Sozialpädagoge Doll "Es hilft zu wissen, dass ein Suizid keine leichtfertige Entscheidung ist"
Die Hinterbliebenen von Selbstmördern haben mit aufgeschobener Trauer, Wut, Missbilligung und Scham zu kämpfen. Ein Gespräch mit dem Sozialpädagogen Hans Doll.

Widersprüchliche Gefühle: Nach einem Selbstmord können Unverständnis und Wut die Trauer um den Verlust des geliebten Menschen überschatten
ZEIT ONLINE: Herr Doll, jedes Jahr wählen in Deutschland mehr als 9000 Menschen den Suizid. Herr Doll, wie nehmen Angehörige einen Selbstmord in der Familie auf?
Hans Doll: Nach einem Suizid haben die Hinterbliebenen selten die Möglichkeit, sofort zu trauern. Es passiert einfach zu viel: Das Zimmer wird versiegelt, der Leichnam zur Obduktion gegeben, die Polizei stellt Fragen, und es wird ein Abschiedsbrief gesucht.
ZEIT ONLINE: Wenn sie nicht trauern können, was fühlen sie dann?
Hans Doll war von 1976 bis 1982 in vielen Feldern, wie zum Beispiel der Betreuung psychisch Kranker oder Drogenabhängiger als Sozialpädagoge tätig. Seit 2006 ist er der Geschäftsführer der Arche in München. Zuvor war er dort 24 Jahre lang einer von acht Beratern. Sie sind für jene Menschen da, die nicht mehr leben wollen und Suizidgedanken haben, aber auch für Angehörige und Hinterbliebene.
Doll: Die Leute sind schockiert. Die Selbsttötung traumatisiert sie. Über mehrere Stunden oder Tage hinweg befinden sie sich oft wie in einem Nebel, ohne das Geschehen richtig erfassen zu können. Manche sagen, sie fühlen sich wie in Watte gepackt: Die Außenwelt dringt nicht zu ihnen, alles ist dumpf und unwirklich. Viele sind nicht in der Lage, überhaupt etwas zu empfinden. Der Schrecken, der Schmerz und die Trauer kommen erst später und können sehr heftig auf die Betreffenden hereinbrechen.
ZEIT ONLINE: Ist die Trauer der Hinterbliebenen eines Menschen, der sich umgebracht hat, eine andere als die von Angehörigen, die jemanden etwa durch einen Unfall verloren haben?
Doll: Ja. Denn in dem Gefühlschaos nach einem Suizid geht die reine, allumfassende Trauer oft unter. Die Hinterbliebenen verstehen nicht, wie ein geliebter Mensch ihnen so etwas Schreckliches antun konnte. Unverständnis, Erschrecken oder Wut überschatten den Verlust. Direkt darauf kommen jedoch auch Schuldgefühle hoch, und es tauchen Fragen auf wie "Hätte ich etwas tun können?" oder "Habe ich etwas übersehen?" Es gibt plötzlich sehr viele widersprüchliche Gefühle gegenüber dem Verstorbenen, die bei anderen Toden so nicht vorkommen.
Es macht auch einen Unterschied, wer sich innerhalb einer Familie das Leben nimmt. Am intensivsten ist wohl die Trauer um ein Kind. Hier entsteht oft das Gefühl, dass eine natürliche Reihenfolge nicht eingehalten wurde, weil Kinder nicht vor ihren Eltern sterben sollten. Dies lässt den Tod noch irrationaler erscheinen.
- Hilfe für Suizidgefährdete und Angehörige
In der Bundesrepublik gibt es verschiedene Einrichtungen, die sich auf Suizidgefährdete, ihre Angehörigen oder Hinterbliebenen spezialisiert haben. Eine Liste findet sich auf der Seite der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention.
- Seelsorge
In Deutschland gibt es 104 Telefonseelsorgestellen, die zu jeder Tages- und Nachtzeit anonym Beratung am Telefon anbieten. Unter der bundeseinheitlichen Telefonnummer 0800 - 111 0 111 oder 0800 - 111 0 222 kann kostenlos angerufen werden. Zudem wird eine Beratung im Internet unter www.telefonseelsorge.de angeboten.
- Selbsthilfegruppen
Informationen über Selbsthilfegruppen erhält man über die Nationale Kontakt- und Informationsstelle zur Anregung und Unterstützung von Selbsthilfegruppen (NAKOS) unter der Rufnummer: 030 - 89 14 0 19.
ZEIT ONLINE: Die Trauer um einen geliebten Menschen ist eine ungeheure Belastung. Wie groß ist die Gefahr, dass Trauernde selbst depressiv werden?
Doll: Trauer hat natürlich ähnliche Symptome wie eine Depression. Aber auch wenn es viele Parallelen gibt, ist es zunächst keine. Fakt ist allerdings auch, dass eine verhinderte oder erschwerte Trauer langfristig zu psychischen Leiden wie Depressionen, Angststörungen oder auch Panikattacken führen kann. Man weiß, dass ein Drittel der Menschen, die solch dramatische Ereignisse erleben, solche Störungen entwickeln.
Hinterbliebene gelten unter Experten als Risikogruppe, die stärker suizidgefährdet ist als der Rest der Bevölkerung. Früher sprach man hier vom "Werther-Effekt": Der Suizid wird als Lösung einer schwierigen Situation vorgelebt und wird so zum Modell, das Nachahmer findet. Ein anderer Beweggrund kann aber auch die große Sehnsucht nach dem Verstorbenen sein. Der Tod wird zu einer Möglichkeit der Wiedervereinigung. Andere wiederum sagen: "Ich weiß, wie schrecklich man sich als Hinterbliebener fühlt, daher würde ich das nie tun."
ZEIT ONLINE: Kann ein Abschiedsbrief den Hinterbliebenen helfen, mit ihrem Verlust zurecht zu kommen?
Doll: Ja. Viele wünschen sich, einen Brief zu finden, der erklärt, warum sich der geliebte Mensch das Leben genommen hat. Die Botschaft des Briefes ist jedoch entscheidend. Es kann heißen "Ihr habt keine Schuld, bitte verzeiht mir" oder das genaue Gegenteil: "Du hast mich in den Tod getrieben." Die Antwort auf das "Warum?" ist dann nicht etwa eine Erleichterung, sondern vielmehr eine noch größere Last als die vorherige Ungewissheit.
ZEIT ONLINE: Trauer, Ratlosigkeit und Wut – drei starke Gefühle, die Hinterbliebene verarbeiten müssen. Hilft es, wenn man bereits vorher von der Krankheit wusste?
Doll: Es kann die Familie entlasten, wenn sie weiß, dass der Suizid Ausdruck einer Krankheit war. Jemand, der in einer schweren Depression steckt, denkt nicht mehr über die Folgen für seine Angehörigen nach. Seine eigene Erlebens- und Gefühlswelt engt ihn bereits zu stark ein. Viele machen sich Vorwürfe und fragen sich aber trotzdem, ob sie versäumt haben zu helfen oder ob sie die Selbsttötung hätten verhindern können. Das Problem ist: Bei einem Suizid eines Angehörigen kann alles herhalten, um sich selbst Vorwürfe zu machen.
ZEIT ONLINE: Was können Angehörige und Freunde tun, die Sorge haben, dass jemand sich etwas antut?
Doll: Sie müssen mit der Person sprechen und ihre Mauer durchbrechen – ohne Vorwürfe zu machen, sondern teilnahmsvoll. Zu sagen "Ich sehe, dass es dir schlecht geht und das macht mir Sorgen, weil du mir wichtig bist", kann helfen, den anderen wieder zurück in die Beziehung und somit zurück ins Leben zu holen. Denn wenn ein Suizidaler merkt, dass jemand um ihn ringt, kann er wieder das Gefühl bekommen, etwas Wert zu sein. Ziel ist, dass der andere aufmacht, aus seiner Isolierung heraustritt und sich mitteilt. Natürlich gelingt das nicht immer. Der Angehörige sollte deshalb mit Freunden und Verwandten darüber sprechen und auch professionelle Hilfe suchen.
- Drei Phasen der Suizidalität
Der Suizidgefährdete durchläuft drei Stadien, bevor er den Selbstmord vollzieht: So folgt auf die erste Phase der Erwägung das Abwägungs- oder auch Ambivalenzstadium. Die dritte Phase ist der Entschluss.
- 1. Erwägung
Die erste Phase machen viele Menschen in ihrem Leben durch. Man sieht die Suizidalität als eine Möglichkeit, die man hat, um seinen Problemen ein Ende zu setzen. Der Gedanke kann manchmal sogar dabei helfen, schwierige Situationen auszuhalten, weil man ein Mittel in der Hand hat, das man nutzen könnte, wenn man nicht mehr kann oder will.
- 2. Abwägung
Während der Ambivalenzphase schwanken Menschen zwischen Leben und Tod. Man überlegt, wie viel man noch Aushalten kann und was man noch einsetzen will. In diesem Moment ist das Leiden größer als in Stadium eins und die Suizidgedanken werden konkreter. Es wird überlegt wann und wie man sich umbringen kann. So sammelt manch einer für den Fall des Falles zum Beispiel schon Tabletten. Nur in diesem Stadium teilen sich bis zu zwei Drittel der Menschen mit. Das kann eine saloppe Bemerkung am Rande sein, aber auch eine konkrete Aussage. Andere Anzeichen sind Schlaflosigkeit, vermehrter Alkohol- oder Drogenkonsum, Nervosität und Stimmungsschwankungen.
- 3. Entschluss
In der dritten Phase ist die Zeit des Abwägens vorbei. Der Entschluss zum Selbstmord ist gefasst und dem Betroffenen geht es schlagartig besser. Er scheint zufriedener, glücklich und ausgeglichener. Doch der Schein trügt: Das quälende Hin und Her hat ein Ende und die Last des Lebens ist von ihm abgefallen. In diesem Stadium wird der Betreffende alles tun, damit er nicht mehr aufgehalten werden kann und Hilfe verweigern.
ZEIT ONLINE: Ist es in unserer Gesellschaft nicht immer noch ein Tabu, offen über das Thema Selbstmord zu sprechen?
Doll: Es ist insofern ein Tabu, als dass die Menschen noch immer eine Scheu davor haben – mitunter getrieben von der Angst, etwas verkehrt zu machen – das Thema direkt anzusprechen. Suizid ist etwas, das gleichzeitig schreckt und fasziniert. Doch es reicht ein Blick auf die Nachrichten in den letzten Tagen, um zu sehen, dass sich die öffentliche Einstellung geändert hat. Heute wird Suizid nicht mehr so stark geächtet wie früher, denn den Menschen wird langsam bewusst, dass dahinter ein Leiden und nicht etwa ein leichtfertiger Entschluss steckt.
Auch als Außenstehender sollte man das Thema nicht bewusst meiden oder gar hinter vorgehaltener Hand darüber sprechen. Ansonsten kann bei den Angehörigen leicht das Gefühl entstehen, ein Makel sei auf sie gefallen, gemäß dem Motto: "Was ist das bloß für eine Familie, in der sich jemand umbringt?" Für die Hinterbliebenen ist dies unglaublich schmerzhaft und verletzend. Auch hier gilt deshalb: Sprechen ist meist besser als Schweigen.
- Datum 13.11.2009 - 17:01 Uhr
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genau wie mmpl möchte ich die begriffe suizid anstelle von selbstmord oder selbsttötung verwendet sehen - das gleiche empfinde ich im übrigen, wenn interviewte "leidtragende" bei opel beispielsweise von "ich verliere meine existenz" spreche. wie grässlich! hier sollte in finanzielle existenz und menschliche existenz differenziert werden. wenn die finanzielle existenz bedroht ist, ist das schlimm, aber doch kein aus.
leider habe ich hautnah suizide in der familie erleben müssen, ein ganz subtiler war auch dabei, ab vorstellung in der notaufnahme des krankenhauses ging es exakt 8 tage, bis der unabwendbare tod eintrat. die erstdiagnose war vernichtend und die entsetzten ärzte fanden kaum worte.
Der Tod Robert Enkes hat die Themen Depression und Suizid ins öffentliche Bewußtsein gehoben. Damit wird - so hoffe ich - geholfen, das Stigma, das über beidem liegt, wenigstens ein Stück weit gebrochen.
Unter dem Titel "Was ein Selbstmord hinterlässt" hätte ich mir, liebe ZEIT-Redaktion, auch gewünscht, daß neben dem Leid der hinterbliebenen Angehörigen auch die psychische Belastung derer thematisiert worden wäre, die schuldlos an einem Suizid beteiligt werden: Lokführer, Autofahrer, auch Bergungskräfte, die mitunter schwer mit der Schuldfrage am Suizid eines ihnen völlig unbekannten Menschen zu kämpfen haben.
Jährlich suchen in Deutschland etwa tausend Menschen den Freitod auf Bahngleisen. Drei am Tag. Dreimal am Tag werden also Lokführer involviert.
Ohne die Verzweiflung, Dunkelheit und Ausweglosigkeit eines suizidalen Menschen oder den Schmerz und das Gefühlchaos der Angehörigen kleinreden zu wollen, wäre es mein Wunsch, daß eine öffentliche Debatte über die psychischen Folgen für Lokführer (stellvertretend für alle anderen Unbeteiligten) dazu beiträgt, die Zahl von Suiziden auf Bahngleisen zu verringern. Suizidale bitten ihre Angehörigen in Abschiedsbriefen oft um Verzeihung. Ich kann mir nicht vorstellen, daß sie es bewußt in Kauf nehmen, Unbeteiligte in das Leid mitzureißen.
"Suizid" kommt von "sui" = (sich) selbst und "caedes" = Mord, Tötung.
Es handelt sich hierbei also tatsächlich um ein und dasselbe Wort.
Darüber zu diskutieren, wie man es nun jetzt nennen darf finde ich, ehrlich gesagt, komplett hanebüchen und direkt am Thema vorbei.
Im Gegenteil ist es sehr wichtig, über die Terminonolie zu reden. Freitod erscheint auch mir hier die passendste Lösung. Für Menschen, die sensibel sind, z.B. weil sie leiden, kann eben dieser Aspekt des nennens, der MORD, der - u.U. in christlichen Familien auch gegen Gottes Willen - als etwas schlechtes und bösartiges bezeichnet wird und nicht als etwas einfach trauriges.
"Hure" und "Prostituierte" bezeichnen übrigens auch dasselbe WEort. Oder "Mann mit Erektionsstörungen" und "Impotenter". Und nun raten Sie, was Betroffenen im Zweifelsfall lieber ist...
Im Gegenteil ist es sehr wichtig, über die Terminonolie zu reden. Freitod erscheint auch mir hier die passendste Lösung. Für Menschen, die sensibel sind, z.B. weil sie leiden, kann eben dieser Aspekt des nennens, der MORD, der - u.U. in christlichen Familien auch gegen Gottes Willen - als etwas schlechtes und bösartiges bezeichnet wird und nicht als etwas einfach trauriges.
"Hure" und "Prostituierte" bezeichnen übrigens auch dasselbe WEort. Oder "Mann mit Erektionsstörungen" und "Impotenter". Und nun raten Sie, was Betroffenen im Zweifelsfall lieber ist...
Freitod .. beinhaltet die Planung und Entscheidung des Toten sowie den Respekt der Lebenden ebendafür
Im Gegenteil ist es sehr wichtig, über die Terminonolie zu reden. Freitod erscheint auch mir hier die passendste Lösung. Für Menschen, die sensibel sind, z.B. weil sie leiden, kann eben dieser Aspekt des nennens, der MORD, der - u.U. in christlichen Familien auch gegen Gottes Willen - als etwas schlechtes und bösartiges bezeichnet wird und nicht als etwas einfach trauriges.
"Hure" und "Prostituierte" bezeichnen übrigens auch dasselbe WEort. Oder "Mann mit Erektionsstörungen" und "Impotenter". Und nun raten Sie, was Betroffenen im Zweifelsfall lieber ist...
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