Petra D.* untersucht in einem Labor Stoffe auf Bakterien und gibt jeden Tag unzählige Daten in einen Computer ein. Fehler kann sich die 57-Jährige dabei nicht leisten. Doch Petra D. ist nicht nur zuverlässig, sie ist übertrieben pingelig und zwanghaft fleißig. "Der Zwang ist so stark, dass man das Gefühl hat, als ob jemand einen Hund auf mich hetzt oder die Welt zusammenbricht, wenn ich meine Arbeit nicht schaffe", beschreibt sie ihren Zustand. Petra D. ist süchtig nach Arbeit. 

Arbeitssucht sei eine Droge, von der besonders viele Menschen in Japan, den USA und Deutschland abhängig seien – Industriegesellschaften, in denen man sich vor allem über seine Arbeit definiere, sagt Stefan Poppelreuter, Diplom-Psychologe und Autor etlicher Arbeitssucht-Bücher. Und: "Diese Droge wird durch alle Gesellschaftsschichten hindurch konsumiert."

Ähnlich wie das bereits bekanntere Burn-out-Syndrom tritt auch die Arbeitssucht im Topmanagement genauso auf, wie bei Arbeitern und Angestellten, unter Studenten, bei Hausfrauen und sogar bei Rentnern. Tendenziell sind es am meisten Angehörige helfender Berufe, die betroffen sind: Mediziner, Pfleger, Psychologen. Auch Menschen, die einen relativ unspezifischen Arbeitsbereich haben, wie etwa Journalisten, sind gefährdet. Oder Forscher, die lange an bestimmten Projekten arbeiten. Auch Selbstständige, die zu permanenter Selbstüberforderung neigen, zählen zur Risikogruppe.

Arbeitssucht befällt Männer und Frauen gleichermaßen. Laut Poppelreuter werden etwa 13 Prozent der berufstätigen Bevölkerung als gefährdet eingeschätzt. Holger Heide, bis zu seiner Emeritierung Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Bremen, hat mehr als 50 Publikationen zu diesem Thema herausgegeben. Er schätzt, dass in bestimmten Berufsgruppen – etwa bei Selbständigen – sogar jeder Vierte gefährdet oder erkrankt ist. Sein Fazit: "Die Arbeitssucht entwickelt sich zunehmend zu einem Massenphänomen."