"An Raul Hilbergs, Destruction of European Jewry, 1963 traut sich hier auch keiner ran", schrieb Hans-Ulrich Wehler im September 1967 in einem Brief an Walter Boehlich. Unter Angabe eines fehlerhaften Buchtitels und eines falschen Erscheinungsjahres machte der damals 36-jährige Assistent an der Uni Köln den Cheflektor des Suhrkamp Verlages auf Hilbergs opus magnum aufmerksam, um eine Publikation des "Hilberg" anzuregen. Wehlers Vorschlag blieb ohne Widerhall. Doch zeigt er zweierlei: Hilbergs Buch war in den sechziger Jahren auch in der deutschen Historikerzunft bekannt und man wusste um seine Publikationsschwierigkeiten.*

Der Autor war ein junger Politikprofessor aus Vermont, Jahrgang 1926, der mit seinen jüdischen Eltern 1939 vor dem Naziterror aus seiner Heimatstadt Wien in die USA geflohen war. Ein großer Teil seiner aus Galizien stammenden Familie wurde von den Deutschen ermordet. 1948 begann Hilberg mit seinen Studien zum Holocaust, der zu dieser Zeit noch keinen Namen hatte. Hilberg wies nach dem Studium Tausender Akten nach, dass alle Teile der deutschen Gesellschaft in die Vernichtung der Juden involviert waren – vom evangelischen Pfarrhaus über die Reichspost und private Banken sowie Versicherungen bis hin zur Wehrmacht und zum Auswärtigen Amt. Er belegte, dass die "Endlösung" ein gewaltiger, bürokratischer und arbeitsteiliger Vorgang war.

René Schlott ist Historiker am Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam und arbeitet an einer Biographie des Holocaust-Forschers Raul Hilberg. 2016 hat er mit Walter Pehle den Band "Anatomie des Holocaust" mit Erinnerungen und Essays von Raul Hilberg herausgegeben. © Martin Schmitt

Der lange, mehr als 20 Jahre dauernde Weg zur deutschen Übersetzung von Hilbergs 1961 erschienenem Standardwerk The Destruction of the European Jews, der weltweit ersten Gesamtdarstellung des Verfolgungs- und Mordprozesses der Jahre 1933 bis 1945, war in den vergangenen Tagen Gegenstand zahlreicher Medienbeiträge. Anlass einer teils öffentlich ausgetragenen Kontroverse waren zwei vor einer Konferenz zum zehnten Todestag von Raul Hilbergs bekanntgewordene Gutachten von Mitarbeitern des Münchener Instituts für Zeitgeschichte (IfZ) aus den frühen sechziger Jahren (vermutlich 1964) und aus dem Februar 1980. Beide Gutachten raten von einer Übersetzung des "Hilberg" ins Deutsche ab.

Zwei Gutachten als Puzzlesteine

Als ich im Juli 2012 im Archiv des IfZ eher zufällig auf das erste Gutachten stieß, war ich weniger vom Inhalt überrascht (die Zahl der Ablehnungen von Hilbergs Manuskript durch US-amerikanische, israelische und bundesdeutsche Verlage geht unter Angabe ganz unterschiedlicher Gründe in die Dutzende), als vielmehr von der Form seiner Überlieferung. Das Papier trägt nämlich weder einen Adressaten, noch einen Verfasser; es ist nicht mit einem Datum versehen und es endet mitten in einem getrennten Wort, ist also unvollständig und mindestens eine Seite fehlt. 

Es ist bis heute ein Fragment und enthält Aussagen wie, dass "die wesentlichsten Fakten (...) über die Endlösung dem deutschen Publikum vertraut" seien, von deutschen Autoren andere Werke mit einer "modernere[n] Sehweise" unmittelbar vor der Veröffentlichung stünden und sich die "Aufklärung über die Judenverfolgung (...) in der bisherigen Form wohl weitgehend totgelaufen" habe. Dies alles liest sich vor dem Hintergrund einer bundesdeutschen Öffentlichkeit, die damals den Auschwitzprozess in Frankfurt/Main verfolgte und über die drohende Verjährung der nationalsozialistischen Mordtaten debattierte.

(Die) Aufklärung über die Judenverfolgung ... (hat sich) in der bisherigen Form wohl weitgehend totgelaufen
Gutachten zur Hilberg-Übersetzung aus den frühen sechziger Jahren

Nach dem Fund des ersten Gutachtens fragte ich einige mit der Materie vertraute Historiker wie Hans Mommsen, Walter Pehle und Götz Aly nach einer Einschätzung zur möglichen Autorenschaft des Gutachtens. Wirklich geklärt ist diese Frage bis heute nicht, doch die Aufmerksamkeit war auf das Verhältnis von IfZ und Hilberg gelenkt. Als ich Aly schließlich zur Hilberg-Konferenz einlud, wollte er über das Gutachten sprechen und dazu vorab weiter in München recherchieren, auch um die fehlenden Teile des ersten Gutachtens zu suchen. Stattdessen stieß er auf das zweite, in diesem Fall vollständig erhaltene Gutachten, verfasst von Dr. Ino Arndt. Nun lagen zwei im Abstand von zwei Jahrzehnten verfasste Ablehnungen des führenden deutschen Zeitgeschichtsinstituts vor, deren Inhalt es ohne Anklage- und Schuldzuweisungsgestus zu erklären gilt. Denn was die moralische Beurteilung historischer Vorgänge angeht, so ist man mit Zurückhaltung immer gut beraten: Wir sind heute nicht klüger, nur später.

Zunächst einmal sind die beiden Gutachten zwei Puzzlesteine im komplexen und noch nicht vollständig aufgeklärten Motivgeflecht für das späte Erscheinen des "Hilberg" in deutscher Sprache. Zudem führen sie vor Augen, dass der Holocaust über Jahrzehnte ein Außenseiterthema war, das langsam und unter Widerständen zu einem der zentralen Gegenstände deutscher Geschichtsschreibung und damit auch der deutschen Erinnerungskultur wurde. Heute findet eine Mehrheit der Deutschen es selbstverständlich, dass ein großes Denkmal mitten in Berlin an die ermordeten Juden Europas erinnert. Doch hat es fast zwei Jahrzehnte von der Idee bis zur Einweihung gebraucht, um es zu realisieren.

In seiner vielbeachteten Rede zum 70. Jahrestag des Kriegsendes 2015 im Deutschen Bundestag sagte der Historiker Heinrich August Winkler: "Es sollten Jahrzehnte vergehen, bis sich in Deutschland, nicht zuletzt dank der bahnbrechenden Forschungen von jüdischen Gelehrten wie Joseph Wulf, Gerald Reitlinger, Raul Hilberg und Saul Friedländer, die Einsicht durchsetzte, dass der Holocaust die Zentraltatsache der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts ist."

Warum aber hatten alle vier von Winkler genannten Historiker, Schwierigkeiten oder teils auch offene Konflikte mit dem IfZ oder mit einzelnen Mitarbeitern des Hauses?