Die Mutter aller Arztserien: Die frühere Stammbesetzung von Emergency Room © Hulton Archive/Courtesy of Getty Images

"Tupfer, Skalpell, Sauger", wer wollte, könnte fast an jedem Tag in der Woche eine Arztserie im Deutschen Fernsehen einschalten, gut zehn Formate stehen im aktuellen Sendejahr zur Auswahl. Doch was uns auf der Mattscheibe an medizinischem Wissen vermittelt wird, ist nicht immer korrekt und in manchen Fällen sogar gefährlich. Das meinen zumindest die Autoren einer aktuellen Studie, die Mitte April auf der Jahrestagung der Amerikanischen Neurowissenschaftler in Toronto vorgestellt wird.

Am Beispiel epileptischer Anfälle wollten Forscher von der Dalhousie University in Halifax herausfinden, ob die Serien-Ärzte ihre Patienten richtig behandeln – und ob der Verlauf eines solchen Anfalls realistisch dargestellt wird. Dazu schauten sie sich alle Folgen der US-Arztserien Grey´s Anatomy , Dr. House und Private Practice an und screenten zusätzlich noch die letzten fünf Staffeln von Emergency Room (ER) . Insgesamt kamen die Wissenschaftler auf 327 Folgen und 100 Stunden Material.

Immerhin 59 epileptische Anfälle wurden in den Episoden dargestellt, davon fanden 51 im jeweiligen fiktiven Krankenhaus statt und konnten gezählt werden. In der Zusammenfassung der Neurologen heißt es, dass etwa die Hälfte der dargestellten Fälle (46 Prozent) "unangemessen" behandelt würden: Die Patienten wurden auf den Boden gedrückt, ihre zuckenden Gliedmaßen festgehalten, oder ihnen wurde etwas in den Mund gesteckt, damit sie sich nicht die Zunge beißen – Maßnahmen, die nur bei lang anhaltenden Krämpfen nötig seien. Nur in 17 Fällen (29 Prozent) wurde laut Studie nach den Empfehlungen bestehender Leitlinien gehandelt, etwa indem gefährliche Gegenstände aus der Umgebung entfernt wurden.

Studienautor Andrew Moeller ist empört: "Unsere Ergebnisse sind ein Aufruf zum schnellen Handeln. Menschen mit Epilepsie sollten sich bei der TV-Industrie dafür einsetzen, dass auch im Fernsehen nach den medizinischen Leitfäden gehandelt wird." Für ihn sind TV-Dramen ein starkes potentielles Instrument, mit dem man die Öffentlichkeit über erste Hilfe aufklären kann.

Kann man einen solchen Anspruch tatsächlich an ein Format stellen, dass uns am Abend Entspannung und Unterhaltung bringen soll? Viele Serien sprechen ein zahlreiches und demografisch vielfältiges Publikum an, ist es da nicht sogar ihre Pflicht, medizinisch korrekt zu sein? Und was macht überhaupt den Reiz von Arztserien aus?

Als im vergangen Jahr die letzte Folge von Emergency Room über die Deutschen Fernseher flimmerte, ging ein echter Mythos zu Ende. ER ist so etwas wie die Mutter aller Arztserien, 1994 ging sie in den USA auf Sendung, satte 15 Staffeln mit insgesamt 331 Folgen erzählen darin vom Alltag in der Notaufnahme des fiktiven County General Hospitals in Chicago .