Die Fälle mit dem neuen H1N1 nehmen deutlich zu
Frage: Wie können Sie unterscheiden, ob eine Erkrankung oder ein Todesfall zufällig nach einer Impfung geschehen ist oder durch sie verursacht wurde?
Löwer: Das ist nicht einfach, weil es keinen Test gibt, der den Zusammenhang mit der Impfung nachweisen kann. Zum einen muss es biologisch plausibel sein. Man muss zumindest eine nachvollziehbare Brücke zur Impfung schlagen können. Außerdem kann man berechnen, wie häufig bestimmte Erkrankungen etwa in den vier Wochen nach einer Impfung ganz regulär auftreten sollten. Gibt es da einen Anstieg, ist das ein Hinweis. Dafür ist die Epidemiologie sehr wichtig, leider ist das Feld in Deutschland aber unterentwickelt, weil es nicht wirklich gefördert wurde. Deshalb liegen uns nur begrenzte Daten vor. Wie häufig bei jungen Frauen zwischen 20 und 25 im Herbst eine Fehlgeburt vorkommt, kann man zum Beispiel nicht ohne weiteres herausfinden. In anderen Ländern wie Großbritannien gibt es aber sehr ausführliche Daten, auf die wir zurückgreifen können.
Frage: Der neue Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler hat gesagt, die saisonale Grippe sei zurzeit gefährlicher als die Schweinegrippe. Hat er recht?
Löwer: Das ist schon sehr verkürzt – er hat auch gesagt, dass er sich gegen die Schweinegrippe impfen lassen wird. Klar ist: Die Fälle mit dem neuen H1N1 nehmen deutlich zu und sie verdrängen mindestens einen Teil der saisonalen Grippeerreger. Wenn man bei Grippekranken den Influenzaerreger findet, ist es doch sehr häufig das neue H1N1-Virus.
Frage: Aber es heißt doch immer wieder, dass an der saisonalen Grippe jedes Jahr 8000 bis 11.000 Menschen sterben.
Löwer: Mit dieser Zahl muss man sehr vorsichtig sein, denn im Grunde wird da die "Übersterblichkeit" gemessen, also wie viele Menschen mehr sterben als erwartet. Außerdem betrifft die saisonale Grippe meist Menschen jenseits der 65. Während bei den Todesfällen durch das neue H1N1-Virus, die wir bisher in Deutschland hatten, Kinder und Erwachsene unter 60 Jahren betroffen waren. Die schweren Verläufe und auch die Todesfälle treten weltweit in der Mehrheit bei Personen unter 65 auf. Das ist ein ganz entscheidender Unterschied.
Frage: Es gibt viel Kritik an den Verbindungen der Pharmaindustrie zu Zulassungsbehörden und Gremien wie der Ständigen Impfkommission. Ist die Pandemie nur eine Inszenierung der Pharmaindustrie?
Löwer: Nein, wir haben bei uns im Haus sehr strenge Regeln. Unsere Mitarbeiter müssen jedes Jahr genau angeben, ob es Interessenkonflikte gibt und auch ob nach ihrer Kenntnis ihre Kinder oder Lebenspartner solche Verbindungen haben. Sollte dann ein Interessenkonflikt bestehen, werden die betreffenden Personen von den Verfahren ausgeschlossen. Grundsätzlich ist es schwierig, externe Experten für Sachverständigenausschüsse zu finden. Sie brauchen Personen, die an den Universitäten forschen, und da bestehen natürlich viele Kontakte in die Pharmaindustrie. Dies gilt auch für Gremien wie die Ständige Impfkommission. Dort ist es aber auch so, dass Personen, die Interessenkonflikte angeben, an den entsprechenden Diskussionen und Abstimmungen nicht teilnehmen.
Frage: Haben Sie sich bereits impfen lassen?
Löwer: Ja, vor zwei Stunden. Ich merke aber noch nichts. Viele meiner Kollegen haben mir allerdings von Reaktionen erzählt. Dass ihnen der Arm wehtat und sie eine Nacht nicht auf der Seite schlafen konnten, dass sie in der Nacht einen leichten Schüttelfrost hatten oder Kreislaufschwierigkeiten. Solche Reaktionen treten nicht selten auf.
Johannes Löwer (64) ist Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI) in Langen und kommissarischer Leiter des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte.
(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 03.11.2009)
- Datum 03.11.2009 - 17:10 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Quelle ZEIT ONLINE, Tagesspiegel
- Kommentare 2
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:






Mich wundert immer, immer wieder, wie weit entfernt vom wirklichen Leben viele der Entscheider an verantwortungsvollen Positionen dahinwerkeln.
Ich muss also nur meine Mitarbeiter oder am Projekt Beteiligte fragen, ob diese irgendwelchen Interessenkonfikten ausgesetzt sind, erhalte dann eine EHRLICHE Antwort, kann dann die Betroffenen - ja was? - aussondern und schwupps habe ich wieder eine objektive querinteressensfreie Truppe zusammen (, die zum größten Teil auf irgendwelche Art und Weisen Gelder von der Pharmaindustrie beziehen, wie zugegeben).
Schön, wenn da nur nicht die zahllosen und immer wiederkehrenden Beispiele in der Menschheitsgeschichte existierten, die genau das Gegenteil darstellen oder hab' ich da einen jüngsten Evolutionsschritt übersehen?
Auch wenn das Glaubensbekenntnis der Pharma-Religion bei den Boulevardblättern und leider auch bei der ZEIT täglich rezitiert wird, so darf gehofft werden, dass unsere Ärzte Ihrer Position treu bleiben. Denn nur einer von sechs Ärzten rät zur Impfung.
http://www.bz-berlin.de/a...
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren