ZEIT ONLINE: Herr Doll, jedes Jahr wählen in Deutschland mehr als 9000 Menschen den Suizid. Herr Doll, wie nehmen Angehörige einen Selbstmord in der Familie auf?

Hans Doll: Nach einem Suizid haben die Hinterbliebenen selten die Möglichkeit, sofort zu trauern. Es passiert einfach zu viel: Das Zimmer wird versiegelt, der Leichnam zur Obduktion gegeben, die Polizei stellt Fragen, und es wird ein Abschiedsbrief gesucht.

ZEIT ONLINE: Wenn sie nicht trauern können, was fühlen sie dann?

Doll: Die Leute sind schockiert. Die Selbsttötung traumatisiert sie. Über mehrere Stunden oder Tage hinweg befinden sie sich oft wie in einem Nebel, ohne das Geschehen richtig erfassen zu können. Manche sagen, sie fühlen sich wie in Watte gepackt: Die Außenwelt dringt nicht zu ihnen, alles ist dumpf und unwirklich. Viele sind nicht in der Lage, überhaupt etwas zu empfinden. Der Schrecken, der Schmerz und die Trauer kommen erst später
 und können sehr heftig auf die Betreffenden hereinbrechen.

ZEIT ONLINE: Ist die Trauer der Hinterbliebenen eines Menschen, der sich umgebracht hat, eine andere als die von Angehörigen, die jemanden etwa durch einen Unfall verloren haben?

Doll: Ja. Denn in dem Gefühlschaos nach einem Suizid geht die reine, allumfassende Trauer oft unter. Die Hinterbliebenen verstehen nicht, wie ein geliebter Mensch ihnen so etwas Schreckliches antun konnte. Unverständnis, Erschrecken oder Wut überschatten den Verlust. Direkt darauf kommen jedoch auch Schuldgefühle hoch, und es tauchen Fragen auf wie "Hätte ich etwas tun können?" oder "Habe ich etwas übersehen?" Es gibt plötzlich sehr viele widersprüchliche Gefühle gegenüber dem Verstorbenen, die bei anderen Toden so nicht vorkommen.

Es macht auch einen Unterschied, wer sich innerhalb einer Familie das Leben nimmt. Am intensivsten ist wohl die Trauer um ein Kind. Hier entsteht oft das Gefühl, dass eine natürliche Reihenfolge nicht eingehalten wurde, weil Kinder nicht vor ihren Eltern sterben sollten. Dies lässt den Tod noch irrationaler erscheinen.

ZEIT ONLINE: Die Trauer um einen geliebten Menschen ist eine ungeheure Belastung. Wie groß ist die Gefahr, dass Trauernde selbst depressiv werden?

Doll: Trauer hat natürlich ähnliche Symptome wie eine Depression. Aber auch wenn es viele Parallelen gibt, ist es zunächst keine. Fakt ist allerdings auch, dass eine verhinderte oder erschwerte Trauer langfristig zu psychischen Leiden wie Depressionen, Angststörungen oder auch Panikattacken führen kann. Man weiß, dass ein Drittel der Menschen, die solch dramatische Ereignisse erleben, solche Störungen entwickeln.

Hinterbliebene gelten unter Experten als Risikogruppe, die stärker suizidgefährdet ist als der Rest der Bevölkerung. Früher sprach man hier vom "Werther-Effekt": Der Suizid wird als Lösung einer schwierigen Situation vorgelebt und wird so zum Modell, das Nachahmer findet. Ein anderer Beweggrund kann aber auch die große Sehnsucht nach dem Verstorbenen sein. Der Tod wird zu einer Möglichkeit der Wiedervereinigung. Andere wiederum sagen: "Ich weiß, wie schrecklich man sich als Hinterbliebener fühlt, daher würde ich das nie tun."