"Bringt sich ein anderer um, kann alles herhalten, um sich selbst Vorwürfe zu machen"
ZEIT ONLINE: Kann ein Abschiedsbrief den Hinterbliebenen helfen, mit ihrem Verlust zurecht zu kommen?
Doll: Ja. Viele wünschen sich, einen Brief zu finden, der erklärt, warum sich der geliebte Mensch das Leben genommen hat. Die Botschaft des Briefes ist jedoch entscheidend. Es kann heißen "Ihr habt keine Schuld, bitte verzeiht mir" oder das genaue Gegenteil: "Du hast mich in den Tod getrieben." Die Antwort auf das "Warum?" ist dann nicht etwa eine Erleichterung, sondern vielmehr eine noch größere Last als die vorherige Ungewissheit.
ZEIT ONLINE: Trauer, Ratlosigkeit und Wut – drei starke Gefühle, die Hinterbliebene verarbeiten müssen. Hilft es, wenn man bereits vorher von der Krankheit wusste?
Doll: Es kann die Familie entlasten, wenn sie weiß, dass der Suizid Ausdruck einer Krankheit war. Jemand, der in einer schweren Depression steckt, denkt nicht mehr über die Folgen für seine Angehörigen nach. Seine eigene Erlebens- und Gefühlswelt engt ihn bereits zu stark ein. Viele machen sich Vorwürfe und fragen sich aber trotzdem, ob sie versäumt haben zu helfen oder ob sie die Selbsttötung hätten verhindern können. Das Problem ist: Bei einem Suizid eines Angehörigen kann alles herhalten, um sich selbst Vorwürfe zu machen.
ZEIT ONLINE: Was können Angehörige und Freunde tun, die Sorge haben, dass jemand sich etwas antut?
Doll: Sie müssen mit der Person sprechen und ihre Mauer durchbrechen – ohne Vorwürfe zu machen, sondern teilnahmsvoll. Zu sagen "Ich sehe, dass es dir schlecht geht und das macht mir Sorgen, weil du mir wichtig bist", kann helfen, den anderen wieder zurück in die Beziehung und somit zurück ins Leben zu holen. Denn wenn ein Suizidaler merkt, dass jemand um ihn ringt, kann er wieder das Gefühl bekommen, etwas Wert zu sein. Ziel ist, dass der andere aufmacht, aus seiner Isolierung heraustritt und sich mitteilt. Natürlich gelingt das nicht immer. Der Angehörige sollte deshalb mit Freunden und Verwandten darüber sprechen und auch professionelle Hilfe suchen.
- Drei Phasen der Suizidalität
Der Suizidgefährdete durchläuft drei Stadien, bevor er den Selbstmord vollzieht: So folgt auf die erste Phase der Erwägung das Abwägungs- oder auch Ambivalenzstadium. Die dritte Phase ist der Entschluss.
- 1. Erwägung
Die erste Phase machen viele Menschen in ihrem Leben durch. Man sieht die Suizidalität als eine Möglichkeit, die man hat, um seinen Problemen ein Ende zu setzen. Der Gedanke kann manchmal sogar dabei helfen, schwierige Situationen auszuhalten, weil man ein Mittel in der Hand hat, das man nutzen könnte, wenn man nicht mehr kann oder will.
- 2. Abwägung
Während der Ambivalenzphase schwanken Menschen zwischen Leben und Tod. Man überlegt, wie viel man noch Aushalten kann und was man noch einsetzen will. In diesem Moment ist das Leiden größer als in Stadium eins und die Suizidgedanken werden konkreter. Es wird überlegt wann und wie man sich umbringen kann. So sammelt manch einer für den Fall des Falles zum Beispiel schon Tabletten. Nur in diesem Stadium teilen sich bis zu zwei Drittel der Menschen mit. Das kann eine saloppe Bemerkung am Rande sein, aber auch eine konkrete Aussage. Andere Anzeichen sind Schlaflosigkeit, vermehrter Alkohol- oder Drogenkonsum, Nervosität und Stimmungsschwankungen.
- 3. Entschluss
In der dritten Phase ist die Zeit des Abwägens vorbei. Der Entschluss zum Selbstmord ist gefasst und dem Betroffenen geht es schlagartig besser. Er scheint zufriedener, glücklich und ausgeglichener. Doch der Schein trügt: Das quälende Hin und Her hat ein Ende und die Last des Lebens ist von ihm abgefallen. In diesem Stadium wird der Betreffende alles tun, damit er nicht mehr aufgehalten werden kann und Hilfe verweigern.
ZEIT ONLINE: Ist es in unserer Gesellschaft nicht immer noch ein Tabu, offen über das Thema Selbstmord zu sprechen?
Doll: Es ist insofern ein Tabu, als dass die Menschen noch immer eine Scheu davor haben – mitunter getrieben von der Angst, etwas verkehrt zu machen – das Thema direkt anzusprechen. Suizid ist etwas, das gleichzeitig schreckt und fasziniert. Doch es reicht ein Blick auf die Nachrichten in den letzten Tagen, um zu sehen, dass sich die öffentliche Einstellung geändert hat. Heute wird Suizid nicht mehr so stark geächtet wie früher, denn den Menschen wird langsam bewusst, dass dahinter ein Leiden und nicht etwa ein leichtfertiger Entschluss steckt.
Auch als Außenstehender sollte man das Thema nicht bewusst meiden oder gar hinter vorgehaltener Hand darüber sprechen. Ansonsten kann bei den Angehörigen leicht das Gefühl entstehen, ein Makel sei auf sie gefallen, gemäß dem Motto: "Was ist das bloß für eine Familie, in der sich jemand umbringt?" Für die Hinterbliebenen ist dies unglaublich schmerzhaft und verletzend. Auch hier gilt deshalb: Sprechen ist meist besser als Schweigen.
- Datum 13.11.2009 - 17:01 Uhr
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genau wie mmpl möchte ich die begriffe suizid anstelle von selbstmord oder selbsttötung verwendet sehen - das gleiche empfinde ich im übrigen, wenn interviewte "leidtragende" bei opel beispielsweise von "ich verliere meine existenz" spreche. wie grässlich! hier sollte in finanzielle existenz und menschliche existenz differenziert werden. wenn die finanzielle existenz bedroht ist, ist das schlimm, aber doch kein aus.
leider habe ich hautnah suizide in der familie erleben müssen, ein ganz subtiler war auch dabei, ab vorstellung in der notaufnahme des krankenhauses ging es exakt 8 tage, bis der unabwendbare tod eintrat. die erstdiagnose war vernichtend und die entsetzten ärzte fanden kaum worte.
Der Tod Robert Enkes hat die Themen Depression und Suizid ins öffentliche Bewußtsein gehoben. Damit wird - so hoffe ich - geholfen, das Stigma, das über beidem liegt, wenigstens ein Stück weit gebrochen.
Unter dem Titel "Was ein Selbstmord hinterlässt" hätte ich mir, liebe ZEIT-Redaktion, auch gewünscht, daß neben dem Leid der hinterbliebenen Angehörigen auch die psychische Belastung derer thematisiert worden wäre, die schuldlos an einem Suizid beteiligt werden: Lokführer, Autofahrer, auch Bergungskräfte, die mitunter schwer mit der Schuldfrage am Suizid eines ihnen völlig unbekannten Menschen zu kämpfen haben.
Jährlich suchen in Deutschland etwa tausend Menschen den Freitod auf Bahngleisen. Drei am Tag. Dreimal am Tag werden also Lokführer involviert.
Ohne die Verzweiflung, Dunkelheit und Ausweglosigkeit eines suizidalen Menschen oder den Schmerz und das Gefühlchaos der Angehörigen kleinreden zu wollen, wäre es mein Wunsch, daß eine öffentliche Debatte über die psychischen Folgen für Lokführer (stellvertretend für alle anderen Unbeteiligten) dazu beiträgt, die Zahl von Suiziden auf Bahngleisen zu verringern. Suizidale bitten ihre Angehörigen in Abschiedsbriefen oft um Verzeihung. Ich kann mir nicht vorstellen, daß sie es bewußt in Kauf nehmen, Unbeteiligte in das Leid mitzureißen.
"Suizid" kommt von "sui" = (sich) selbst und "caedes" = Mord, Tötung.
Es handelt sich hierbei also tatsächlich um ein und dasselbe Wort.
Darüber zu diskutieren, wie man es nun jetzt nennen darf finde ich, ehrlich gesagt, komplett hanebüchen und direkt am Thema vorbei.
Im Gegenteil ist es sehr wichtig, über die Terminonolie zu reden. Freitod erscheint auch mir hier die passendste Lösung. Für Menschen, die sensibel sind, z.B. weil sie leiden, kann eben dieser Aspekt des nennens, der MORD, der - u.U. in christlichen Familien auch gegen Gottes Willen - als etwas schlechtes und bösartiges bezeichnet wird und nicht als etwas einfach trauriges.
"Hure" und "Prostituierte" bezeichnen übrigens auch dasselbe WEort. Oder "Mann mit Erektionsstörungen" und "Impotenter". Und nun raten Sie, was Betroffenen im Zweifelsfall lieber ist...
Im Gegenteil ist es sehr wichtig, über die Terminonolie zu reden. Freitod erscheint auch mir hier die passendste Lösung. Für Menschen, die sensibel sind, z.B. weil sie leiden, kann eben dieser Aspekt des nennens, der MORD, der - u.U. in christlichen Familien auch gegen Gottes Willen - als etwas schlechtes und bösartiges bezeichnet wird und nicht als etwas einfach trauriges.
"Hure" und "Prostituierte" bezeichnen übrigens auch dasselbe WEort. Oder "Mann mit Erektionsstörungen" und "Impotenter". Und nun raten Sie, was Betroffenen im Zweifelsfall lieber ist...
Freitod .. beinhaltet die Planung und Entscheidung des Toten sowie den Respekt der Lebenden ebendafür
Im Gegenteil ist es sehr wichtig, über die Terminonolie zu reden. Freitod erscheint auch mir hier die passendste Lösung. Für Menschen, die sensibel sind, z.B. weil sie leiden, kann eben dieser Aspekt des nennens, der MORD, der - u.U. in christlichen Familien auch gegen Gottes Willen - als etwas schlechtes und bösartiges bezeichnet wird und nicht als etwas einfach trauriges.
"Hure" und "Prostituierte" bezeichnen übrigens auch dasselbe WEort. Oder "Mann mit Erektionsstörungen" und "Impotenter". Und nun raten Sie, was Betroffenen im Zweifelsfall lieber ist...
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