Zuletzt, am Telefon, sprachen wir über Marion Dönhoff, seine Stimme klang wie immer, verhalten, suchend und sicher zugleich, um eine sehr präzise Wortwahl bemüht. Zugesichert hatte er mir, an einer Biografie über sie behilflich zu sein, ich möge ihn anrufen, wann immer ich Gesprächsbedarf hätte. Die ZEIT-Herausgeberin, 17 Jahre älter als er, der jetzt wenige Monate nach seinem neunzigsten Geburtstag gestorben ist, war mehr als eine Freundin für ihn. Sie war, das hat er oft erzählt, ein Stück Heimat "bei allem, was sie sagte – und nicht sagte". Sie baute mit an dieser Brücke, die es ihm möglich machte, sich mit dem Land innerlich wieder zu versöhnen, aus dem er – der junge Breslauer Jude – 1938 in quasi letzter Sekunde via Rotterdam nach New York geflohen war.

Vor Augen habe ich beispielsweise das Bild von Fritz Stern in seiner Wohnung am Riverside Drive in New York, direkt an der Columbia University, an der er fünfzig Jahre Geschichte lehrte. Die Enkelkinder umschwirrten ihn, seine Frau, Elisabeth Sifton, suchte Ordnung in die Turbulenzen zu bringen. Er schwankte, wie er das immer machte, zwischen Reflexionen über die Vergangenheit, und zornigen Einmischungen zur Lage von heute. Vor allem zur amerikanischen Politik, die ihn um den Schlaf brachte. Er sah es so scharf, weil er das Land liebte und es ihm Freiheit bedeutete. Amerika, sagte er mir, habe seine Jugend geprägt – aber der Nationalsozialismus sein Leben.

Zum Lebensthema, überlegte er seinerzeit, habe er das deutsch-jüdische Drama, die Beziehung zwischen Deutschen und Juden, dennoch nicht werden lassen, vor diesem "letzten Kapitel" habe er sich "versteckt". Er hätte es sonst zu Ende denken müssen, das habe er nicht gewollt. Aber viele Bücher, jenes über Bismarcks Bankier Bleichröder (Gold und Eisen), vor allem seine große Autobiografie Fünf Deutschland und ein Leben und zuletzt auch seine Essaysammlung unter dem wunderbar ambivalenten Titel Zu Hause in der Ferne kreisen genau darum.

Dönhoff als die Verkörperung des "anderen Deutschland"

Fritz Stern – der erste Teil des Namens ist deutsch, der zweite jüdisch, hat er einmal gesagt – wollte sich seinen Optimismus nicht rauben lassen. Diese Zuversicht war es, die ihn lebenslang antrieb, sich öffentlich einzumischen. Wunderbare Leserbriefe, wütend und klug zugleich, konnte er schreiben, zum Irak-Krieg, zum jeweils jüngsten Rennen um die Präsidentschaft in den USA, zu David Camerons Zauderlichkeit, sich für Europa zu verkämpfen. Die Geschichte, das lebte er als öffentlicher Intellektueller vor, ist menschengemacht. Man darf nicht schweigen und kuschen.

Zurückkommen muss ich an der Stelle noch einmal auf Marion Dönhoff. Danach gefragt, wie er sie kennenlernte, holte er gern einen kleinen Zettel aus der Brieftasche. In ihrer winzigen Handschrift – so klein wie Sterns eigene – hatte sie bei einer deutsch-britischen Konferenz in Königswinter darauf geschrieben, ob er schon verabredet sei oder ob sie nicht zusammen essen wollten. Sie langweilte sich bei den offiziellen Reden, dieser differenziert, aber zugleich klar argumentierende New Yorker aus Breslau war ihr aufgefallen, sie wollte ihn kennenlernen. Es war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.

Helmut Schmidt und Fritz Stern zur Nahost-Politik Helmut Schmidt und Fritz Stern diskutieren über die deutsche Verantwortung gegenüber Israel und über die amerikanische Nahost-Politik.

Dabei begann sie, auch das gehört zum Bild, mit einem Dissens. Denn Fritz Stern hatte zu Protokoll gegeben, dass ihn diese junge Protestgeneration auf den Straßen und in den Hörsälen der Bundesrepublik zutiefst beunruhige. Hatten die Deutschen doch nicht dazugelernt? Marion Dönhoff hielt dagegen: Das sei ihr viel zu "konservativ" gedacht, man solle den Protestierenden – soweit alles friedlich bleibt – vielleicht zuerst einmal zuhören. Sie durfte das sagen, denn sie hatte einen gewaltigen Bonus in seinen Augen – sie verkörperte wie wenige andere, Richard von Weizsäcker insbesondere, etwas vom "anderen Deutschland".