Kranke ÖlarbeiterWie Agent Orange im Golf von Mexiko

Die Chemie gegen das Öl macht die Helfer krank. Die halten das Zeug für so gefährlich wie die Entlaubungsmittel im Vietnamkrieg und klagen BP an. von Felix Wadewitz

Sie will es den Männern von BP ins Gesicht sagen. Nur deshalb ist sie gekommen. Mit Tränen in den Augen tritt Melinda MacLee ans Mikrofon. Dreimal setzt sie an, dann bricht es aus ihr heraus, voller Schmerz und Wut. "Erst haben Sie uns die Arbeit genommen", ruft MacLee mit stockender Stimme in den Saal, "nun haben Sie meinen Mann krank gemacht!" Beim Town Hall Meeting, einer Art Bürgersprechstunde der Gemeinde Mathews im Landkreis Lafourche Parish ganz im Süden von Louisiana, erzählt MacLee vom Schicksal ihres Mannes. Er ist nicht der einzige Patient am Golf von Mexiko.

109 Menschen sind bislang allein im Bundesstaat Louisiana in Folge des Einsatzes von Chemikalien gegen die Ölpest erkrankt. Zwei Drittel sind Fischer oder andere Arbeiter, die im Kampf gegen die schwarze Schliere aufs Meer hinausgefahren sind. Das geht aus einem Bericht der lokalen Gesundheitsbehörde OPH hervor. Die anderen sind Küstenbewohner oder Strandbesucher, die die giftigen Dämpfe eingeatmet haben.

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Und täglich grüßt die Ölpest: Allmählich wird die Umweltkatastrophe zum traurigen Alltag im Golf von Mexiko

Und täglich grüßt die Ölpest: Allmählich wird die Umweltkatastrophe zum traurigen Alltag im Golf von Mexiko  |  © Spencer Platt/Getty Images

Der Kongressabgeordnete Charlie Melancon aus Louisiana hat den Ölkonzern BP aufgefordert, mobile Kliniken entlang der Küste einzurichten, um die Verletzten schneller behandeln zu können. "Wir stehen vor einer Gesundheitskrise", sagt Melancon. Clint Guidry, der Chef des Fischerei-Verbands Louisiana Shrimp Association, vergleicht die Chemikalien gar mit den Giftgaseinsätzen in Vietnam ("Agent Orange"). Die Verantwortlichen von BP sollten dafür ins Gefängnis gehen, sagt Guidry. 

Atemprobleme, Übelkeit, Schwindel und starke Kopfschmerzen sind die am meisten verbreiteten Symptome. "Ich dachte, ich sterbe, so schwach war ich erst", sagt der Fischer Gary Burris. "Die Lungen haben einfach dicht gemacht." Sein Arzt habe ihm gesagt, seine Lungen sähen aus wie die eines Kettenrauchers. "Ich habe noch nie eine Zigarette im Mund gehabt", sagt Burris. Andere Patienten berichten außerdem von brennenden Augen. "Ein großes Problem ist, überhaupt festzustellen, was genau die Erkrankungen verursacht”, sagt die Ärztin LuAnn White, Professorin an der Tulane University. "Öl- und Chemikalien-Dämpfe können zunächst ähnliche Symptome hervorrufen."

Mehrere Millionen Liter der Chemikalie Corexit hat BP von Flugzeugen aus über dem Meer verteilt. Sie sollen das Öl zersetzen. Die Hoffnung ist, dass der Schaden für die Umwelt durch die Chemikalie kleiner ist als der durch das Öl. Die US-Umweltbehörde EPA hat die Inhaltsstoffe des Dispersionsmittel veröffentlicht: Es sind die gleichen, die für Gesundheitsschäden von Bewohnern und Einsatzkräften der Küste von Alaska verantwortlich gemacht werden. Dort wurde nach der Exxon-Valdez-Katastrophe ebenfalls zur Chemiekeule gegriffen. Studien des US-Seuchenkontrollzentrums CDC mit dem Mittel an Tieren haben dramatische Schäden an Nieren und Lungen nachgewiesen. Menschen mit Atemwegserkrankungen wie Asthma sind besonders in Gefahr.

Leserkommentare
  1. So also soll Neue Technik "dazu beitragen", den Frevel an der Natur zu bereinigen - Hauptsache man (eigentlich Mensch) kann es nicht sehen. Wie gut, dass Radioaktivität von Anfang an unsichtbar ist!

  2. sich darüber? solange profit das denken von menschen steuert, sind menschen- und tierleben, sowie die natur nur nebensächlichkeiten. ist dies nicht nur ein weiterer beweis dafür, wie machtlos regierungen gegenüber der wirtschaft sind? wenn die umweltbehörde vorher wusste wie gefährlich ein einsatz der helfer ohne atemschutzmasken sind, warum haben sie nicht darauf bestanden dass bp alle erdenklichen schutzmassnahmen ergreifen sollte, um diese menschen zu schützen?
    wie war die indianische weisheit: wenn die natur zerstört ist, die tiere, die pflanzen, werden die menschen feststellen, dass sie geld nicht essen können. nicht wortwörtlich, aber sinngemäss.

  3. wie schon in verschiedenen anderen Themen hier:
    Was geschieht, wenn man das nicht stoppen kann?
    Bislang waren auch alle hier vertretene Foren-Heinis nicht fähig dazu, mir (oder uns) diesbezüglich eine adäquate Antwort zu geben.
    Also los, bitte:))

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    • sevens
    • 18. Juni 2010 21:45 Uhr

    "Wenn man das nicht stoppen kann" - wovon ich ausgehe - läuft solange Öl ins Meer, bis der Druck in der Lagerstätte gleich oder kleiner dem Wasserdruck auf dem Meeresgrund ist.

    • oooo
    • 19. Juni 2010 1:58 Uhr

    hat die Quelle in etwa zwei Jahren ausgesprudelt. Nach Schätzungen von BP und wenn ich mich richitg erinnere.

    • sevens
    • 18. Juni 2010 21:45 Uhr

    "Wenn man das nicht stoppen kann" - wovon ich ausgehe - läuft solange Öl ins Meer, bis der Druck in der Lagerstätte gleich oder kleiner dem Wasserdruck auf dem Meeresgrund ist.

  4. 5. naja..

    Hm Meiner Meinung nach ist Öl etwas natürliches. Natürlich ist es schlimm wen öl ins meer läuft aber das ist nicht so schlimm wie die Chemikalien. Das Ölleck könnte noch Monate weiter austretten, das wäre immernoch nicht so schlimm wie der ganze giftige-strahlende- Müll der von den Nationen tagtäglich ins Meer gekippt wird.

    • oooo
    • 19. Juni 2010 1:58 Uhr

    hat die Quelle in etwa zwei Jahren ausgesprudelt. Nach Schätzungen von BP und wenn ich mich richitg erinnere.

  5. zitat : "Die US-Umweltbehörde EPA hat die Inhaltsstoffe des Dispersionsmittels veröffentlicht: Es sind die gleichen, die für Gesundheitsschäden von Bewohnern und Einsatzkräften der Küste von Alaska verantwortlich gemacht werden."

    die epa hat nicht die inhaltsstoffe von corexit veröffentlicht und schon gar nicht seine zusammensetzung , sondern nur die gemessenen auswirkungen auf rohöl und seine zersetzungsprodukte , sowie ein paar telefonnummern . die "zeit" als qualitätspublikation sollte sich über dies im klaren sein und dies entsprechend kommunizieren , um des eigenen rufes willen . bitte , nur zur sicherheit : das kann man direkt im link innerhalb des artikels lesen ....

    weiert zu teil 2 .....

  6. zur erklärung : corexit ist ein patentrechtlich geschütztes produkt , siehe hier : http://de.wikipedia.org/w... , jede veröffentlichung zur herstellung und aktiven wirkzusammensetzung wäre sofort gegenstand eines patentrechtlichen verfahrens , darüber sollte sich auch ein ungeschulter berichterstatter klar sein . also bitte ....
    corexit enhält ein starkes oxidant : http://de.wikipedia.org/w... ,
    in grossbritannien ist corexit seit über zehn jahren verboten : "In Großbritannien, dem europäischen Land, das bei Ölunfällen am stärksten auf den Einsatz von Dispergatoren setzt, sind wegen der zu hohen toxischen Wirkung in einem Test, der felsige Küsten simuliert, seit 1998 keine Corexit-Dispergatoren mehr zugelassen.[2]"

    soviel dazu . ich bitte die redaktion , ein wenig sachverstand walten zu lassen , und diesen auch produktiv und im sinne des allgemeinwohls dementsprechend zu formulieren . oder wenigstens formulieren zu lassen . das kann doch nicht so schwer sein . oder möchte man später wieder ganz überrascht tun , weil es ausser ein paar niederen lebewesen auch menschen erwischt hat ??? na dann .

    nichts für ungut , aber das sollte mal gesagt werden .

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    so herrlich unmenschlich wie sie daherschreiben- warum sagen sie denn nicht gleich das es sich um hochgiftiges Chemie-Zeug handelt dessen Zusammensetzung und Giftigkeit sie sehr wohl kennen oder? das sind mir Lutscher der Erde wie sie -
    hätten sie ein paar Mund voll von dem Zeug würden sie hilflos kreischend am Strand rumkriechen aber hier großartig den Klugmann geben klar das ist Zeugnis von unmenschlicher Arroganz die ihnen wohl sehr innenwohnt - aber passen sie auf - wenns keinen Sauerstoff mehr gibt dann werden auch SIE ersticken ausser "ein paar niederen Lebewesen" - freuen sie sich - sie Überchemiker - daß BP nicht nur durch ÖL sondern auch durch dieses Gift alles auf jahrzehnte zerstört ist ihnen wohl völlig egal - klar - sie besitzen Aktien nicht wahr ?
    so Leuten wie ihnen gönne ich die seel.giftige Hölle - die werden sie auch mit Sicherheit noch erleben

    Lieber doctorwho, mir gefällt, dass sie die Diskussion über Corexit auf eine inhaltliche Ebene ziehen.
    Allen, die meinen "ganz ohne Chemie" leben zu wollen und es vorziehen, über die böse Chemie im Allgemeinen und Besonderen schimpfen zu wollen, lege ich nahe, ihren Medikamentenschrank in die Apotheke zurückzubringen, ihr Auto, die meisten Möbel und die Tupperware abzugeben und fortan in ungestrichenen Holzhütten zu leben und unbehandelten braunen Naturfasern herumzulaufen - Leder geht übrigens dann auch nicht! Viel Vergnügen.

    So, zum Corexit: Ich frage mich seit Wochen, was der Sinn und Unsinn des Einsatzes eines Dispersionsmittels gegen das Öl ist. Dazu muss man wissen: Was ist ein Dispersionsmittel? In anderen Worten ist es Spüli. So wie Spülmittel das Fett aus der Pfanne im Wasser löst und verteilt, so soll Corexit das Öl, das in Klumpen durchs Meer treibt, in kleine Tröpfchen verteilen und es quasi "auflösen". Dazu enthält es, wie doctorwho richtig verweist, ein Lösungsmittel namens "2-Butoxyethanol". Dieses Zeug ist typischerweise auch in Farben und Lacken oder Haarpflegemitteln enthalten und solange harmlos, wie man nicht die Nase drüber hält und es inhaliert bzw. seine Finger darin badet (es ist kein Palmolive!). Wenn man doctorwho's Wikipedia-Link verfolgt und mal die englische Version liest und darin Referenz Nr. 3 klickt, so bekommt man ein offizielles Sicherheitsdatenblatt in die Hände, dass mehr über Corexit erzählt.
    (--> Fortsetzung folgt.)

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Agent | Golf | Mexiko | BP | Chemikalie | Exxon
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