Gesundheit Neue Internet-Therapie soll nach Fehlgeburten helfen
Rund ein Fünftel aller Mütter entwickelt nach einer Fehlgeburt Krankheiten wie Depressionen oder Angststörungen. Nun gibt es eine neue Therapie, ausschließlich im Netz.

15 Prozent aller Schwangerschaften enden so früh, dass die Kinder nicht überleben
Das Foto von Antonia hängt im Flur und über der Kommode im Wohnzimmer. Auf den Bildern sieht das Mädchen fast aus wie ein schlafendes Baby. Doch ihre Mutter Renata zu Dohna hatte die Tochter nach sechs Monaten Schwangerschaft verloren – Antonia wurde tot geboren.
Sieben Jahre ist das jetzt her. Für zu Dohna war die Zeit der Trauer sehr intensiv. Sie war Mutter geworden und hatte trotzdem ihr Kind verloren. Ein Schicksal, das viele Eltern teilen: 15 Prozent aller Schwangerschaften enden so früh, dass die Kinder nicht überleben. Nicht immer fühlen sich die Eltern von ihrem Umfeld, den Ärzten, Hebammen, der Familie und Freunden verstanden und gut behandelt.
Das hat Folgen für die Eltern. Laut einer Studie von Anette Kersting, Ärztin für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Uniklinik Leipzig, entwickeln 20 Prozent aller Mütter nach einer Fehlgeburt ernstzunehmende Krankheiten wie Depressionen oder Angststörungen. Bei der Betreuung von Eltern nach einer Fehlgeburt stieß die Psychotherapeutin an ihre Grenzen. "Als Ärzte lernen wir, den Menschen zu helfen, doch dafür hätte ich den Müttern das Kind zurückbringen müssen. Das konnte ich nicht."
Um den Eltern trotzdem zu helfen, hat Kersting gemeinsam mit der Uniklinik Münster eine Therapie entwickelt, die ausschließlich im Internet stattfindet. Inzwischen wird die Therapie von der Uniklinik Leipzig betreut. Die Eltern schreiben innerhalb von fünf Wochen ihre Erlebnisse auf und setzen sich so mit ihren Erfahrungen auseinander. Dabei erhalten sie Rückmeldungen von ausgebildeten Psychotherapeuten. "Natürlich wühlt das Schreiben die Gefühle wieder auf, doch nur so kann die Verarbeitung des Todes vom Kind überhaupt einsetzen", sagt Kersting.
Auch zu Dohna hat erlebt, wie gut es ihr getan hat, zu schreiben. Drei Monate nach dem Tod ihrer Tochter gestaltete sie eine Todesanzeige für Antonia, für ihre Freunde und Verwandten. Darin rekapitulierte sie die vergangenen Wochen. "Ich habe bei jedem Satz, den ich geschrieben habe, geweint. Danach aber ging es mir besser."
Zu Dohna hat sich keine Hilfe von Psychotherapeuten geholt, sondern sich einer Berliner Selbsthilfegruppe angeschlossen. Dort hat sie Menschen getroffen, die nachempfinden konnten, was sie erlebt hat. Denn auch wenn das Umfeld nach einer Fehlgeburt sehr betroffen ist, können Freunde und Verwandte nur schwer den Verlust der Eltern nachempfinden. "Es beginnt damit, dass sie die Betroffenen nicht als Eltern sehen, doch genau das sind sie, auch wenn sie Eltern eines toten Kindes sind", sagt Margret Mehner. Die 69-Jährige leitet eine Selbsthilfegruppe und den Verein Kaleb in Dresden.
Mehner hat selbst vor 35 Jahren ihre zwei Kinder verloren; gesehen und gestreichelt hat sie die Babys nie. Ärzte und Hebammen nahmen damals an, dass der Verlust für die Mütter leichter zu verarbeiten wäre, wenn sie ihr totes Kind weder sehen noch darüber sprechen würden. "Wo bleiben die Kinder? Wo sind meine Kinder? Ich weiß es nicht", sagt Mehner. Noch heute wünscht sie sich, sie hätte ihre Kinder sehen können.
- Datum 27.08.2010 - 16:07 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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