Infektionskrankheit : Neu entdecktes Resistenz-Gen macht Antibiotika wirkungslos

In Indien und Pakistan verbreitet sich ein Bakterienstamm, gegen den fast kein Medikament mehr hilft. Jetzt haben die neuen resistenten Keime auch Europa erreicht.
Das Mikrobiologie-Labor einer Universität in Antwerpen. In Belgien gab es einen Todesfall, der offenbar auf ein Bakterium mit dem Enzym NDM-1 zurückgeht © JORGE DIRKX/AFP/Getty Images

Dass der britische Forscher Alexander Fleming 1928 das erste Antibiotikum entdeckte, war reiner Zufall. Ein Schimmelpilz der Gattung Penicillium hatte eine seiner Petrischalen befallen und überraschender Weise die Bakterien darin verdrängt. Erst 1942 gelang in den USA erstmals die Massenproduktion des Medikaments, das im Zweiten Weltkrieg vielfach zum Einsatz kam.

Eine Zeit lang glaubte man, Bakterieninfektionen damit endgültig besiegt zu haben – doch man hatte die Rechnung ohne die Evolution gemacht. Bakterien vermehren sich schnell und zahlreich, entsprechend rasch können sie Mutationen im Erbgut von Generation zu Generation weitergeben.

Ebenfalls durch Zufall entstanden so Bakterien, gegen die das neue Mittel Penicillin wirkungslos war. Alternative Antibiotika wurden entwickelt – doch es dauerte nicht lange, bis einige Bakterienstämme auch dagegen resistent waren. Schon Alexander Fleming, der 1945 für seine Entdeckung den Nobelpreis bekam, hatte vor einer solchen Entwicklung gewarnt, fand aber wenig Gehör.

In diesem Wettlauf ist den Bakterien jetzt erneut ein Punktsieg gegen die Medizin gelungen: In Südostasien, Großbritannien, den USA und auch in Deutschland haben Forscher Bakterien mit einem neuen Resistenz-Gen entdeckt. In Belgien ist bereits ein Mensch an einer Infektion mit dem resistenten Keim gestorben, gegen den fast kein Medikament mehr wirkt. Das Bakterium enthält ein Gen, das das Enzym Neu-Delhi-Metallo-Beta-Laktamase (NDM-1) bilden kann. Dieses Eiweiß ermöglicht es dem Bakterium, auch Antibiotika vom Typ der Carbapeneme  unschädlich zu machen, Reserveantibiotika, die nur bei schweren, sonst unbehandelbaren Infektionen eingesetzt werden.

Ein internationales Team um Karthikeyan Kumarasamy von der Universität von Madras in Indien hat bei Patienten mehrerer Kliniken nach dem Keim geforscht. Die Wissenschaftler berichten von 37 betroffenen Patienten in Großbritannien und insgesamt rund 140 Patienten in Bangladesch, Indien und Pakistan. Sie präsentieren die Studie im aktuellen Journal The Lancet Infectious Diseases .

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Kommentare

23 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Mitten in der Evolution

Das Auftreten eines neuen Resistenzgens bei Bakterien gegen Antibiotika zeigt erneut, die Evolution nicht historisch ist, sondern, dass wir mitten in diesem Prozess existieren. Die Gattung Mensch hat das durch die Evolution hervorgebrachte Merkmal seiner kognitiven Fähigkeiten, welche es ihm erlauben sein Lebensumfeld-Bedingungen an seine Bedürfnisse anzupassen. Es wird dem Menschen gelingen auch diese Bedrohung in den Griff zu bekommen.
Verzichten Sie auf Aussagen, die nur der Werbung dienen. Die Redaktion / mb

Auf die Titelseite!

Mikrobielle Krankheitserreger ausschalten zu können, ist eine der größten Errungenschaften der Menschheit. Daß uns diese Fähigkeit stückweise (dies ist nicht die erste Mutation, die Probleme macht) wieder abhanden kommt, ist katastrophal.

Antibiotikaresistente Erreger töten ungezählte Menschen und werden es weiterhin tun, wenn wir nicht massiv an der Überwindung ihrer Resistenzmechanismen forschen. Die Sicherheit, die das RKI mit dem ARS System suggeriert, ist eine Illusion.

Die Problematik wird in der Öffentlichkeit massiv unterschätzt. Auf die Titelseite mit diesem Artikel!

Keine Massenhysterie ...

... aber eine informierte Öffentlichkeit wären wünschenswert. Und deshalb gehören auch solche Nachrichten auf die Titelseiten genauso wie andere Meldungen über Großereignisse und Katastrophen in aller Welt ... oder meinen Sie, dass es reicht die Öffentlichkeit darüber zu informieren, wenn es zu spät ist und bis dahin freuen wir uns darüber, dass zwar überall auf der Welt Leid herrscht, es uns aber eigentlich noch ganz gut geht?

Massenhysterie?

Wenn Sie Massenhysterie suchen, schauen Sie auf die Debatte um freigelassene Straftäter. Wenn Sie reale Bedrohungen einschätzen wollen, schauen Sie lieber auf Datenmaterial. Angesichts von vielen schwersten Erkrankungen, Komplikationen und Todesfällen durch diesen Effekt, vergleichbar in Deutschland nur noch mit den Folgen von Verkehrsunfällen (wo, welch Wunder, auch Daten einfach ignoriert werden), wäre Massenhysterie regelrecht angebracht. Angesichts einer immer schneller wachsenden Zahl von immer mehr Antibiotika-Resistenzen (das Zeug ist für uns nicht so wichtig wie Erdöl, aber ungleich bedeutender für unser aller Leben) wäre Hysterie ebenfalls angebracht. Aber ein bisschen Bewusstsein, ein Nachdenken über andere Wege wäre doch sehr nützlich.

Die blinde, westliche Wissenschaftsgläubigkeit....

ist genauso zerstörerisch wie der blinde, religiöse Fanatismus. Nur eben von der westlichen Kollektivneurose anerkannt. Der wissenschaftliche Machbarkeitswahn muss
wieder auf ein vernünftiges, ganzheitliches Maß zurückgefahren werden, sonst schreitet die Umweltzerstörung immer schneller voran.

@4 was sollen

wir denn ihrer Meinung nach tun ?
Forschen einstellen und geduldig auf den Tod warten ?

welcher Sektenbibel entstammt denn dieses intelligente Zitat ?

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aber wenn man hört, wie in den 3.Welt-Katastrophen-Gebieten angefangen wird mit der Antibiotika-Behandlung, aber mangels ärztlichem Personal die Behandlung nicht beendet wird - das ist doch das erste, was man hier gesagt bekommt bei Einnahme von Antib.: unbedingt durchgängig einnehmen, da sonst Bakterien mit Resistenzen entstehen, bei denen dann das betreffende Antibiotika nicht mehr wirkt...
aber bei uns ists ja auch nicht besser, wenn man das normale Spül-/Reinigungsmittel schon mit der Zusatzfunktion "antibakteriell" heraus gibt - hatte ich schon paar mal den Kopf geschüttelt, weil das ja eigentlich gar nix bringt, nur gut als Marketing um besorgte Leute zu ködern...

Keimfreiheit ist eine Illusion

"aber bei uns ists ja auch nicht besser, wenn man das normale Spül-/Reinigungsmittel schon mit der Zusatzfunktion "antibakteriell" heraus gibt -"

Leider wahr. Waschmittel von Sakrotan gibt es leider auch schon.

Viele Menschen begreifen einfach nicht, dass ein normaler Schnupfen eine Virusinfektion ist, gegen die kein Antibiotikum hilft. Aber ich kenne leider Menschen, die auch schon bei einer schnöden Erkältung zum Antibiotikum gegriffen haben.

Ich gehöre eher zu den Menschen, die sich eher weniger die Hände waschen (außer nach dem Toilettengang natürlich). Mein Sohn packt sich auch alles in Mund, egal woher es kommt. Soll er! Wie heißt es so schön? Was nicht tötet, härtet ab.

Unterschied chemische & biologische Antibiotika

Desinfektionsmittel (das von Ihnen genannte heißt übrigens saGrotan) funktionieren im Gegensatz zu medikamentellen Antibiotika nicht über Enzyme, sondern chemisch-physikalisch. Hauptwirkstoff ist in der Regel das Zellgift Alkohol (Ethanol, iso-Propanol), der unselektiv alle zellulären Mikroerreger (außer Sporen) zerstört. Es kommt hierbei also nicht zu einer selektiven Resistenzentwicklung.

Davon, alles in den Mund zu nehmen, kann ich nur abraten, da einige Viren und Pilztoxine im dringenden Verdacht stehen, Krebs erregend zu sein.

Sicher, aber...

... das war auch nicht gemeint (zumindest bei mir). Es handelt sich um das selbe Phänomen an unterschiedlichen Fronten: Bist du krank, rein mit den Antibiotika, und du wirst nicht krank, wenn du alle Erreger vernichtest. Kein Gedanke an Resistenzen bei ersteren, keine Ahnung vom Wirken der eigenen Immunabwehr. Weniger Reinlichkeitswahn mit zum Teil absurden Zügen - und du und deine Kinder haben eine Chance, weniger krank zu werden, vielleicht gar keine Antibiotika zu brauchen.

"In den Mund nehmen" ist in den allermeisten Fällen unbedenklich. Außer, es handelt sich um vom Menschen erzeugte Ansammlungen chemischer Verbindungen. Krebserregend ist kein Argument, weil die Chance dafür durch die Mundaufnahme äußerst gering ist und gleichzeitig vieles andere, letztlich das Leben an sich krebserregend ist.

Wechselwirkungen

"Davon, alles in den Mund zu nehmen, kann ich nur abraten, da einige Viren und Pilztoxine im dringenden Verdacht stehen, Krebs erregend zu sein."

Sie nehmen mehr in den Mund, als Ihnen bewusst ist. Ich frage mich, wie Sie leben. Sie kommen gar nicht umhin, Viren und Pilztoxine in den Mund zu nehmen. Das machen Sie praktisch rund um die Uhr. Und es bleibt die Frage, welche Wechselwirkungen sich daraus ergeben. Kann ein gestärktes Immunsystem mit diesen Viren und Toxinen besser umgehen als ein schwaches? Und Ihr Immunsystem stärken Sie nicht dadurch, indem Sie sich von allen Schädlichem fernhalten.

Und wie Wahrsprecher schon richtig sagte. Das ganze Leben ist krebserregend.

Allein die Dosis...

...macht das Gift!

Ich habe nicht behauptet, ich nähme keinerlei mikrobielle Erreger zu mir. Wie Sie richtig äußern ist es ein essentieller Teil des Lebens, hochfrequent partiell diese Mikroflora aufzunehmen um einen adäquaten Immunstatus zu erreichen.
Lediglich vor einem unreflektiertem, über das normale Maß hinausgehende "Fressen von Dreck" habe ich gewarnt. Oder wie leben Sie?

Bezeichnend

Diese Nachricht ist alt. Dass aber ihr Inhalt jetzt erst in der zeit-online erscheint, dass andere Medien sie fast gänzlich ignorieren, ist bezeichnend. Hühnergrippe, Schweinepest, Rinderwahn und Konsorten verbreiten sich wie Seuchen - in den Medien und bezüglich der gesellschaftlichen Wahrnehmung. Multiresistente Bakterien dagegen oder dieses neu entdeckte Resistenz-Gen sind kein Thema. Dabei sterben jährlich an diesen weitaus mehr Menschen als an all den medialen Hysterien zuvor.

Der Missbrauch von Antibiotika ist in den Augen der Öffentlichkeit ein Randthema, wenn man es überhaupt so sehen will. Schließlich hat Werbung von Pharma- und Hygiene-Industrie Wirkung gezeigt. Selbst Missstände in deutschen Krankenhäusern, bereits im Vergleich zu direkten Nachbarnationen, ist nur Stoff für einen Beitrag - danach herrscht wieder Ruhe. Und gegen die Verbreitung will schon gar niemand etwas sagen, stellt es doch unsere Freiheit in Frage.

Dabei sind sowohl die möglichen, besser: wahrscheinlichen Folgen für die Menschheit eklatant. Und es ist nur eine Frage der Zeit, wann es geschieht.

"Für Deutschland gehen die Schätzungen der Todesfälle durch im Krankenhaus erworbene Infektionen weit auseinander, von jährlich etwa 1500 Todesopfern bis zu etwa 40.000" - steht in wikipedia für jeden nachlesbar, unter dem Beitrag zu MRSA.

http://de.wikipedia.org/w...

http://de.wikipedia.org/w...

NDM-1 ist etwas Zusätzliches mit der selben Wirkung.

Resistente Bakterien

Lieber Leser,

die Studie, auf die sich dieser Artikel bezieht, ist ganz neu: Aus der aktuellen Ausgabe des Lancet Infectious Diseases.

In der Tat ist das wichtige Thema resistenter Keime, wie im Artikel auch beschrieben, seit langem bekannt - und auch DIE ZEIT und ZEIT ONLINE haben darüber berichtet.

Aber Sie haben Recht: Das Thema ist von großer Bedeutung und auch wir sollten einmal wieder ausführlicher darüber schreiben. Ich nehme Ihren Kommentar gerne als Anregung.

Herzliche Grüße aus der Wissenschaftsredaktion.