Narkosen sind heute sicherer als jemals zuvor
Der berühmte deutsche Chirurg Theodor Billroth schrieb wenig später in seinem Handbuch der Chirurgie: "Wir dürfen nie vergessen, dass großartige Operationen, viele Errungenschaften der letzten 20 Jahre, nie geboren worden wären, wenn nicht die Erfindung einer vollkommenen Anästhesie dem Chirurgen ein enormes Material und den Mut zu komplizierten Eingriffen gebracht hätte." Billroths dankbare Worte sind umso bemerkenswerter, als der Anästhesie zu diesem Zeitpunkt entscheidende Entwicklungen noch bevorstanden.
1878 wurde erstmals ein Narkosemittel mittels eines Schlauchs in die Luftröhre eingeführt, kurz darauf bekamen die Patienten zusätzlich Sauerstoff, in den 40er Jahren des 20. Jahrhunderts kam das indianische Pfeilgift Curare hinzu, das die Muskeln während des Eingriffs erschlaffen ließ. Eine weitere wichtige Errungenschaft des 20. Jahrhunderts ist die rückenmarksnahe Periduralanästhesie (PDA), bei der nur gezielt und regional Nervenbahnen ausgeschaltet werden, Patient oder Patientin aber bei Bewusstsein bleiben. Heute ist die PDA aus der Geburtshilfe nicht mehr wegzudenken.
Nur noch bei einem von 100.000 Eingriffen stirbt ein Patient wirklich an der Narkose
Claudia Spies, Medizinerin
Als der Berliner Chirurg August Bier und seine Mitarbeiter ähnliche Methoden der gezielten Schmerzausschaltung erstmals im Selbstversuch testeten, sollen übrigens schlimme blaue Flecken am Unterschenkel die Folge gewesen sein. Die Pioniere hatten die Wirkung der Lokalanästhesie ausprobiert, indem sie mit einem Hämmerchen gegen das Schienbein des Betäubten schlugen. Tatsächlich kamen die Schmerzen erst später, als die Betäubung nachließ.
Als größte Errungenschaft der letzten Jahrzehnte betrachtet es Claudia Spies, Direktorin der Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin am Campus Mitte und Virchow der Berliner Charité, dass Narkosen inzwischen ausgesprochen sicher geworden sind: "Nur noch bei einem von 100.000 Eingriffen stirbt ein Patient wirklich an der Narkose." Das liege nicht allein an besseren Geräten und Medikamenten, sondern auch am größeren Verständnis der Ärzte dafür, wie beides im individuellen Fall optimal eingesetzt werden kann.
Die größere Sicherheit führt auch dazu, dass heute immer mehr alte, mehrfach kranke Menschen operiert werden. Und dass die Anästhesisten nicht mehr nur auf akute Gefahren, sondern auch auf Langzeitfolgen von Operation und Narkose achten. Vor allem ältere Patienten sind im Anschluss an eine Operation öfters verwirrt und desorientiert. Zum Zeitpunkt der Entlassung aus dem Krankenhaus leiden noch 30 Prozent der Operierten unter 60 Jahren und 40 Prozent der Älteren unter kognitiven Störungen. Drei Monate später sind es noch fünf Prozent der Jüngeren und zwölf Prozent der Senioren. Gefährlich ist das vor allem, weil es das Risiko zu erhöhen scheint, später eine Demenzerkrankung zu bekommen. Es wäre also ausgesprochen wichtig, hier gegensteuern zu können.
Die Forschung dazu steht erst am Anfang. Unseren Vorfahren würde aber schon das, was die Anästhesisten heute zu bieten haben, wie eine Rückkehr ins Paradies erscheinen.
(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 14.12.2009)
- Datum 14.12.2009 - 14:45 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Quelle ZEIT ONLINE, Tagesspiegel
- Kommentare 3
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:






Irgendwie habe ich den Eindruck daß hier ganz automatisch der Sprung von der Antike in die Moderne getan wird, ob aus Unkenntnis? Oder weil es ins edle Europabild einfach nicht passt daß die Araber im Mittelalter ganz selbstverständlich Narkose nutzten (Hugo von Lucca/ Borgognoni) und dafür Haschisch, Bilsenkraut und Mandragora nutzten?
Warum diese verblendete Arroganz? Ist es für Europa abträglich wen man die Wurzeln unserer neuzeitlichen Zivilisation auch im Austausch mit dem heute so verteufelten Islam findet?
In Japan führte der Chirurg HANAOKA Seishu am 13. Oktober 1804 eine Mastektomie durch, bei der er ein aus Mandragora und anderen Kräutern entwickeltes Narkosemittel nutzte. Nach zwei bsi vier Stunden wurde der Patient schmerzunempfindlich und dann bewusstlos. Dies gilt es erste Vollnarkose. Es gab vor HANAOKAs Durchbruch chinesische Rezepte, die allerdings weniger starke Effekte erzielten. Insgesamt führte Hanaoka 153 Brustkrebsoperationen erfolgreich durch.
Wie gelangten die Werke der griechischen gelehrten nach Europa. Wer waren die Fakeltreager zwischen den Griechen und des 19 Jahrhunderts. Wollen wir die Tod schweigen? Ist das fair? Waere es fair irgendwann in der Zukunft Goethe und Shakespeare nicht zu erwaehnen, weil sie dann vielleicht nicht die passende Relegion haben.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren