John Fitzgerald Kennedy war ein echter Mann, ein Kriegsheld und Frauenschwarm. Er löste die Kuba-Krise, steuerte Amerika durch den Kalten Krieg und verhinderte so den dritten Weltkrieg. Dabei war er stets braun gebrannt, muskulös und überhaupt sagenhaft gut aussehend. Dass er neben seiner Ehe wohl zahlreiche Affären mit Filmstars, Sängerinnen und Prostituierten führte – wer mochte es ihm übel nehmen? Bis heute zählt Kennedy zu den beliebtesten Präsidenten der USA. Bis heute steht er für gesunde Stärke. Doch in Wahrheit war der 35. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika ein körperliches Wrack.

Kennedys nahes Umfeld wusste darum, seine Gegner ebenfalls. Und so wurde die mangelhafte Gesundheit des demokratischen Kandidaten im Rennen um den Sitz im Weißen Haus 1960 zum Wahlkampfmittel. So wie das Lager von Donald Trump dieser Tage aus der Lungenentzündung von Hillary Clinton eine Kampagne macht, versuchten die Republikaner damals Kennedy als schwach und damit untauglich für den höchsten Posten zu entlarven. Ein kranker Präsidentschaftskandidat, dazu noch einer, der nicht offen mit seiner Krankheit umgeht? Das habe das Volk nicht verdient, so der Tenor. Doch damit hatten sie keinen Erfolg.

"Die lebenslangen Gesundheitsprobleme von John F. Kennedy sind eines der bestgehüteten Geheimnisse der jüngsten U.-S.-Geschichte", schrieb der amerikanische Historiker und Kennedy-Biograph Robert Dallek 2002 im Atlantic. Erst als 39 Jahre nach Kennedys Tod die Krankenakte geöffnet wurde, erfuhr die breite Öffentlichkeit vom desolaten Zustand des ehemaligen US-Präsidenten. Als einer von wenigen hatte Dallek Einblick in die Akte bekommen und half anschließend, eben jenes Geheimnis zu lüften. 

Ein kranker Kennedy wäre nie Präsident geworden

Ein Auszug aus der Krankengeschichte: Schon als Teenager war Kennedy schwer krank. Ab einem Alter von 13 Jahren verlor er viel Gewicht, bekam immer neue Infektionen und musste regelmäßig Zeit im Krankenhaus verbringen. Mit 17 Jahren diagnostizierten Ärzte schließlich eine chronische Darmerkrankung, die unbehandelt tödlich enden kann. Sie verordneten ihm daher eine Reihe von Hormonen. Heute vermuten Mediziner, dass die Behandlung gepaart mit einer genetischen Veranlagung die Addison-Krankheit ausgelöst hat, die man 1941 bei Kennedy feststellte. Dabei handelt es sich um eine Fehlfunktion der Nebennierenrinde, deren Folge ein Mangel an mehreren lebenswichtigen Hormonen ist. Das Ergebnis: noch mehr Medikamente. Und zwar eine fatale Menge.

Die hohe Dosis an Steroiden habe zu Knochenschwund im unteren Rücken geführt, darüber sind sich Fachleute heute einig. Tatsächlich hatte der Politiker mit schweren Rückenproblemen zu kämpfen und musste mehrmals operiert werden. Die Eingriffe waren aufwendig und riskant. Bei einer Rücken-OP im Jahr 1954 wäre Kennedy fast gestorben, er fiel ins Koma und brauchte Wochen, um sich einigermaßen zu erholen. Vollständig gesund aber wurde er nie. Stattdessen lässt sich die Leidensliste ergänzen. Um Blasenentzündungen, Allergien und psychologischen Beschwerden.  

"Wären Kennedys Krankheiten zu seiner Zeit ans Licht gekommen, wäre er mit ziemlicher Sicherheit nie zum Präsidenten gewählt worden", sagt der Historiker Andreas Etges vom Amerika-Institut der Ludwig-Maximilians-Universität München. Einem geschwächten Mann hätten die Menschen nicht vertraut, sagt er. Unter anderem weil ihnen der Tod von Franklin D. Roosevelt in Erinnerung gewesen sei. Der 32. Präsident der USA war kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs an einer Hirnblutung gestorben. Erst drei Monate zuvor war er zum vierten Mal wiedergewählt worden. "Zur größten Krisenzeit hatte Roosevelt seine Krankheit verschwiegen", sagt Etges. Sein Tod sei für viele Menschen ein Schock gewesen. 16 Jahre später stand die Welt mit dem Kalten Krieg erneut vor einer Katastrophe. Es brauchte einen starken Führer, keinen kranken Mann.