Schweinegrippe in Russland Wodka zum Einreiben und Tee mit Honig

Nur wenige Russen lassen sich gegen H1N1 impfen. Dafür sind Antivirenmittel und Schutzmasken ohne nachgewiesene Wirkung ausverkauft. Von Johannes Voswinkel, Moskau

In der Moskauer U-Bahn tragen nur wenige Mundschutz. Mediziner raten sogar von den Masken ab, da sie das Infektionsrisiko noch erhöhen könnten

In der Moskauer U-Bahn tragen nur wenige Mundschutz. Mediziner raten sogar von den Masken ab, da sie das Infektionsrisiko noch erhöhen könnten

Die unter dem Namen "Schweinegrippe" bekannt gewordene H1N1-Grippe ist in Russland ein Thema unter vielen – neben der Einführung der Militärpolizei, der auf neun Prozent gestiegenen Arbeitslosigkeit und dem Polizeimajor aus Noworossijsk, der öffentlich in einem Videoblog seine Vorgesetzten getürkter Fälle für eine bessere Aufklärungsstatistik beschuldigt.

Von Hysterie ist nur wenig zu spüren. Dass viele Schulen für eine zusätzliche Herbstferienwoche geschlossen bleiben und Universitäten in manchen östlichen Landesteilen in Zwangsferien gehen, freut die Kinder und Studenten. Angst kommt kaum auf. Zumal das Gesundheitsministerium an Journalisten die unzweideutige Anweisung ausgibt: Keine Panik säen!

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Tatsächlich liegt nach offizieller Verlautbarung die Erkrankungsrate bei Atemwegserkrankungen und Grippe landesweit nicht höher als in früheren Jahren. Bisher sind in Russland 25 Menschen an Schweinegrippe gestorben. Zu den letzten Todesfällen zählen eine 32-jährige Moskauerin, bei der die Krankheit nach der Geburt ihres Kindes im Krankenhaus ausbrach, und eine Schülerin. Die Gesamtzahl der bestätigten Schweinegrippefälle beläuft sich auf 4560.

Viele Russen begegnen der Influenza mit einem Gleichmut, der auf der Mischung aus Desinteresse, naivem Optimismus und der Grunderkenntnis beruht, dass das Leben in jedem Fall ein gefährdetes Etwas sei. Immerhin, argumentieren manche, sterben in Russland täglich 110 Menschen an Alkoholvergiftung und 93 Menschen bei Autounfällen. Das nimmt der Grippe, und sei es der "normalen", die täglich statistisch bis zu 40 Tote fordern kann, ein Stück ihrer Bedrohlichkeit.

Vom Staat wird Hilfe gefordert, aber kaum erwartet. Und wenn sie denn kommt, wird sie mit großer Skepsis betrachtet. Viele halten nichts von der Schweinegrippe-Impfung, die seit Montag bei Angehörigen der größten Risikogruppen, den Mitarbeitern der kommunalen Hausverwaltungen und der Strom- und Wasserwerke, durchgeführt werden.

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Wie die Schweinegrippe zur globalen Gefahr wurde

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Aber sie protestieren nicht öffentlich, sondern entziehen sich im typischen passiven Individualismus allen Vorsorgeappellen. Die Russen vertrauen auf die häusliche Vorbeugung, die Heilung durch Antivirenmittel und Paracetamol, Tee mit Honig, Wodka zum Einreiben und viel Knoblauch. Die Hysterie, die beim Gedanken an die eigene Ansteckung bisher ausbleibt, entsteht viel eher, wenn Gerüchte über Maskenpflicht und Zwangsstrafen kursieren.

So berichteten Apotheker über Unternehmer, die vor Wochen kartonweise medizinische Schutzmasken kauften, um sie an ihre Mitarbeiter zu verteilen. Wenn man die nicht habe, so hätten sie gehört, gäbe es bei Betriebskontrollen Strafen. Wer da auf welcher Grundlage Strafen aussprechen soll, wusste allerdings keiner genau. Für wahrheitsgetreu hielten die Unternehmer die Gerüchte auf alle Fälle, denn mit schmiergeldsüchtigen Kontrollbehörden haben sie schon viel Erfahrung gesammelt.

Östlich des Baikalsees wurde das Tragen der Schutzmasken bei Menschenansammlungen zur Pflicht erklärt. So konnte das Regionalparlament von Burjatien seine Sitzung erst eröffnen, als alle Abgeordneten sich maskiert hatten. Und das, obwohl Wissenschaftler bislang nicht belegen konnten, dass Schutzmasken vor einer Ansteckung schützen. Einige Epidemologen raten sogar vom Gebrauch der Masken ab, da sie häufig zu lange getragen würden und das Atmen durch den Mund förderten, wodurch die Viren leichter direkt in die Lunge geraten könnten.

Dennoch rät auch Russlands Oberster Arzt, Gennadij Onischtschenko, zur Maske: "Überall, sogar zu Hause, wenn es nötig ist." Das Problem ist nur, dass die Masken in den meisten Apotheken mittlerweile ausverkauft sind und längst zum Objekt der Spekulanten wurden. Große Vorräte haben die Gesundheitsbehörden nicht angelegt. Wohl auch deshalb tragen nur wenige der mehr als neun Millionen täglichen Passagiere in Moskaus Metro Mundschutz.

Das Gesundheitsministerium rät noch auf seiner Website zu virusbekämpfenden Medikamenten. Die Wirksamkeit vieler dieser Präparate ist allerdings nie klinisch bestätigt worden. Sie sind auch schon ausverkauft.
 

 
Leser-Kommentare
  1. Der abfällige Unterton, in dem Herr Voswinkel über Rußland zu berichten pflegt, selbst über Dinge, die bei Lichte betrachtet eher für die russische Gesellschaft sprechen wie den Gleichmut und das Fehlen von Hysterie, hat es etwas gleichförmig Monotones.

    • ugk
    • 12.11.2009 um 10:21 Uhr

    Die interne Russenrevision prüft ja ab und zu, ob Herr V. sich an die offizielle Vorurteilsliste hält:

    - Korruption: klar, geht immer gut, "schmiergeldsüchtigen Kontrollbehörden"
    - Unfähige Behörden: auch hier Häkchen "Große Vorräte [an Mundschutz] haben die Gesundheitsbehörden nicht angelegt" (freilich mit der besonderen Volte, dass im Absatz zuvor der Russe östlich des Baikalsees gerügt wird, der Schutz sei ja wissenschaftlich gar nicht erwiesen)
    - Wirtschaftskrise: "9% Arbeitslose", tja da nützt das ganz Gas der Welt nix, bätsch
    - Wodka: ein unbedingtes Muss, hier in der Dialektik von Heilmittel und Alkoholvergiftung
    - Allgemeine Volksvorurteile: ja, lateinisch gewürzt, "naivem Optimismus" / "passiven Individualismus"
    - Journalistengängelei: nehmen wir auch noch mit, "Gesundheitsministerium an Journalisten die unzweideutige Anweisung ausgibt"
    - Allgemeiner Zwang und Repression: hmm, zumindest angedeutet, "Militärpolizei" / "Zwangsstrafen" (im Gegensatzu zu unserem Konzept der freiwillgen Strafe)

    Was mir noch fehlt wäre der Topos "Bär", hätte man leicht als Tierimpfungen oder so unterbringen könenn. Auch "Putin, der Pankontrollator" hätte eigentlich nicht fehlen dürfen.

    So damit wären wir genügend eingestimmt auf die kommende Gaskrise mit Big Bad Bear Russia vs. Democratic Civilised Ukraine. Gute Arbeit!

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    Sehr gut. Besser kann man die Peinlichkeit des Berichts nicht darstellen. Ich verfolge täglich wie informativ in russischen Nachrichten über die Grippe berichtet wird und welche Panik in Deutschland gemacht wird.
    Russland hat das am bestet vorbereite Gesundheitssystem für Epidemien. Das ist ein Überbleibsel aus der UdSSR, wo jeder Mediziner für ABC-Abwehr ausgebildet wurde. Außerdem gibt es in Russland Endemiegebiete für Pest, Antrax, Cholera und andere Seuchen, so das Gesundheitssystem für solche Fälle gerüstet ist.

    Sehr gut. Besser kann man die Peinlichkeit des Berichts nicht darstellen. Ich verfolge täglich wie informativ in russischen Nachrichten über die Grippe berichtet wird und welche Panik in Deutschland gemacht wird.
    Russland hat das am bestet vorbereite Gesundheitssystem für Epidemien. Das ist ein Überbleibsel aus der UdSSR, wo jeder Mediziner für ABC-Abwehr ausgebildet wurde. Außerdem gibt es in Russland Endemiegebiete für Pest, Antrax, Cholera und andere Seuchen, so das Gesundheitssystem für solche Fälle gerüstet ist.

  2. Und eine ordentliche Portion Nostalgie und Romantik darf auch nicht fehlen:

    "Viele Russen begegnen der Influenza mit einem Gleichmut, der auf der Mischung aus Desinteresse, naivem Optimismus und der Grunderkenntnis beruht, dass das Leben in jedem Fall ein gefährdetes Etwas sei."

    ich stimme den beiden Kommentatoren vor mir zu, deren Beiträge mehr Gehalt aufweisen als der Artikel.

  3. 4.

    Die gefallen mir, die Russen. Nehmens leicht und nicht so widerlich bierernst. Deutschland ist übigens das einzige Land der Welt, wo
    1. für die Schweinegrippeimpfung Angstkampagnen gestartet werden und diese auch erfolgreich sind
    2. alles was sich ausserhalb der Landesgrenzen befindet wahlweise als grenzdebil, gewalttätig, korrupt, sexgeil oder was auch immer bezeichnet wird.
    Darin kommt diese überaus sympathische Bierernsthaftigkeit zum Ausdruck: Es liegt ausserhalb des Verständnisses, dass andere die Dinge eben mit Humor nehmen.

  4. Ganz offensichtlich sind uns die Russen weit voraus. Denn anstatt einer Impfung nachzurennen von der keiner so recht weiss ob sie wirklich die Grippe verhindern kann (da Grippe viren unheimlich schnell mutieren) und welche Nebenwirkungen sie vielleicht entwickeln kann, trinken sie Wodka mit Honig.
    Das ist weitaus angenehmer und wirkt auch nicht unbedingt schlechter... Und ein bisschen weniger Paranoya würde uns sicher auch nicht schaden.

    • Len_a
    • 12.11.2009 um 21:16 Uhr

    Tja, ich bin eine von denen, die naiv optimistisch sind und schaffe das auch lebend in Deutschland nicht auszuflippen und mich nicht impfen zu lassen, obwohl es von allen Seiten nur noch über die Grippe gesprochen wird!

    Als ich mir den Artikel gelesen hab, da dachte ist, das ist es: Macht der Medien. Wie kann man nach solchen Schriftstücken ein positives Bild von dem Land entwickeln?!!! Eine Minute lang dachte ich: "Wow, ich komme aber wirklich aus einem schlimmen Land"!:) Aber dann habe ich die Kommentare gelesen und war sofort erleichtert... Es gibt doch Menschen, die sich nichts vorschreiben lassen, schade aber, dass die Artikeln von anderen verfasst werden, von denen, die oft keine Ahnung haben oder sie auch nicht haben wollen.
    Mir kommen alle diese Grippen als eine tolle Geldquelle. Ich mag unrecht haben, aber was ist mit der Vogelgrippe? Wer sein Geld damit machen wollte, hat es getan und die Sache wurde vergessen, jetzt haben wir Schweinegrippe, was kommt als Nächstes? Kakerlakengrippe?
    Ich bin da ziemlich skeptisch! Und ich lass mich auch nicht impfen!
    Und was hat der Autor des Artikels gegen Wodka, Honig und Paracetamol? Die bringen wenigstens was, was ich über die Impfungen nicht sagen kann...

    Vielen Dank für die tollen Kommentare!
    Ich wünsche allen ein bischen von unserem russischen Optimismus!

  5. Sehr gut. Besser kann man die Peinlichkeit des Berichts nicht darstellen. Ich verfolge täglich wie informativ in russischen Nachrichten über die Grippe berichtet wird und welche Panik in Deutschland gemacht wird.
    Russland hat das am bestet vorbereite Gesundheitssystem für Epidemien. Das ist ein Überbleibsel aus der UdSSR, wo jeder Mediziner für ABC-Abwehr ausgebildet wurde. Außerdem gibt es in Russland Endemiegebiete für Pest, Antrax, Cholera und andere Seuchen, so das Gesundheitssystem für solche Fälle gerüstet ist.

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