neuen gefährlichen Aufschwung geben könnte, hat auch unter Historikern eine heftige Debatte ausgelöst. Befürworter der kommentierten Ausgabe sind der Überzeugung, dass das Wissen um das Buch, dessen Inhalt und historische Bedeutung zu einer reflektierten Geschichtsrezeption und zur Aufarbeitung der NS-Geschichte erforderlich sind.