Die Pollen fliegen, viele Menschen leiden unter Heuschnupfen. Wie viele Deutsche sind betroffen?

Präzise Zahlen gibt es nicht – schon weil nicht alle Menschen mit einer leichten "saisonalen Rhinitis" (wie Mediziner den Heuschnupfen nennen) zum Arzt gehen. Was in Wirklichkeit ein Heuschnupfen ist, wird von vielen zudem als Folge eines Infekts missdeutet. Karl-Christian Bergmann, Leiter der interdisziplinären allergologisch-pneumologischen Ambulanz am Allergie-Centrum der Berliner Charité , schätzt, dass etwa zehn Millionen Deutsche mehr oder weniger ausgeprägt unter der Frühlings-Plage zu leiden haben. 

Dem "Weißbuch Allergie" zufolge sind unter den 13- bis 14-jährigen Kindern etwa 13 Prozent von Allergien betroffen. Zehn bis 20 Prozent der Erwachsenen geben an, eine Allergie zu haben. Damit steht Deutschland übrigens an 27. Stelle in der Welt, ganz obenauf finden sich Neuseeland und Australien.

Subjektiv hat man den Eindruck, dass immer mehr Menschen unter Heuschnupfen leiden. Stimmt das? Und wie könnte man sich das erklären?

Es stimmt, sagt Allergologe Bergmann. Deutliche Hinweise für die Zunahme liefern zum Beispiel die Vergleichszahlen aus der Schweiz. Dort litt im Jahr 1900 etwa jeder Hundertste 18-jährige Rekrut unter Heuschnupfen, heute sind es rund 15 Prozent. Da die genetische Ausstattung sich so schnell nicht ändert, kommen nur zwei Gründe in Frage: Prinzipiell wäre es möglich, dass Ärzte heute mit der Diagnose schneller bei der Hand sind. Die dramatische Zunahme spricht aber dafür, dass auf jeden Fall auch veränderte Umweltbedingungen eine Mit-"Schuld" tragen. Zum Beispiel die "Umweltverschmutzung". So weiß man inzwischen, dass Pollen aggressiver werden, wenn sich Feinstaub an sie anlagert.

Wenn Kinder, die auf dem Bauernhof aufwachsen, seltener an Allergien erkranken, dann hat das umgekehrt wohl aber auch mit zu großer Sauberkeit und Hygiene in den Städten zu tun. Allergiespezialisten wie die Kinderärztin Erika von Mutius von der Münchner Uniklinik oder der Charité-Kinderallergologe Ulrich Wahn sehen ein Problem in der Unterforderung des heranwachsenden Immunsystems, das wenig Kontakt mit Dreck, Mist und Krankheitskeimen bekommt. Zu dieser "Hygienehypothese" passt, dass generell jüngere Geschwister, die von klein auf mehr Kontakt mit Keimen jeder Art haben, besser vor Allergien geschützt sind. In der großen Kindergesundheits-Studie des Robert-Koch-Instituts hat sich zudem gezeigt, dass etwa Migrantenkinder mit vielen Geschwistern seltener eine Allergie bekommen.