Fortpflanzungsmedizin Koalition streitet über Gentests an Embryonen

Der Bundesgerichtshof hat entschieden, doch die Koalition ist uneins über die Konsequenzen aus dem Gendiagnostikurteil. Die Union fordert ein Verbot, die FDP hält dagegen

Nach dem Urteil des Bundesgerichtshofs zu Gentests an Embryonen mehren sich in der Union die Stimmen für ein baldiges Verbot solcher Untersuchungen. "Wir brauchen rasch eine Gesetzesänderung, um klarzustellen, dass die Präimplantationsdiagnostik (PID) nicht zur Selektion führt", sagt der bayerische Gesundheitsminister Markus Söder (CSU) dem Spiegel . Auch die Staatsministerin im Kanzleramt, Maria Böhmer (CDU), fordert ein schnelles PID-Verbot: "Es darf keine Selektion zwischen behinderten und nicht-behinderten Leben geben."

Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) sagte der Zeitung Sonntag aktuell hingegen, klar sei nach dem Urteil, dass PID nicht gegen das Embryonenschutzgesetz verstoße. "Ein explizites Verbot der PID lehne ich ab, da es der schwierigen ethischen Konfliktlage nicht gerecht wird, in der sich die Paare befinden." Genetisch schwer vorbelasteten Paaren mit Kinderwunsch dürfe die PID nicht vorenthalten werden.

Anzeige
Präimplantationsdiagnostik

Bei der Präimplantationsdiagnostik (PID) werden dem im Reagenzglas entstandenen Embryo einige wenige Zellen entnommen, um das Erbgut zu untersuchen.

Es kann unter anderem auf das Down-Syndrom (Trisomie 21), Chorea Huntington, Cystische Fibrose (Mukoviszidose), die Bluterkrankheiten Hämophilie A und B sowie Sichelzellanämie überprüft werden.

Im Falle des Berliner Arztes lag einmal beim Ehemann ein Gendefekt vor, der zur Geburt eines Kindes mit Down-Syndrom führen könnte. Im zweiten Fall hatte die Mutter eine partielle Trisomie 22. Und das dritte Ehepaar hatte bereits eine schwerbehinderte Tochter.

Die PID ermöglicht auch, einen Embryo mit dem Wunschgeschlecht herauszusuchen sowie unter mehreren Embryonen jenen auszuwählen, der für ein bereits lebendes, aber erkranktes Geschwisterkind am besten als Spender geeignet ist. (Quellen: dpa, Deutsches Ärzteblatt; Deutsches Referenzzentrum für Ethik in den Biowissenschaften)

Verfahren

Meist werden dem Embryo am dritten Tag Zellen entnommen. Zu diesem Zeitpunkt gelten Zellen als "totipotent". Das bedeutet, dass sie sich noch zu einem vollständigen Organismus entwickeln können.

Möglich ist auch die Entnahme von fünf Tage alten Zellen. Diese Zellen sind dann "pluripotent". Sie können sich noch in verschiedene Gewebe entwickeln, sind jedoch nicht mehr in der Lage einen gesamten Organismus zu bilden. So soll eine bessere Auswahl vitaler und einnistungsfähiger Embryonen erreicht werden. Der Berliner Arzt hat diese Methode angewendet.

Finanzierung

Den deutschen Krankenkassen ist eine Beteiligung an den PID einschließenden Kinderwunschbehandlungen gesetzlich untersagt. Normalerweise zahlen die Kassen 50 Prozent der Kosten einer Künstlichen Befruchtung, die um die 3.000 Euro kostet. Allerdings übernehmen die Kassen die Kosten nur bei verheirateten Paaren und bei maximal drei Versuchen. Begibt sich ein Paar ins Ausland, um sich einer PID-Behandlung zu unterziehen, dann muss dies nach einem Urteil des Sozialgerichts in Berlin von den gesetzlichen Krankenkassen nicht bezahlt werden.

Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) forderte eine öffentliche Debatte über PID. "Für mich wäre es beispielsweise ein Widerspruch, einem Paar die Präimplantationsdiagnostik zu verbieten, Spätabtreibungen aber bis zum 9. Monat unter bestimmten Umständen zuzulassen", sagte sie der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung .

Der Bundesgerichtshof hatte entschieden , dass die genetische Untersuchung PID und die Aussonderung geschädigter Embryonen im Rahmen der künstlichen Befruchtung nicht gegen geltendes Recht verstoßen. Dies gilt allerdings nur für mögliche schwere Genschäden. 
 

 
Leser-Kommentare
    • PiBo
    • 11.07.2010 um 23:32 Uhr

    sich diese Schwachmaten in der Koalition eigentlich nicht?

    Wozu halten wir fähige Experten noch im Lande wenn jeder Hinterbänkler aus irgendwelchen Motiven heraus sein dummes Maul aufmachen muss.

    Weshalb verspielen wir in so vielen Feldern der Wissenschaft unsere Vorteile und treiben unsere Forscher in andere Länder?

    Gibt es den Deutschen Ethikrat noch?

  1. 3. Unreif

    Für derartige Fragen scheint mir die Menschheit noch nicht reif genug zu sein.
    Homo erectus: vor etwa 800.000 Jahren?
    Seither hat er viel gelernt und auch andere Namen erhalten.
    Aber der Mensch heute hat noch ganz ähnliche Bedürfnisse wie der Mensch damals: Er benötigt Luft zum Atmen, Nahrung, er sucht Liebe und Sinn. Und er pflanzt sich fort.
    1Mo 1, 12Und die Erde brachte Gras hervor, Kraut, das Samen hervorbringt nach seiner Art, und Bäume...
    Dann merkten die Gewächse: Einmal ist das Licht da, einmal nicht. Pflanzen haben weder Sprache noch Augen.
    Schauen wir uns vielleicht in der derzeitigen Umgebung etwas um. Wir produzieren Mengen an gefährlichem Atommüll und wissen nicht, wohin damit. Wir schaffen noch immer täglich ganz bewußt Behinderte, sei es durch Kriege oder Rücksichtslosigkeit.

    Aber wir Vollkommenen wollen vollkommene Menschen produzieren.
    Dabei haben recht viele Menschen noch immer Probleme mit dem, was Kinder so alles benötigen, bis sie erwachsen sind. Da wäre zunächst die Mutter. Man stehle ihr die Zeit, damit die allein arbeitende Männerwirtschaft Ernährung, Erziehung, Betreuung übernehmen kann.
    So war es früher: Die Frau hütet das Haus. Heute gehört es dem allein arbeitenden Mann, für seinen Samen beschäftigt er billige oder Gratis-Hüterinnen.
    Und Adam erkannte abermals sein Weib, und sie gebar einen Sohn und gab ihm den Namen Seth; denn: Gott (!) hat mir einen anderen Samen gesetzt an Stelle Abels... So denken Menschen immer noch: Adam = Gott.

    • Schawn
    • 13.07.2010 um 13:05 Uhr

    Das Urteil zur Präimplantationsdiagnostik ist kein Sieg der Freiheit und kein Zeichen von Liberalität. Es beschädigt vielmehr die Grundlage aller republikanischen Freiheit, die Gattungssolidarität.

    Warum das so ist hat Alexander Kissler in seiner aktuellen Kolumne sehr gut ausgeführt (zu lang um sie hier zu posten). Sehr lesenswert.

    Hier der Link:http://bit.ly/byUihk

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service