"Große öffentliche Aufmerksamkeit kann ein Werk der Geschichtswissenschaft nur dann hervorrufen, wenn es einen Gegenstand von potentiell hervorstechender Wichtigkeit erstmals zum Thema macht", schrieb Ernst Nolte im Rückblick auf seine fulminante Erstveröffentlichung von 1963: Der Faschismus in seiner Epoche. Der Autor, fügte er hinzu, "mag wenige Jahre später vergessen sein, nachdem er sich 'normalen' Forschungsaufgaben zugewandt hat".

Ernst Nolte hat beides erlebt, die "große öffentliche Aufmerksamkeit" und das Vergessenwerden am Schluss seines langen Lebens. Nicht, weil sich die Fragen erledigt hätten, die er aufgeworfen hatte, und nicht einmal, weil der große Streit darum in Vergessenheit geraten wäre, sondern weil der Autor einer damnatio memoriae anheimfiel, die in der Geschichte der deutschen Wissenschaft ihresgleichen sucht.

Für immer wohl wird sein Name verbunden bleiben mit einer Artikelüberschrift, die nicht einmal von ihm selbst formuliert worden war: "Vergangenheit, die nicht vergehen will". Mit diesem Zeitungsaufsatz begann Mitte 1986 das, was alsbald der Historikerstreit genannt wurde. Dessen Protagonisten stammten nicht aus dem Innersten der Zunft; weder Nolte war ein studierter Historiker – dazu entwickelte er sich erst mit seinen Arbeiten, die ihm schließlich Habilitation und Lehrstühle einbrachten –, noch Jürgen Habermas, der vom Soziologen zum Sozialphilosophen und wirkmächtigsten Stichwortgeber der westdeutschen Bundesrepublik in den achtziger Jahren avancierte.

Vergleichen und Deuten waren seine Schlüsselbegriffe

Nolte stellte Fragen, die nach dem herrschenden Komment schlichtweg nicht opportun waren, doch unterfütterte er sie mit einer schier überwältigenden Ausschöpfung der historischen und mehr noch geistesgeschichtlichen Quellen. Als er in seinem Faschismusbuch neben dem Nationalsozialismus erstmals vergleichend den italienischen Faschismus und die französische Action française betrachtete, um zu der Darstellung dessen zu gelangen, was er später in seinem nicht minder bedeutenden Werk Der europäische Bürgerkrieg 1917-1945 auf wiederum gut 600 Seiten ausführte, stand er allein da.

Das hatte es in der Fachdisziplin bislang schlicht nicht gegeben. Als akademischer Außenseiter, der er zu Beginn und erst recht zum Ende seiner Laufbahn war, ließe sich vergleichsweise allenfalls der spät zum Soziologen berufene Niklas Luhmann nennen, bei allem Unterschied zwischen öffentlicher Wahrnehmung und Wirkung. Wie Nolte überschritt Luhmann die Grenzen seiner Disziplin immer schon in philosophischer Absicht.

Vergleichen – das ist der eine Schlüsselbegriff zum Verständnis von Noltes Geschichtsschreibung. Der andere lautet "deuten". Nolte verglich immerzu, er scheute sich auch nicht, hypothetische Vergleiche anzustellen, dachte er Geschichte doch nicht allein von ihren Fakten, sondern auch von ihren Möglichkeiten her. Das leitet über zur Deutung. Nolte hat sich nie damit begnügt, allein das Rankesche Postulat des "Wie es eigentlich gewesen" zu erfüllen, sondern fragte nach dem Sinn der Geschichte, dem telos. Das verübelten ihm ausgerechnet seine Gegner, die doch wie Habermas beispielsweise die Westorientierung der alten Bundesrepublik zum Ziel der Geschichte verklärten.

Nolte hat sein Berufsleben in Nachkriegsdeutschland zugebracht, doch reichen seine Lebensdaten zurück in jene Epoche, der sein wissenschaftliches Interesse galt. Geboren am 11. Juni 1923 in Witten an der Ruhr, hatte Nolte das Glück, vom Wehrdienst in Hitlers Armee aufgrund einer leichten Behinderung verschont zu bleiben. Stattdessen studierte er Philosophie, Deutsch und Griechisch und begann unmittelbar nach Kriegsende eine zwanzigjährige Berufstätigkeit als Lehrer an altsprachlichen Gymnasien, unterbrochen von einer Freiburger Promotion über Karl Marx. Als er mit dem monumentalen Buch Der Faschismus in seiner Epoche schlagartig ins Rampenlicht der Geschichtswissenschaft trat, brachte ihm seine Leistung die Habilitation ein und 1965 eine Berufung nach Marburg. Acht Jahre später folgte Nolte einem Ruf ans Friedrich-Meinecke-Institut der Freien Universität Berlin, wo er bis zu seiner Emeritierung 1991 lehrte.