Dass Adolf Hitler bei all dem Tod und Verderben, das er über Millionen von Menschen gebracht hat, nicht auch noch über Atomwaffen verfügen konnte, ist ein Lichtblick im dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte – und ein Rätsel, das Historiker und Physiker seit mehr als 70 Jahren immer wieder zu lösen versucht haben.

Über Jahrzehnte befassten sich fast ausschließlich amerikanische und britische Historiker mit der Geschichte des "Uranvereins" – so wurde die Gruppe aus weniger als 100 Wissenschaftlern um den Physiker Werner Heisenberg informell genannt. Die deutschen Geschichtsforscher mussten nach dem Krieg weitaus schlimmere Ereignisse aufarbeiten. Den Historikern der Alliierten stellte sich indes eine ebenfalls heikle Frage. Ihre Wissenschaftler hatten hoch motiviert an der Entwicklung der Atombombe gearbeitet, weil sie ihren deutschen Kollegen zuvorkommen wollten. Doch tatsächlich gab es das postulierte Wettrennen nie. Warum aber hatten ihre Physiker in einer Demokratie, die ihnen die Freiheit ließ, Nein zu sagen, die Bombe gebaut, während die deutschen – oft ihre ehemaligen Lehrer, Schüler oder Kommilitonen – selbst unter der unmenschlichsten Diktatur nur an der Entwicklung eines Kernreaktors arbeiteten?

Seit mehr als einem Vierteljahrhundert steht dazu in den Geschichtsbüchern, die deutschen Wissenschaftler hätten gewusst, wie eine Atombombe konstruiert werden muss. Wie der gigantische Aufwand des "Manhattan-Projekts" der USA aber zeige, habe deren Entwicklung die Möglichkeiten des "Dritten Reichs" überfordert, insbesondere unter Kriegsbedingungen. Damit folgt die Geschichtsschreibung dem Urteil des US-Historikers Mark Walker, dessen Werke als beste Darstellung der Arbeit des Uranvereins gelten. Seine Nachricht war für die Alliierten tröstlich: Das Wettrennen schien lediglich aus ökonomischen Gründen ausgefallen zu sein.

Manfred Popp ist Kernphysiker und Wissenschafts­manager. Von 1976 bis 1987 leitete er die Unterabteilung Energie­forschung des Bonner Forschungsministeriums und war von 1991 bis 2006 Vorstandsvorsitzender des Forschungszentrums Karlsruhe. © Manfred Popp

Walker und seine Kollegen hielten für den Bau einer Atombombe zwei Kenntnisse für entscheidend: einerseits das Wissen über das richtige Grundprinzip der Bombe, nämlich die Spaltung der Atomkerne von Uran-235 oder Plutonium-239 durch schnelle Neutronen. Andererseits war die Schlüsselfrage für sie die Berechnung der "kritischen Masse", jener Mindestmenge an Spaltstoff, in der eine Kettenreaktion ablaufen kann. Wie unzureichend dieser Ansatz ist, illustriert ein Vergleich aus der Leichtathletik: Beim Hochsprung ist es zweifellos wichtig, die Höhe zu kennen, auf der die Latte liegt – analog zum Wert der kritischen Masse. Aber ob man darüber springen kann, ist eine andere Frage.

Der Autor Bruce C. Reed (The Physics of the Manhattan Project, 2015) hat die Berechnung der kritischen Masse als eine der einfachsten Aufgaben bei der Entwicklung einer Atombombe bezeichnet. Eine kritische Masse ist noch lange keine Bombe. Wenn sie unkontrolliert zusammengebracht wird – das ist seit Kriegsende oft in verschiedenen Laboren aus Versehen passiert –, dann zerlegt sie sich durch die dabei entstehende Wärme sofort von selbst, meist ohne große Schäden anzurichten. Die Strahlung kann jedoch in der Nähe tödlich sein.

Die heute verbreiteten Kenntnisse des richtigen Bombenprinzips und der kritischen Masse reichen glücklicherweise nicht aus, um eine Atombombe herzustellen. Denn es ist zum einen höchst aufwändig, das spaltbare Material zu gewinnen, und zum anderen anspruchsvoll, in einer Bombe einen nennenswerten Teil davon zu spalten. (Obwohl das deutsche Kerntechnikprogramm, das ich elf Jahre geleitet habe, ziviler Natur war, musste ich mich wegen der Möglichkeiten des Missbrauchs von Materialien und Technologien für den Bau von Atomwaffen intensiv mit der Physik der Bombe befassen.) Um im Bild zu bleiben: Die Latte Walkers und anderer Historiker für die Fähigkeit, eine Bombe zu bauen, liegt zu niedrig.

Historiker denken anders als Physiker

Wer Wissenschaftsgeschichte der Physik betreibt, muss die angeblich so unvereinbaren Kulturen der Geistes- und der Naturwissenschaften verbinden und sollte die Denkweise der beiden Forschungsbereiche verinnerlichen. Während historische Quellen selten widerspruchsfrei sind, machen selbst kleinste Diskrepanzen eine physikalische Theorie wertlos. Die Interpretationsspielräume sind in beiden Fächern höchst unterschiedlich. Aber die naturwissenschaftlichen Aspekte müssen möglichst früh berücksichtigt werden, denn die Integration der Ergebnisse in die Geschichtsschreibung ist ohnehin Sache der Historiker.

In seiner Arbeit über die Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Institute für Physik und Chemie aus dem Jahr 2005 erwähnt Walker jedoch in einem Überblick über die wichtigen Veröffentlichungen zum Uranverein keine, die von Physikern verfasst wurde. Bei der Beschreibung der Geschichte von "Hitlers Bombe" sind physikalische Gesetzmäßigkeiten und Erläuterungen oft unter den Tisch gefallen. So oft, dass ein Zerrbild entstanden ist, das dringend der Korrektur bedarf. Dabei war die zu geringe Anforderung für die Kenntnisse über den Bombenbau nur einer von mehreren Fehlern.

Eine Theorie der Bombe

War wenigstens dieser Mindestanspruch für den möglichen Bau einer Bombe im Dritten Reich erfüllt? Um die kritische Masse zu bestimmen, muss man die relevanten "Wirkungsquerschnitte" kennen. Sie beschreiben die Wahrscheinlichkeit, dass ein Neutron einen Atomkern spaltet oder daran gestreut wird. Darüber hinaus braucht man natürlich eine Theorie der Bombe, um eine Berechnung durchführen zu können. Heute kann man die kritische Masse mit Computern numerisch sehr genau ermitteln. Während des Kriegs war das aber noch nicht möglich. Damals waren zahlreiche vereinfachende Annahmen nötig, deren Einfluss anschließend abgeschätzt werden musste. Das führte zu einer großen Ungenauigkeit.

Anfang 1942 wurde die kritische Masse einer Uran-235 Bombe im Manhattan-Projekt deshalb mit der großen Spanne von 2 bis 100 Kilogramm angegeben. Selbst mit den nahezu unbegrenzten Möglichkeiten in den USA lagen Ende 1943 die Ergebnisse bei 60 Kilogramm, immer noch weit über dem richtigen Wert von 46 Kilogramm. Wegen der rechnerischen Probleme wurde die kritische Masse in den zentralen Laboren in Los Alamos unter Lebensgefahr experimentell bestimmt. In den Dokumenten des Uranvereins finden sich keine Spuren einer versuchten Berechnung der kritischen Masse einer Bombe, die mit schnellen Neutronen arbeitet.

Das erste Buch über den Uranverein hat bereits 1947 der in den Niederlanden geborene Physiker Samuel Goudsmit vorgelegt. Er war wissenschaftlicher Leiter der Alsos-Mission, einer Sondereinheit der US Army, die mit der vordersten Front die deutschen Kernforschungseinrichtungen besetzt, die Materialien und Dokumente sichergestellt und die Wissenschaftler festgenommen und befragt hatte. Die von Goudsmit gesammelten "Geheimberichte" des Uranvereins wurden danach viele Jahre unter Verschluss gehalten. Der in die Schweiz emigrierte Publizist Robert Jungk (Heller als tausend Sonnen, 1956) und der Brite David Irving (Der Traum von der deutschen Atombombe, 1967) mussten sich deshalb auf Interviews mit Zeitzeugen stützen.

Der erste Historiker, der die Geheimberichte auswerten konnte, war Mark Walker. Dazu besuchte er auch das Kernforschungszentrum Karlsruhe, dem als Nachfolgeorganisation des Uranvereins die Alsos-Dokumente in den 1970er Jahren von den USA zurückgegeben worden waren. 1990 veröffentlichte Walker seine Doktorarbeit (Die Uranmaschine – Mythos und Wirklichkeit der deutschen Atombombe). Sein Resümee war, ebenso in vielen weiteren Veröffentlichungen, die deutschen Physiker hätten "eindeutig das Prinzip zur Herstellung nuklearer Sprengstoffe wie auch die Funktion von Kernwaffen verstanden". Die Atombombe sei vor allem aus wirtschaftlichen Gründen nicht entwickelt worden.

Gleiche Quelle, andere Deutung

Danach erschienen zwei in ihren Schlussfolgerungen extrem unterschiedliche, jedoch gleichermaßen sorgfältig recherchierte Bücher US-amerikanischer Historiker: Thomas Powers porträtierte Heisenberg als Held des Widerstands (Heisenbergs Krieg, 1993); er habe trotz Kenntnis der richtigen Werte die kritische Masse unerreichbar hoch erscheinen lassen. Für Paul L. Rose dagegen war Heisenberg ein unfähiger Nazi, der die Bombe entwickeln wollte, allerdings scheiterte (Heisenberg und das Atombombenprojekt der Nazis, 2001).

Als Physiker wundert man sich, dass es möglich war, zwei so unterschiedliche Deutungen aus nahezu den gleichen Quellen herzuleiten. Beide waren nicht unplausibel, haben sich aber gewissermaßen kompensiert. Darum erschien Walkers Analyse wohl als neutraler Mittelweg.

Daneben gibt es Erinnerungen beteiligter Wissenschaftler und kurze Beiträge über den Uranverein von amerikanischen und deutschen Physikern. Erst 2005 erschien ein Buch eines deutschen Historikers: Rainer Karlsch (Hitlers Bombe) beschrieb die Arbeit des Uranvereins korrekter als Walker. Doch er behauptete, in der Endphase des Kriegs seien vom Heereswaffenamt Fusionsbomben als kleine taktische Atomwaffen entwickelt und erprobt worden. Die Belege für einen Erfolg solcher Arbeiten hielten Nachprüfungen nicht stand.

Wie fremd den Historikern unter den Autoren die Welt der Physik war, zeigt besonders deutlich, dass Rose und Karlsch davon überzeugt waren und Walker es immerhin für möglich hielt, die deutschen Wissenschaftler hätten die kritische Masse einer Plutoniumbombe berechnet. Sie hatten fast gleichzeitig mit den alliierten Physikern herausgefunden, dass ein neues "Element 94" während des Betriebs eines Reaktors entstehen müsste, und aus Niels Bohrs Theorie geschlossen, es müsse leichter spaltbar sein als Uran-235. Es wurde 1941 in den USA nachgewiesen und Plutonium getauft, aber das erfuhren sie erst 1946. Noch nicht einmal die Reaktorexperimente, an denen sie arbeiteten, hätte Element 94 produzieren können, sondern nur ein Energie liefernder Reaktor – ihr fernes Ziel.

In Deutschland fehlte ein solches Gerät

Der US-Physiker Jeremy Bernstein, der viele Veröffentlichungen über das deutsche Uranprojekt geschrieben hat, wunderte sich, dass sie nicht ebenso wie die amerikanischen Forscher einige Mikrogramm Plutonium in einem "Zyklotron" erzeugt und anschließend untersucht haben. Dabei handelt es sich um einen Kreisbeschleuniger für Teilchen, ein wichtiges Instrument für die Kernphysik, das in den 1930er Jahren in vielen Ländern gebaut worden war. Doch in Deutschland fehlte ein solches Gerät bis Ende 1944. Man hätte aber die beiden in den Hauptstädten der besetzten Länder Dänemark und Frankreich vorhandenen, allerdings sehr kleinen Zyklotrone dafür beschlagnahmen können. Solche Versuche unterblieben jedoch. Die deutschen Wissenschaftler kannten keine Eigenschaften des von ihnen postulierten Elements. Sie konnten beim besten Willen nichts ausgerechnet haben.

Bei der Uranbombe war die Lage ähnlich. Nur die für den Reaktor wichtigen Wirkungsquerschnitte vermochten die deutschen Physiker an Natururan zu bestimmen. Da, wie Niels Bohr herausgefunden hatte, durch Bestrahlung mit langsamen ("thermischen") Neutronen das Uran-238 nicht spaltbar ist, beobachtete man dabei die Reaktion des seltenen Uran-235. Bei der Bestrahlung mit schnellen Neutronen überdeckte die Reaktion des Uran-238 den kleinen Beitrag des Uran-235. Dessen für die Bombe wichtigen Wert hätten sie auf diese Weise nur messen können, wenn ihre Arbeit an der Isotopentrennung so weit gediehen gewesen wäre, dass sie Proben mit hoch angereichertem Uran-235 herstellen konnten. Aber das war nicht der Fall.

Die deutschen Physiker kannten die Wirkungsquerschnitte nicht und nutzten auch keine Möglichkeiten, sie zu bestimmen.

Doch es hätte auch hier einen anderen Weg gegeben. Josef Mattauch, Nachfolger der 1938 emigrierten Lise Meitner am Kaiser-Wilhelm-Institut für Chemie, war ein Spezialist für die Massenspektrometrie von Isotopen. Er hätte einige Mikrogramm reines Uran-235 abtrennen können. Anschließend hätten in einem der Zyklotrone in Kopenhagen oder Paris die Wirkungsquerschnitte bestimmt werden können. Beides unterblieb. Die in den USA gemessenen Werte waren in Deutschland unbekannt, da sie erst nach Kriegsende veröffentlicht wurden.

Walker und die anderen Historiker haben weder registriert, dass die deutschen Physiker die Wirkungsquerschnitte für die Uran- und die Plutoniumbombe nicht kannten, noch, dass sie die Möglichkeit zu ihrer Bestimmung hatten, aber nicht nutzten. Trotzdem haben sie angenommen, sie hätten die kritische Masse irgendwie ausgerechnet. Wie steht es mit der anderen Grundvoraussetzung für die Konstruktion der Bombe, nämlich der Kenntnis des Prinzips ihrer Wirkungsweise? Antworten darauf liefern die "Geheimberichte". Die Wissenschaftler des Uranvereins richteten sie an ihren Auftraggeber, bis Anfang 1942 das Heereswaffenamt, danach den Reichsforschungsrat. In Kopien dienten sie aber auch der Information innerhalb des Uranvereins. Sie wurden auf Schreibmaschinen mit zahlreichen Durchschlägen getippt, Abbildungen und Formeln mussten die Autoren von Hand eintragen. Auffallend ist, dass sich nur ganz wenige Dokumente überhaupt mit der Bombe befassen.

In Heisenbergs erster Ausarbeitung über die Kernenergie vom Dezember 1939 findet sich in der Zusammenfassung nur ein Satz über die Bombe: Die Anreicherung von Uran-235, die es erlaube, sehr kompakte Reaktoren zu bauen, sei auch die einzige Methode, einen Sprengstoff herzustellen, dessen Explosivkraft die herkömmlicher Sprengmaterialien um mehrere Zehnerpotenzen übertreffe. Zuvor hatte er abgeschätzt, dass man für eine solche Reaktorbombe mindestens etliche Kilogramm, vielleicht sehr viel mehr fast reines Uran-235 herstellen müsse – ein "horrender" Aufwand, weil man Isotope bisher nur im Maßstab von Mikrogrammen abtrennen konnte. Die Bombe erschien möglich, jedoch unerreichbar. Im ausführlichen Teil seines Berichts schildert er die Explosion. Die dort angegebene Energie der Neutronen (300 Elektronvolt) ist aber um vier Größenordnungen geringer als die der tatsächlich erforderlichen schnellen Neutronen. Goudsmit, Bernstein, Rose und Karlsch haben bemerkt, dass diese Bombe nicht stärker wäre als eine konventionelle. Walker beruft sich dagegen allein auf den Satz in der Zusammenfassung, der so klingt, als ob das Prinzip der Bombe bekannt sei.

Reaktor und Bombe sollten nicht nur nach dem gleichen Prinzip arbeiten, sondern sogar die gleiche Form haben.

Der Ansatz, bei der Bombe wie schon beim Reaktor an thermische Neutronen zu denken, war kernphysikalisch durchaus sinnvoll. Enrico Fermi hatte nämlich 1934 entdeckt: Neutronen lösen meist umso wirksamer Kernreaktionen aus, je geringer ihre Energie ist. Dass man für eine Bombe schnelle Neutronen verwenden muss – trotz ihres unbekannten, nach theoretischen Erkenntnissen aber sehr kleinen Wirkungsquerschnitts –, ergibt sich erst, wenn man die Thermodynamik der Explosion studiert.

Ein Moderator ist Gift für die Bombe

Heisenbergs Doktorand Paul Müller hat die kernphysikalischen Parameter für eine nukleare Explosion genauer berechnet. Als Ergebnis für relativ langsame Neutronen (25 Elektronvolt) ermittelte er eine notwendige Anreicherung des Uran-235 auf knapp 70 Prozent und einen großen Bedarf an einem Moderator. Das erste Ergebnis ist scheinbar richtig, ein solcher Anreicherungsgrad ist für Uranbomben tatsächlich ausreichend. Aber das zweite Resultat entwertet es: Ein Moderator ist Gift für die Bombe. Wieder haben Rose und Karlsch den Fehler bemerkt. Walker hingegen hat Müllers Bericht, den einzigen, der sich ausschließlich mit nuklearen Sprengstoffen befasst, nicht beachtet.

Eine dritte Bestätigung des falschen Grundverständnisses liefert ein Brief an das Reichspatentamt, den Karl Wirtz 1941 verfasst hat. Er war ein wichtiger Mitarbeiter Heisenbergs, der ab 1957 den zuvor im Krieg gescheiterten Bau eines Reaktors im Kernforschungszentrum Karlsruhe umsetzte. Wirtz beschreibt eine wenige Millimeter dünne Platte aus Uran-235 von einem Quadratmeter Größe, die an beiden Seiten von einem Moderator umgeben ist; sie könne entweder eine nahezu unerschöpfliche Wärmequelle darstellen oder mit extremer Gewalt explodieren. Reaktor und Bombe sollten also nicht nur nach dem gleichen Prinzip arbeiten, sondern sogar die gleiche Form haben. Diesen Brief hat Karlsch erst nach 1990 in einem Moskauer Archiv gefunden. Aber Walker berücksichtigte ihn nicht, als auch er für seine Arbeit über die Geschichte der Institute Heisenbergs und Hahns die nach Russland gelangten Dokumente auswertete.

Eine passende Zahlenspanne schien die Kenntnis über die kritische Masse zu belegen

Ein weiterer Fehler hat die Geschichtsschreibung besonders nachhaltig geprägt. Ein ausführlicher Bericht des Heereswaffenamts über die erzielten Ergebnisse wurde 1942 für eine Konferenz erstellt, in der angesichts der verschlechterten Lage an den Kriegsfronten die weitere Förderung überprüft werden sollte. Dieses Dokument ist außerordentlich wertvoll, da es amtlich und vollständig den Wissensstand des Uranvereins beschreibt. Lange war es verschollen, bis Walker ein Exemplar bei Erich Bagge entdeckt hat, der im Uranverein an der Isotopentrennung gearbeitet hatte. Erneut fand Walker hier einen Satz, der die Kenntnis über die kritische Masse einer Bombe zu belegen schien: Für eine Explosion müsse man 10 bis 100 Kilogramm Uran-235 oder Element 94 an einem Ort vereinigen. Das stimmte in verblüffender Weise mit der Spanne überein, die gleichzeitig in den USA mit 2 bis 100 Kilogramm angegeben wurde.

Die physikalischen Erläuterungen im ausführlichen Berichtsteil enthalten jedoch eindeutige Beweise für die immer noch falschen Vorstellungen vom Funktionsprinzip der Bombe. Schon im Inhaltsverzeichnis erscheint sie wieder bloß als Sonderfall des Reaktors. Später werden als Vorgänge, die Neutronen erzeugen, nur die beiden für den Reaktor wichtigen genannt; die Spaltung von Uran-235 mit schnellen Neutronen wird nicht erwähnt. Die Aussagen zur Bombe beruhen allein auf den Arbeiten von Heisenberg und Müller aus den Jahren 1939 und 1940. Diese klaren Belege für die fehlende Erkenntnis, dass eine Bombe einzig mit schnellen Neutronen funktionieren kann, wurden bisher übersehen.

Da der Bericht so schwer zugänglich war, verließen sich viele andere Autoren auf Walkers Interpretation. Nur Rose und Karlsch haben anhand des Originals den Fehler bemerkt, aber unverständlicherweise angenommen, die Zahlenspanne bezöge sich auf eine anders funktionierende Plutoniumbombe. Mehr als ein Vierteljahrhundert lang galt die Mitteilung des Heereswaffenamts in Walkers Interpretation als Beweis für die ausreichende Kenntnis über die Bombe. Dabei störte es auch nicht, dass die Berechnung als einzige im Bericht nicht belegt wird: "Es ist unwichtig, wer die Abschätzung machte und wie sie gemacht wurde", so Walker. Für Bernstein dagegen, der den Bericht ebenfalls nur in Walkers Interpretation kannte, blieb die Zahlenangabe "ein Rätsel".

Es ist verwunderlich, dass Walkers Fehler bis jetzt unentdeckt blieb. Denn wenn man etwas von Kerntechnik versteht, lässt sich die Bedeutung der Spanne von 10 bis 100 Kilogramm leicht erklären. Sie passt gut zu dem, was Heisenberg beschrieben hat, nämlich einem Reaktor aus hoch angereichertem Uran-235 mit einem Moderator. Nach diesem Prinzip wurden bisher weltweit etwa 150 Forschungsreaktoren gebaut. Deren Brennelemente enthalten im Durchschnitt zehn Kilogramm, in Reaktoren mit größerer Leistung auch mehr als 50 Kilogramm hoch angereichertes Uran-235. Wie eine Atombombe können sie freilich nicht explodieren. Die Zahlenspanne könnte Wirtz für seinen Brief an das Patentamt berechnet haben. Wegen der extrem hohen Dichte des Urans beträgt die Masse einer einen Quadratmeter großen Platte bei einer Stärke von 0,5 bis 5 Millimetern tatsächlich 10 bis 100 Kilogramm. Die deutschen Physiker hatten also die kritische Masse eines Reaktors berechnet. Das konnten sie, weil sie dafür eine Theorie entwickelt hatten und die Wirkungsquerschnitte kannten. Und sie glaubten, mit hoch angereichertem Uran würde ein solcher Reaktor zu einer Atombombe.

Er hat keinen weiteren Schritt getan

Heisenberg gelangte zu neuen Einsichten – aber behielt sie für sich

Mit dieser Feststellung kann man auch die unbestätigten, sich zäh haltenden Behauptungen aus der Nachkriegszeit erklären, Heisenberg habe während des Kriegs von einer kritischen Masse von 50 Kilogramm gesprochen; in einer Konferenz mit Rüstungsminister Albert Speer soll er die Größe der Bombe mit einer Ananas verglichen haben (das entspräche etwa 25 Kilogramm). Diese Zahlenangaben passen in die Bandbreite, die der Bericht des Heereswaffenamts nennt, allerdings für die technisch unmögliche Reaktorbombe. Es ist für die Geschichtsschreibung also durchaus bedeutsam, herauszufinden, wer die Abschätzung machte und wie sie vorgenommen wurde – sonst läuft man Gefahr, sich von einer zufälligen Koinzidenz der Zahlen blenden zu lassen.

Aber Heisenberg war ein zu guter Physiker, um dauerhaft im Irrtum zu verharren. Auf der Konferenz im Februar 1942 zeigte er in seinem Einführungsvortrag eine schematische Darstellung der Vorgänge bei den Spaltungsreaktionen in Natururan und in reinem Uran-235 – und dort fehlt zum ersten Mal der Moderator. Es scheint also, als sei nun das richtige Prinzip der Bombe gemeint, aber im Text ist von der Spaltung mit schnellen Neutronen nicht die Rede. Nach dem Krieg hat Heisenberg behauptet, schon immer gewusst zu haben, dass die Bombe nur mit schnellen Neutronen möglich ist. Vielleicht hatte er die Grafik bloß gezeigt, um diese Aussage später untermauern zu können. Bis zum Kriegsende hat er diese neue Einsicht jedoch nirgends erwähnt. Seinen Fehler mit der Reaktorbombe hat er später nie zugegeben. Walker hat die Abbildung als Beweis für das Wissen über das richtige Prinzip der Bombe überbewertet: Heisenberg war nicht am Ziel, sondern endlich am Startpunkt für ein Verständnis der Bombenphysik angekommen, der in den USA schon Anfang 1940 erreicht war. Und er hat keinen weiteren Schritt getan.

Selbst der dritte und letzte Leiter des Uranprojekts, Walter Gerlach, kannte Heisenbergs neue Gedanken nicht. Das belegt sein Brief vom November 1944, in dem er auf den Vorwurf antwortet, der Uranverein arbeite zu wenig an kleinen Atombomben, die von Raketen getragen werden könnten: Leider sei die "stürmische Vermehrung" der Neutronen nur in Anordnungen mit vielen Tonnen von Uran und Moderator möglich. Goudsmit hatte den Brief 1947 als Beweis für das bis Kriegsende untaugliche Konzept der Bombe als Faksimile veröffentlicht. Aber Walker behauptete, Gerlach habe Reaktorexperimente beschrieben. Das ist nicht nur wegen des Kontextes des Briefs, der Frage nach der Bombe, widersinnig: Von einem Reaktorexperiment wäre nach einer "stürmischen Vermehrung" der Neutronen nicht viel übrig geblieben.

Meine Analyse der Dokumente gibt Goudsmit Recht, der schon 1947 resümiert hatte, dass die deutschen Wissenschaftler den Unterschied zwischen Reaktor und Bombe nicht verstanden hatten. Goudsmit war für diese Bewertung prädestiniert: Er war selbst Kernphysiker, vor dem Krieg mit Heisenberg befreundet und sprach  fließend Deutsch. Sein Verhältnis zu den Deutschen war nach dem Krieg schwer belastet, da seine Eltern in Auschwitz ermordet worden waren. Er kannte die Dokumente, die er gesammelt hatte, und konnte sie fachlich korrekt bewerten. Er hatte zudem viele deutsche Labore gesehen und die festgenommenen Wissenschaftler selbst verhört.

Die Rückbesinnung auf Goudsmits Urteil hat auch den Vorteil, nun alle Erkenntnisse konsistent zu machen. So ist jetzt klar, warum die deutschen Wissenschaftler nicht versuchten, die Wirkungsquerschnitte für die Spaltung durch schnelle Neutronen mit einem Zyklotron zu bestimmen: Sie wussten nicht, dass sie für die Bombe wichtig waren.

Belauschte Gespräche nach Kriegsende untermauern die Analyse

Es ist ein einzigartiger Glücksfall, das Ergebnis der Analyse der Dokumente durch eine weitere Quelle prüfen zu können: Nach dem Krieg waren die wichtigsten Mitglieder des Uranvereins ab Anfang Juli 1945 sechs Monate auf dem englischen Landsitz Farm Hall interniert. Das Haus war verwanzt, und alle Gespräche wurden aufgezeichnet. Daraus entstand ein teilweise wörtliches, teilweise zusammenfassendes Protokoll in englischer Sprache, das 1992 veröffentlicht wurde. Es erlaubt uns, heute noch – quasi live – mitzuerleben, wie die deutschen Wissenschaftler auf die Nachricht vom Abwurf der Atombombe auf Hiroschima reagierten. Einige sind erleichtert, dass sie die Bombe nicht gebaut hatten, andere bestürzt, dass die weltweite Führungsrolle der deutschen Kernphysik verloren war. Während der folgenden Tage versuchen sie erregt, das Funktionsprinzip der Bombe zu verstehen.

Bernstein staunte über den geringen intellektuellen Gehalt der Diskussion: Die Mitglieder des Uranvereins hatten bisher offensichtlich keine Ahnung von der Bombe. Von Hahn befragt, bekennt Heisenberg, die kritische Masse nie berechnet zu haben – was er noch in Farm Hall nachholte. Beim ersten Versuch macht er schwere Fehler und erhält als Ergebnis eine kritische Masse von einer Tonne Uran-235. Dabei verkalkuliert er sich sogar bei der einfachen Aufgabe, das Volumen der Urankugel aus ihrem Radius zu ermitteln. Eigentlich hätte sein Ergebnis sogar 13 Tonnen lauten müssen. Die beiden größten Atombombenexperten jener Zeit – Edward Teller, der oft als Vater der Wasserstoffbombe bezeichnet wird, und Hans Bethe, der Leiter der Theorieabteilung für Bombenphysik im Manhattan-Projekt – haben aus dem Protokoll geschlossen, dass Heisenberg die Berechnung tatsächlich erstmals versuchte. Er beging typische Anfängerfehler, die auch ihnen unterlaufen waren. Bernstein war überzeugt: Keinem Wissenschaftler würden solche Schnitzer ein zweites Mal passieren. Das anschließende Rätselraten der Physiker über den Wirkungsquerschnitt für die Spaltung von Uran-235 mit schnellen Neutronen, das im Protokoll Seiten füllt, bestätigt ihre Unkenntnis.

"Nicht einmal eine Woche ersthaft nachgedacht"

Eine Woche später hält Heisenberg einen eindrucksvollen Seminarvortrag über die Physik der Bombe. Er hatte erstaunliche Fortschritte gemacht und viele wesentliche Aspekte richtig erkannt. Dazu gehörte ebenfalls das Problem der Effizienz der Bombe, wenngleich er es immer noch unterschätzte. Dieses Wissen, das oft als Beleg für die richtigen Vorstellungen der deutschen Physiker über die Bombe bewertet wurde, ist eindeutig erst nach dem Krieg – und in Kenntnis wichtiger Fakten über die Hiroschima-Bombe (mehr darüber lesen Sie auf diesen Seiten von ZEIT ONLINE) – entstanden.

Die Farm-Hall-Protokolle untermauern das Ergebnis der Analyse der Dokumente: Den Mitgliedern des Uranvereins war die Funktionsweise einer nuklearen Explosion fremd. Heisenbergs Anfängerfehler belegen, dass er sie noch nie durchgerechnet hatte. Sein Seminarvortrag wiederum zeigt, dass ihm eine Woche genügte, um ein Grundverständnis der Physik der Bombe zu erlangen. Das ist der Gegenbeweis sowohl zu Roses Behauptung, er sei dazu nicht fähig gewesen, wie auch zu Powers Theorie, er habe es schon früher gewusst. Nach dieser Feststellung drängt sich allerdings der Umkehrschluss auf, den keiner der Historiker gezogen hat: Offenbar hat Heisenberg während des Kriegs nicht einmal eine Woche lang ernsthaft über die Physik der Bombe nachgedacht.

Alle Verantwortlichen wollten ein Großprojekt vermeiden – mit einer erreichbaren Bombe wäre es beschlossen worden.

30 bis 40 Jahre nach dem Krieg war ich als Leiter des bundesdeutschen Kerntechnikprogramms in gewisser Weise ein Nachfolger Gerlachs. Deshalb ist mir auch etwas sehr Ungewöhnliches an der Arbeitsweise des Uranvereins aufgefallen. Wenn man technologisches Neuland betritt, ist es sinnvoll, anfangs mehrere alternative Lösungen zu verfolgen. Mit fortschreitender Zeit sollten aber die personellen und  finanziellen Ressourcen auf die erfolgversprechenderen übertragen werden, bis sich zuletzt alle Kraft auf die aussichtsreichste Strategie konzentriert. Beim Uranverein geschah das Gegenteil: Die Zahl der Reaktorexperimente und der untersuchten Verfahren für die Isotopentrennung nahm mit den Jahren zu. Die Historiker vermuteten dahinter Führungsschwäche. Aber da eine Fokussierung nicht ein einziges Mal versucht wurde, liegt vielmehr der Schluss nahe: Dieses Projekt war nicht ernsthaft erfolgsorientiert. Viele Wissenschaftler fürchteten, dass sie im Fall der Einstellung ihres Vorhabens nicht zu einem anderen wechseln, sondern an die Front beordert würden.

Für all die verstreut arbeitenden Grüppchen waren ihre Teilprojekte eine Lebensversicherung. Während Millionen von Menschen an den Fronten des Kriegs fielen, durch Bombardierungen in den Städten umkamen und in Vernichtungslagern ermordet wurden, konnten sie bis zuletzt in ihren 1944 in die Provinz verlagerten Instituten weitgehend frei forschen. So lächerlich gering die personelle und finanzielle Ausstattung gemessen an der Aufgabe auch war, sie hatten viel mehr Geld zur Verfügung als in den 30 Jahren zuvor, die durch den Ersten Weltkrieg und die Wirtschaftskrise gekennzeichnet gewesen waren. Ein zentralisiertes Großprojekt hätte diese Idylle zerstört – und wäre lebensgefährlich gewesen. Sogar der erste Programmleiter Abraham Esau hatte seine Kollegen gewarnt, zu viel über die Atombombe zu reden: Wenn "es möglich ist, eine Atombombe zu bauen, dann werden Sie alle zur Arbeit herangezogen. Doch wenn zwei Jahre später noch immer keine Bombe existiert, dann sind Sie verloren." Alle, die Wissenschaftler wie die staatlich Verantwortlichen, fürchteten deshalb ein Großprojekt. Es wäre aber sehr wahrscheinlich beschlossen worden, wenn die Bombe in Reichweite gekommen wäre. So war es besser, sich nicht mit ihrer Physik zu beschäftigen.

Man kann nur verschweigen, was man nicht weiß

Für Heisenberg galt das besonders. Im Juli 1937 war er im SS-Kampfblatt Das schwarze Korps als "weißer Jude" denunziert worden, weil er Relativitätstheorie und Quantenphysik unterstützte, die in den Augen der Nationalsozialisten "undeutsch" waren. Dieser Vorwurf hätte Internierung und Tod in einem Konzentrationslager bedeuten können. Heisenberg bewirkte jedoch eine Untersuchung durch den "Reichsführer SS", Heinrich Himmler. Sie nahm ein ganzes Jahr in Anspruch. Wieder und wieder wurde er verhört. Wahrscheinlich ist seine Rettung dem Einsatz seines Kollegen Ludwig Prandtl zu verdanken, der als Leiter des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Strömungsforschung wichtig für die Aufrüstung der Luftwaffe war. In dieser Zeit muss Heisenberg klar geworden sein: Man konnte diesem totalitären Regime nur verschweigen, was man nicht wusste. Dass er nie herausgefunden hatte, wie die Bombe funktioniert, war nicht Unfähigkeit, sondern Klugheit.

"Ich danke Gott auf den Knien"

Das klärt am Ende vielleicht eine weitere Frage, die sich mancher Naturwissenschaftler stellen dürfte: Selbst wenn die Beschäftigung mit der Bombe Zeitverschwendung gewesen wäre, weil sie auf absehbare Zeit unerreichbar war – hätte die deutschen Physiker ihre sonst so ausgeprägte Neugier nicht dazu drängen müssen, herauszufinden, welche extremen Vorgänge sich in solch einer Höllenmaschine abspielen? Offenbar war ihre Angst größer als ihre Neugier.

Durch die Vernachlässigung oder Verkennung physikalischer Gesetzmäßigkeiten hat sich in der Geschichtsschreibung eine dicke Schicht von Fehlern über den Fakten ausgebreitet – und das, obwohl mehrere amerikanische und deutsche Physiker viele Unkorrektheiten benannt haben, darunter die besten Kenner der Physik der Bombe. Ihrer Anerkennung stand bisher der vermeintliche Beweis über das Wissen über die kritischen Masse der Bombe entgegen, den Walker dem Bericht des Heereswaffenamts entnommen hatte. Nun ist klar, dass auch dieser letzte, bislang unwidersprochene Beleg für Walkers Deutung eine Fehlinterpretation war. Damit ist eine Neubewertung erforderlich. Dabei sollte die Geschichtsschreibung künftig zwingende Ableitungen, was damals möglich oder unmöglich war, berücksichtigen und bei der Interpretation des physikalischen Inhalts der Dokumente die Fachkunde von Naturwissenschaftlern nutzen.

Das Fazit meiner Analyse lautet: Die deutschen Wissenschaftler wussten im "Dritten Reich" nicht, wie eine Atombombe konstruiert werden muss. Sie haben nicht an der Physik der Bombe gearbeitet und keine Schritte unternommen, sie zu bauen. Zwar wäre der Reaktor, den sie erfolglos zu entwickeln versuchten, technisch eine Voraussetzung für eine Plutoniumbombe gewesen, aber ohne Einsicht in die Physik der Bombe war er ein ziviles Ziel – abgesehen von der Möglichkeit, ihn möglicherweise zum Antrieb von Kriegsschiffen einzusetzen.

Es waren nicht ökonomische Grenzen, die verhinderten, dass Hitler in den Besitz von Atomwaffen gelangte; jedenfalls sind die deutschen Physiker nie auch nur in deren Nähe gekommen. Der wichtigste Grund war die Angst vor dem nationalsozialistischen Regime. Schon Goudsmit hatte geschrieben, dass "Wissenschaft unter dem Faschismus nie ein Äquivalent der Wissenschaft in einer Demokratie war".

Ob Mitglieder des Uranvereins moralische Bedenken hatten, eine Atombombe für Hitler zu bauen, können wir den Quellen nicht entnehmen. Aber sie haben, wie die Farm-Hall-Protokolle belegen, eine gemeinsame Lesart ihrer Geschichte entwickelt: Sie hätten sehr wohl gewusst, wie eine Atombombe gebaut werden könnte; dies sei unter den damaligen Bedingungen jedoch schlicht nicht möglich gewesen. Sie haben also selbst zu Walkers Interpretation beigetragen. Auch ihnen schien es wohl im Blick auf denkbare Vorwürfe im Nachkriegsdeutschland angenehmer zu sein, die "Wunderwaffe" wäre nur aus ökonomischen Gründen ausgeblieben. Tatsächlich haben sie einen großen Bogen um die Bombe gemacht.

Es ist ein tröstlicher Gedanke, dass dem nationalsozialistischen Regime gerade wegen seiner Unmenschlichkeit diese Waffe verwehrt blieb. Unter einer demokratischen Regierung hätten einige der Physiker möglicherweise ebenso eifrig an der Entwicklung der Bombe gearbeitet wie ihre Kollegen in den USA. Andere waren erleichtert, dass ihnen das erspart geblieben war. Für sie hat Otto Hahn das Schlusswort gesprochen: "Ich danke Gott auf den Knien, dass wir die Uranbombe nicht gemacht haben."

Dieser Gastbeitrag ist in der Dezember-Ausgabe von "Spektrum der Wissenschaft" erschienen. Weitere Hintergründe und Videos zum Thema finden Sie aufspektrum.de.