Auf Gestein herumkritzeln oder mit Farbe oder Blut Abdrücke von Händen und Füßen hinterlassen: Uralte Höhlenmalereien zeugen weltweit davon, wie früh Frauen und Männer anfingen, ihre Welt zu abstrahieren. Und aufzumalen. Nun legte eine Studie nahe: Nicht der Homo sapiens, also der moderne Mensch, sondern schon der Neandertaler könnte es gewesen sein, der erste Felszeichnungen schuf. Dies lassen menschliche Spuren vermuten, die ein internationales Forscherteam in drei spanischen Höhlen gefunden hat. Die Malereien sind nach Erkenntnissen der Wissenschaftler mindestens 64.000 Jahre alt – und somit mehr als 20.000 Jahre früher entstanden, als Homo sapiens dort gelebt haben soll.

Neben den Umrissen von Händen und geometrischen Formen stieß das Team um Dirk Hoffmann vom Leipziger Max-Planck-Institut in einer weiteren Höhle auf perforierte Muscheln und Behälter mit komplexen Farbmischungen, die rund 115.000 Jahre alt seien. Damit sei bewiesen, dass der Neandertaler dem modernen Menschen geistig ebenbürtig gewesen sei, schreiben die Forscher im Wissenschaftsmagazin Science (Hoffmann et al., 2018). Bislang wurde nur dem modernen Menschen die Fähigkeit zugeschrieben, symbolische Kunst anfertigen zu können.  

Der Nachweis gelang dem Team nach eigenen Angaben mit einer noch recht neuen Art der Altersbestimmung, der Uran-Thorium-Datierung. Damit untersuchten sie Salzkrusten auf den Farbpigmenten der Malereien in drei Höhlen im Norden, Westen und Süden Spaniens. "Unsere Ergebnisse zeigen, dass die Höhlenkunst an diesen drei Standorten viel älter ist als bisher angenommen", teilte Alistair Pike von der Universität Southampton mit, der an der Studie beteiligt war. "Die Höhlenkunst muss also von Neandertalern geschaffen worden sein."

Ein neues Verständnis der Evolution

Die neuen Daten könnten erhebliche Folgen für das Verständnis der Evolution haben: Wenn Neandertaler und moderne Männer und Frauen dieselben kognitiven Fähigkeiten hatten, müssten auf der Suche nach deren Wurzeln auch die gemeinsamen Vorfahren beider Arten in den Fokus genommen werden. Auf der Suche nach den Ursprüngen von Sprache und entwickeltem Denkvermögen müssen wir deshalb viel weiter in unsere Vergangenheit zurückblicken", sagte João Zilhão von der Catalan Institution for Research and Advanced Studies. Auch er wirkte an den Untersuchungen mit.

Der Direktor am Leipziger Max-Planck-Institut, Jean-Jacques Hublin, warnte allerdings vor Spekulationen, der Neandertaler sei dem Homo sapiens in allen Bereichen ebenbürtig gewesen. Zwar habe es in den letzten Jahren viele Hinweise darauf gegeben, dass Neandertaler komplexe Wesen waren. Wie der moderne Mensch seien sie jedoch nicht gewesen.