Dass Adolf Hitler bei all dem Tod und Verderben, das er über Millionen von Menschen gebracht hat, nicht auch noch über Atomwaffen verfügen konnte, ist ein Lichtblick im dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte – und ein Rätsel, das Historiker und Physiker seit mehr als 70 Jahren immer wieder zu lösen versucht haben.

Über Jahrzehnte befassten sich fast ausschließlich amerikanische und britische Historiker mit der Geschichte des "Uranvereins" – so wurde die Gruppe aus weniger als 100 Wissenschaftlern um den Physiker Werner Heisenberg informell genannt. Die deutschen Geschichtsforscher mussten nach dem Krieg weitaus schlimmere Ereignisse aufarbeiten. Den Historikern der Alliierten stellte sich indes eine ebenfalls heikle Frage. Ihre Wissenschaftler hatten hoch motiviert an der Entwicklung der Atombombe gearbeitet, weil sie ihren deutschen Kollegen zuvorkommen wollten. Doch tatsächlich gab es das postulierte Wettrennen nie. Warum aber hatten ihre Physiker in einer Demokratie, die ihnen die Freiheit ließ, Nein zu sagen, die Bombe gebaut, während die deutschen – oft ihre ehemaligen Lehrer, Schüler oder Kommilitonen – selbst unter der unmenschlichsten Diktatur nur an der Entwicklung eines Kernreaktors arbeiteten?

Seit mehr als einem Vierteljahrhundert steht dazu in den Geschichtsbüchern, die deutschen Wissenschaftler hätten gewusst, wie eine Atombombe konstruiert werden muss. Wie der gigantische Aufwand des "Manhattan-Projekts" der USA aber zeige, habe deren Entwicklung die Möglichkeiten des "Dritten Reichs" überfordert, insbesondere unter Kriegsbedingungen. Damit folgt die Geschichtsschreibung dem Urteil des US-Historikers Mark Walker, dessen Werke als beste Darstellung der Arbeit des Uranvereins gelten. Seine Nachricht war für die Alliierten tröstlich: Das Wettrennen schien lediglich aus ökonomischen Gründen ausgefallen zu sein.

Manfred Popp ist Kernphysiker und Wissenschafts­manager. Von 1976 bis 1987 leitete er die Unterabteilung Energie­forschung des Bonner Forschungsministeriums und war von 1991 bis 2006 Vorstandsvorsitzender des Forschungszentrums Karlsruhe. © Manfred Popp

Walker und seine Kollegen hielten für den Bau einer Atombombe zwei Kenntnisse für entscheidend: einerseits das Wissen über das richtige Grundprinzip der Bombe, nämlich die Spaltung der Atomkerne von Uran-235 oder Plutonium-239 durch schnelle Neutronen. Andererseits war die Schlüsselfrage für sie die Berechnung der "kritischen Masse", jener Mindestmenge an Spaltstoff, in der eine Kettenreaktion ablaufen kann. Wie unzureichend dieser Ansatz ist, illustriert ein Vergleich aus der Leichtathletik: Beim Hochsprung ist es zweifellos wichtig, die Höhe zu kennen, auf der die Latte liegt – analog zum Wert der kritischen Masse. Aber ob man darüber springen kann, ist eine andere Frage.

Der Autor Bruce C. Reed (The Physics of the Manhattan Project, 2015) hat die Berechnung der kritischen Masse als eine der einfachsten Aufgaben bei der Entwicklung einer Atombombe bezeichnet. Eine kritische Masse ist noch lange keine Bombe. Wenn sie unkontrolliert zusammengebracht wird – das ist seit Kriegsende oft in verschiedenen Laboren aus Versehen passiert –, dann zerlegt sie sich durch die dabei entstehende Wärme sofort von selbst, meist ohne große Schäden anzurichten. Die Strahlung kann jedoch in der Nähe tödlich sein.

Die heute verbreiteten Kenntnisse des richtigen Bombenprinzips und der kritischen Masse reichen glücklicherweise nicht aus, um eine Atombombe herzustellen. Denn es ist zum einen höchst aufwändig, das spaltbare Material zu gewinnen, und zum anderen anspruchsvoll, in einer Bombe einen nennenswerten Teil davon zu spalten. (Obwohl das deutsche Kerntechnikprogramm, das ich elf Jahre geleitet habe, ziviler Natur war, musste ich mich wegen der Möglichkeiten des Missbrauchs von Materialien und Technologien für den Bau von Atomwaffen intensiv mit der Physik der Bombe befassen.) Um im Bild zu bleiben: Die Latte Walkers und anderer Historiker für die Fähigkeit, eine Bombe zu bauen, liegt zu niedrig.

Historiker denken anders als Physiker

Wer Wissenschaftsgeschichte der Physik betreibt, muss die angeblich so unvereinbaren Kulturen der Geistes- und der Naturwissenschaften verbinden und sollte die Denkweise der beiden Forschungsbereiche verinnerlichen. Während historische Quellen selten widerspruchsfrei sind, machen selbst kleinste Diskrepanzen eine physikalische Theorie wertlos. Die Interpretationsspielräume sind in beiden Fächern höchst unterschiedlich. Aber die naturwissenschaftlichen Aspekte müssen möglichst früh berücksichtigt werden, denn die Integration der Ergebnisse in die Geschichtsschreibung ist ohnehin Sache der Historiker.

In seiner Arbeit über die Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Institute für Physik und Chemie aus dem Jahr 2005 erwähnt Walker jedoch in einem Überblick über die wichtigen Veröffentlichungen zum Uranverein keine, die von Physikern verfasst wurde. Bei der Beschreibung der Geschichte von "Hitlers Bombe" sind physikalische Gesetzmäßigkeiten und Erläuterungen oft unter den Tisch gefallen. So oft, dass ein Zerrbild entstanden ist, das dringend der Korrektur bedarf. Dabei war die zu geringe Anforderung für die Kenntnisse über den Bombenbau nur einer von mehreren Fehlern.