Erstlich musst du Dir ein reines sauberes Zimmer aussuchen, und davor ethliche Tage mit Weyrauch, Myrrhen und Teufelsdreck räuchern. Statte es mit einer ungebrauchten Bett Stadt aus, darein eine noch nicht gebrauchte Matratze und Kissen. In die Mitte des Zimmers stelle einen ganz neuen Tisch und drei neue Sessel oder Stühle. An dem ersten Freitag des Neumonds faste bis die Sterne am Himmel stehen. Trage einen neuen Rock, Hosen, Socken, Schuhe und Hut und gehe um zehn Uhr abends in den Raum, ohne es jemandem zu sagen. Erfülle den Raum erneut mit Rauch und bestücke den Tisch mit Tellern, Brot, Vasen und Gläsern, gefüllt mit frischem Brunnenwasser sowie einem Pentaculum veneris.

Wer Geister beschwören wollte, musste im Verborgenen handeln. Er musste lesen können, vermögend sein und Zeit haben. Denn von der astrologischen Bestimmung des richtigen Zeitpunkts bis zur Entlassung des Geistes vergingen mitunter Monate. Was mystisch klingt, war noch im 18. Jahrhundert alltäglicher Ernst: Die Menschen praktizierten Rituale, um Stürme zu vertreiben, Geld zu mehren, gar Fliegen zu lernen. Und sie schrieben ihre kostbaren Sprüche nieder, obwohl dies unter harter Strafe verboten war.

Wie beliebt magische Rituale waren, zeigt eine Schriftensammlung aus dem späten 17. Jahrhundert, die bis vor Kurzem in Vergessenheit geraten war*. Nur zufällig haben zwei Wissenschaftler sie jüngst in den Archiven der Universitätsbibliothek Leipzig entdeckt. Die 140 Manuskripte voll Abrakadabras, Geisterbeschwörung und Höllenzwang sowie dem ein oder anderen Liebestrank sind eine der bedeutendsten Sammlungen gelehrtenmagischer Handschriften Kontinentaleuropas. Magiehistoriker sind von der Wiederentdeckung begeistert.

So baut man die perfekte Wünschelrute

Sie wollten schon immer wissen, wie man eine Nymphe heiratet? Auf sieben Seiten ist das Ritual detailliert erklärt.

"Es handelt sich um Abschriften, Übersetzungen und Neuzusammenstellungen von Quellen, die bis zu 1.600 Jahre alt sind", sagt Daniel Bellingradt, Juniorprofessor für Buchwissenschaft an der FAU in Erlangen. Da finden sich etwa Ritualskripte, um die Zukunft vorherzusagen oder nach größter astrologisch-alchemistischer Kunst Talismane herzustellen. Es gibt explizite Anleitungen, um – je nach Problemlage – Engel oder Dämonen zu beschwören. Und praktische Tipps für die perfekte Wünschelrute, den schärfsten Zauberspiegel oder die bequemsten Sieben-Meilen-Stiefel. Auf rund 10.000 Seiten ist der Zauber des Alten Orients, aus Ägypten, dem antiken Griechenland, der römischen Welt sowie jüdisch-christlichen und muslimischen Traditionen gebündelt.

Setze dich auf den Stuhl vor der Tür, durch die die Geister kommen werden, und bete. Sobald du nach der letzten Beschwörung ein Geräusch hörst, lege dich auf das Bett, während die drei Weibsbilder von englischer Schönheit in den Raum kommen, dich begrüßen und sanft lachen, während sie sich auf das Bett setzen. Sag kein Wort und sie werden Würfeln und Karten spielen.

"Während der Epoche Frühe Neuzeit von zirka 1450 bis 1800 hat die Gelehrtenwelt in Europa antikes Wissen wiederentdeckt", sagt der Religionswissenschaftler Bernd-Christian Otto von der Universität Erfurt, der die Schriften mit Bellingradt analysiert und nun in einem Buch veröffentlicht hat. Während also das Licht der Erkenntnis Politik, Literatur und Kunst erhellte, sich Traditionen verwissenschaftlichen und Rationalismus sich ausbreitete, fand gleichzeitig eine dunkle Aufklärung statt.

"Magie hat zu allen Zeiten in allen gesellschaftlichen Schichten existiert", sagt der Theologe und Religionswissenschaftler Marco Frenschkowski von der Universität Leipzig, der ebenfalls an magischen Ritualtexten forscht. Sie sei nie nur "volkstümlich" gewesen. "Es gab auch eine Gelehrtenmagie, die an Höfen, Universitäten, bei Klerikern und Ärzten praktiziert wurde" – selbst in Zeiten, in denen es Hexereiprozesse gegeben hat, und noch weit danach, wie die Leipziger Sammlung zeigt.

"Die Bandbreite der Themen ist enorm", sagt Otto. Meistens habe der Verfasser sich selbst bereichern oder schützen wollen. Glück, Liebe, Erfolg, Geld waren das Ziel, nur wenigen sei es darum gegangen, anderen zu schaden. Man wollte oftmals erschaffen, nicht immer vernichten. "Es gibt durchaus Schadensintentionen in der Leipziger Sammlung", sagt Otto, sie machten aber nur etwa fünf Prozent der Handschriften aus. Wer darin blättert, lernt im Schnellverfahren, wie man sich mit Hilfe eines Geistes unsichtbar macht, wie sich Messer mit Kraftzeichen aufladen lassen und Kämpfer unverwundbar werden. "Überraschend ist, wie kurz die Anleitungen hierfür sind", sagt Otto. Denn wenn eine Zauberei nicht klappt, bieten kompliziertere Zauberanleitungen eine viel bessere Ausrede. "Wenn Sie darauf achten müssen, dass er Mond richtig steht, das weiße Leinengewand das korrekte, auf vorgeschriebene Weise hergestellte Siegel trägt und die Gebetsformel richtig betont ist", erklärt der Religionswissenschaftler, "dann erschien der Geist vielleicht deshalb nicht, weil man auf Seite 56 von 100 einen Schritt übersehen hat".

*Anm. d. Red.: In einer ersten Version des Textes stand "bis heute". Da die Manuskripte bereits 2011 digitalisiert wurden (siehe Infobox oben) – wenn auch nicht genauer analysiert – haben wir diese Stelle nachträglich geändert. Zudem ist die Überschrift in "wieder entdeckt" geändert.