Etwa jeder Zehntausendste leidet an einer Erbkrankheit, die auf einen Defekt der Mitochondrien-DNA beruht. Stoffwechselschäden, Blindheit, Taubheit oder ein Herzfehler sind nur einige der möglichen Folgen, wenn dieses spezielle Erbgut geschädigt ist, das etwa ein Prozent des Erbmaterial eines Menschen ausmacht und sich nicht im Zellkern, sondern in den Mitochondrien befindet, die im Zellplasma umher schwimmen.

Solche Erbkrankheiten werden nur von der Mutter vererbt – denn die fehlerhafte Mitochondrien-DNA sitzt im Plasma der weiblichen Eizelle, aus der der Embryo heranwächst. Auch männliche Geschlechtszellen enthalten Mitochondrien, doch die befinden sich im Schwanzteil des Spermiums und spielen nach der Befruchtung kaum noch eine Rolle.

Jetzt ist es Wissenschaftlern von der britischen Universität Newcastle gelungen, mit einer gentechnischen Methode, die Vererbung eines Mitochondrien-Defektes zu verhindern. Dazu entfernten sie einfach den Zellkern aus einer befruchteten Eizelle, in der Mitochondrien mit geschädigtem Erbgut schwammen. Diesen Zellkern pflanzten sie in die Eizelle einer erblich nicht belasteten Spenderin ein. Daraufhin beobachteten die Forscher die Entwicklung der heranwachsenden Embryonen sechs bis acht Tage lang. Etwa ein Fünftel der Embryonen erreichte das Acht-Zell-Stadium und trug – wie gewünscht – die gesunde Mitochondrien-DNA der Eizellen-Spenderin. "Wir glauben, dass diese Methode das Potenzial hat, die Vererbung mitochondrialer Erbkrankheiten zu verhindern" schreiben die Forscher im Wissenschaftsmagazin Nature.

Nachdem diese Methode bereits bei Affen funktioniert hatte, wurde sie nun erstmals mit menschlichen Eizellen erprobt. Die Forscher verwendeten dazu Eizellen, die aufgrund einer Abnormalität für die künstliche Befruchtung nicht mehr genutzt werden konnten. "Was wir getan haben ist wie das Wechseln der Batterie an einem Laptop", sagte Douglass Turnbull, Neurologe in Newcastle. "Die Energieversorgung funktioniert dadurch richtig, aber die auf der Festplatte gespeicherte Information ist unverändert."

Die Arbeit der Wissenschaftler wird von der britischen Behörde für Embryo-Forschung kontrolliert und gilt als ethisch umstritten. Turnbull räumte ein, dass nicht nur weitere Forschung nötig sei, sondern auch "die Bereitschaft der Menschen dafür, dass diese Arbeit Früchte trägt". Der Direktor der britischen Muskeldystrophie-Gesellschaft, Phil Butcher, bewertete die Forschungsergebnisse als vielversprechend für betroffene Eltern, die vielleicht "eine echte Chance haben werden, gesunde Kinder zu bekommen".

In der Praxis müssten sich Frauen, die an einer mitochondrial vererbten Krankheit leiden, also einer künstlichen Befruchtung unterziehen, um gesunde Kinder bekommen zu können. Dazu würde ihnen die Eizelle einer gesunden Spenderin eingepflanzt werden, bestückt mit dem Zellkern der leiblichen Eltern. Ein solches Verfahren wäre in Großbritannien, wo die Versuche gemacht wurden, genauso verboten wie in Deutschland, wo das Embryonenschutzgesetz solche Eingriffe verbietet.