Baby-Tod in Mainz Ärzte und Politik streiten über Hygienestandards

Nach dem Tod dreier Babys ist die Debatte um die Hygiene an deutschen Kliniken im vollen Gange. Politiker wollen einheitliche Vorschriften, Ärzte warnen vor Aktionismus.

Nach dem Tod dreier Säuglinge an der Uniklinik Mainz diskutieren Politiker und Ärzteschaft über die Konsequenzen. Für die Gesundheitsexperten der Parteien scheint die Sache klar: Es fehle an bundesweiten Hygienevorschriften , hatten bereits Vertreter von CDU und FDP als Ursache des Mainzer Falls ausgemacht. SPD-Kollege Karl Lauterbach stimmte dem nun zu. Bisher gebe es in den meisten Ländern keinerlei verbindliche Hygienevorgaben für Kliniken, kritisierte er. "Offenbar müssen erst Leichen auf der Straße liegen, bis einige Bundesländer aufwachen und ihrer Verantwortung gerecht werden", sagte Lauterbach. In zahlreichen Häusern würden einfachste Regeln missachtet. Deshalb fordere die SPD-Bundestagsfraktion eine bundesweit verbindliche Hygieneverordnung für alle Kliniken.

Gesundheitsminister Philip Rösler (FDP) hatte zuvor mit Unterstützung der CSU angekündigt, das Thema Krankenhaushygiene auf die Tagesordnung der Gesundheitsministerkonferenz von Bund und Ländern setzen zu wollen. Vorher seien jedoch die Untersuchungsergebnisse in Mainz abzuwarten.

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Am vergangenen Freitag war elf Kindern auf der Intensivstation der Uniklinik Mainz eine verschmutzte Infusion verabreicht worden. Als wahrscheinlich gilt, dass die Erreger beim Zusammenmischen in der Apotheke der Klinik in die Lösung gelangten. Zwei Babys mit Herzfehlern starben am Samstag , das dritte, ein sehr junges Frühgeborenes, am Montagabend. Ob die Keime in der Infusionslösung tatsächlich den Tod der Säuglinge verursachten, steht bislang noch nicht fest, da alle drei bereits an schweren Vorerkrankungen litten.

Im Gegensatz zur Politik erachtet die Ärzteschaft die bestehenden Vorschriften als ausreichend. Rudolf Henke, Vorsitzender der Ärztegewerkschaft Marburger Bund, warnte vor einer politischen Überreaktion. Es gebe keinen Mangel an Hygieneregeln und Standards, sagte Henke. Bei dem Tod der Babys "scheint es sich um einen schrecklichen Einzelfall zu handeln". Ein Bundesgesetz sehe er nicht als notwendig an. "Kein Keim wird wegen eines bundesweiten Gesetzestextes sein Verhalten ändern."

Ähnlich sieht es der Bundesverband Deutscher Krankenhausapotheker (ADKA). "Ich halte die Sicherheitsstandards in Deutschland für sehr hoch", sagte ADKA-Geschäftsführer Klaus Tönne. "Das ist der erste schwerwiegende Zwischenfall, an den ich mich in den vergangenen 20 Jahren erinnern kann", sagte Tönne zu dem Fall in Mainz. Er kenne kein Krankenhaus, in dem die Sicherheitsstandards besser geregelt sind. "Die Apotheke der Universitätsklinik Mainz arbeitet auf einem sehr hohen und beispielhaften Niveau."

Die deutschen Krankenhäuser und ihre Apotheken reagierten auf den Mainzer Vorfall mit einer Überprüfung ihrer Arbeitsabläufe und Sicherheitsstandards . Auch hier warnten einige Vertreter jedoch vor Panikmache: "Solange wir nicht ganz genau wissen, was passiert ist, haben wir nichts in der Hand, um die eigenen Prozesse zu verbessern", sagte der Leiter der Apotheke des Uniklinikums Heidelberg, Thorsten Hoppe-Tichy.

Die Bundesärztekammer forderte trotzdem schon jetzt mehr Hygienespezialisten an Krankenhäusern. "Es ist richtig, dass die Krankenhäuser Hygienefachkräfte einstellen müssen, die immer Schwachstellen bei der Hygiene auf der Spur sind", sagte Vizepräsident Frank Ulrich Montgomery. "Es gibt ständig neue Analysemethoden, aber auch neue Technik, die unter die Lupe genommen werden muss."

 
Leser-Kommentare
  1. Im Bereich der Krankenhausapotheken z.B. bei Pharmazeutisch Technischen Assistenten (PTA) sind die Gehälter in den vergangenen Jahren extrem abgeschmelzt worden.
    Im Vergleich zu anderen Branchen entspricht die Bezahlung und die Arbeitsbedingungen überhaupt nicht der Verantwortung und der Gefahrenlage (insbesondere bei Zytostatika) für die Angestellten.
    Im Rahmen der Untersuchungen in der Unikliniken sollte dieser Aspekt ebenfalls untersucht werden. Verantwortliche und lebensrettende und lebensgefährdente Arbeiten sollte auch verantwortlich entlohnt werden.

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    "Im Rahmen der Untersuchungen in der Unikliniken sollte dieser Aspekt ebenfalls untersucht werden. Verantwortliche und lebensrettende und lebensgefährdente Arbeiten sollte auch verantwortlich entlohnt werden."

    Möchten sie andeuten das es bei einem höheren Gehalt der Angestellten nicht dazu gekommen wäre ? Lebensgefährdende Arbeiten sollten ohnehin unterbleiben.
    Mal ernsthaft , wer in der Medizin arbeitet um abzukassieren ist sowieso am falschen Platz.

    "Im Rahmen der Untersuchungen in der Unikliniken sollte dieser Aspekt ebenfalls untersucht werden. Verantwortliche und lebensrettende und lebensgefährdente Arbeiten sollte auch verantwortlich entlohnt werden."

    Möchten sie andeuten das es bei einem höheren Gehalt der Angestellten nicht dazu gekommen wäre ? Lebensgefährdende Arbeiten sollten ohnehin unterbleiben.
    Mal ernsthaft , wer in der Medizin arbeitet um abzukassieren ist sowieso am falschen Platz.

  2. "Im Rahmen der Untersuchungen in der Unikliniken sollte dieser Aspekt ebenfalls untersucht werden. Verantwortliche und lebensrettende und lebensgefährdente Arbeiten sollte auch verantwortlich entlohnt werden."

    Möchten sie andeuten das es bei einem höheren Gehalt der Angestellten nicht dazu gekommen wäre ? Lebensgefährdende Arbeiten sollten ohnehin unterbleiben.
    Mal ernsthaft , wer in der Medizin arbeitet um abzukassieren ist sowieso am falschen Platz.

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    • Pyr
    • 25.08.2010 um 9:26 Uhr

    Es geht nicht ums "Abkassieren". Jedoch ist ein zufriedener Arbeiter oftmals ein besserer Arbeiter, und Unzufriedenheit wirkt sich umgekehrt natürlich auf die Leistungsfähigkeit im Job aus.

    Insbesondere bei Berufen, die eine hohe Verantwortung mit sich bringen, ist eine gute Entlohnung eine Anerkennung der Leistung des Arbeitenden. Dadurch kann es schon mal sein, dass man sorgfältiger arbeitet. Außerdem müssten die entsprechenden Leute bei einem höheren Lohnniveau weniger arbeiten für den gleichen Lohn - und bei 40 Stunden die Woche kann man nun mal konzentrierter arbeiten als bei 50 Stunden die Woche.

    In diesem Sinne stimme ich Herrn Greiner absolut zu.

    Ein unmittelbarer Zusammenhang muss nicht bestehen, ist aber dennoch vorstellbar. Wenn über Jahre hinweg demonstriert wird, wie wenig Wert die Arbeit ist, dann kann das durchaus zur Folge haben, dass der Job nur noch gerade so erledigt wird. Schließlich wird das Signal gegeben eine immer weniger wichtige Tätigkeit auszuüben. Unterm Strich sind es wohl die Sorgfalt und das explizite Verantwortungsbewusstsein, die abnehmen.
    Das kann über die Jahre sicherlich in vielen Berufsfeldern geschehen, doch sind die Folgen in "sicherheitsrelevanten" Bereichen wohl potentiell dramatischer als in einer Nagelsortierfabrik.

    Als Entschuldigung oder Begründung taugen eine zu geringe Entlohnung mit Sicherheit nicht, wohl aber zur (partiellen) Erklärung vom schleichenden Verlust der Sorgfalt - unabhängig vom konkreten Fall.
    Dabei geht es dann auch nicht um "abkassieren" sonder vielmehr um Wertschätzung. Und das ist nicht branchengebunden.

    • Pyr
    • 25.08.2010 um 9:26 Uhr

    Es geht nicht ums "Abkassieren". Jedoch ist ein zufriedener Arbeiter oftmals ein besserer Arbeiter, und Unzufriedenheit wirkt sich umgekehrt natürlich auf die Leistungsfähigkeit im Job aus.

    Insbesondere bei Berufen, die eine hohe Verantwortung mit sich bringen, ist eine gute Entlohnung eine Anerkennung der Leistung des Arbeitenden. Dadurch kann es schon mal sein, dass man sorgfältiger arbeitet. Außerdem müssten die entsprechenden Leute bei einem höheren Lohnniveau weniger arbeiten für den gleichen Lohn - und bei 40 Stunden die Woche kann man nun mal konzentrierter arbeiten als bei 50 Stunden die Woche.

    In diesem Sinne stimme ich Herrn Greiner absolut zu.

    Ein unmittelbarer Zusammenhang muss nicht bestehen, ist aber dennoch vorstellbar. Wenn über Jahre hinweg demonstriert wird, wie wenig Wert die Arbeit ist, dann kann das durchaus zur Folge haben, dass der Job nur noch gerade so erledigt wird. Schließlich wird das Signal gegeben eine immer weniger wichtige Tätigkeit auszuüben. Unterm Strich sind es wohl die Sorgfalt und das explizite Verantwortungsbewusstsein, die abnehmen.
    Das kann über die Jahre sicherlich in vielen Berufsfeldern geschehen, doch sind die Folgen in "sicherheitsrelevanten" Bereichen wohl potentiell dramatischer als in einer Nagelsortierfabrik.

    Als Entschuldigung oder Begründung taugen eine zu geringe Entlohnung mit Sicherheit nicht, wohl aber zur (partiellen) Erklärung vom schleichenden Verlust der Sorgfalt - unabhängig vom konkreten Fall.
    Dabei geht es dann auch nicht um "abkassieren" sonder vielmehr um Wertschätzung. Und das ist nicht branchengebunden.

  3. Das Risikoverhalten der Deutschen ist ausgesprochen irrational. Beispiel: 57 (und eben nicht mehr) Menschen starben an BSE in England, aber 157 Rinderfarmer haben sich das Leben genommen, weil sie ihre Familie nicht mehr ernähren konnten. Die Hysterie kennt keine Grenzen, wenn die Presse es entsprechend "begleitet". Bis zu 40.000 Menschen in Deutschland sterben jährlich an unnötigen Infektionen in deutschen Krankenhäuser! Das ist das zehnfache von denen, die jährlich im Straßenverkehr umkommen. (Unglaublich)
    Der Betrieb von KKW`s hinterläßt 0 Tote pro Jahr in Deutschland. Diese solle aber abgeschaltet werden. Wir sollten endlich unseren Verstand einschalten und die Risiken dort minimieren, wo sie wirklich existieren.

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    • joG
    • 25.08.2010 um 9:59 Uhr

    ....auf den Punkt, was Sie da sagen. In diesem Zusammenhang sieht man den Zusammenhang sehr schön. Da ist ein Problem, mindestens das seit den 70ern unter Ärzten und Bürokraten bekannt ist. Es stecken sich mehr Leute in Krankenhäusern hier an, als in vergleichbaren Ländern. Es sterben an solchen Infektionen eine riesige Zahl.

    Und dann sterben 3 Kinder an einer Vergiftung, die vielleicht mit der systemisch minderwertigen Hygiene in den Krankenhäusern zusammenhängt und das Volk erzürnt sich, wird hysterisch, während seine Politiker die Gunst der Stunde nutzen indem sie aufhetzend und verlogen Quacken: ""Offenbar müssen erst Leichen auf der Straße liegen, bis einige Bundesländer aufwachen und ihrer Verantwortung gerecht werden", sagte Lauterbach".

    • joG
    • 25.08.2010 um 9:59 Uhr

    ....auf den Punkt, was Sie da sagen. In diesem Zusammenhang sieht man den Zusammenhang sehr schön. Da ist ein Problem, mindestens das seit den 70ern unter Ärzten und Bürokraten bekannt ist. Es stecken sich mehr Leute in Krankenhäusern hier an, als in vergleichbaren Ländern. Es sterben an solchen Infektionen eine riesige Zahl.

    Und dann sterben 3 Kinder an einer Vergiftung, die vielleicht mit der systemisch minderwertigen Hygiene in den Krankenhäusern zusammenhängt und das Volk erzürnt sich, wird hysterisch, während seine Politiker die Gunst der Stunde nutzen indem sie aufhetzend und verlogen Quacken: ""Offenbar müssen erst Leichen auf der Straße liegen, bis einige Bundesländer aufwachen und ihrer Verantwortung gerecht werden", sagte Lauterbach".

    • Pyr
    • 25.08.2010 um 9:26 Uhr

    Es geht nicht ums "Abkassieren". Jedoch ist ein zufriedener Arbeiter oftmals ein besserer Arbeiter, und Unzufriedenheit wirkt sich umgekehrt natürlich auf die Leistungsfähigkeit im Job aus.

    Insbesondere bei Berufen, die eine hohe Verantwortung mit sich bringen, ist eine gute Entlohnung eine Anerkennung der Leistung des Arbeitenden. Dadurch kann es schon mal sein, dass man sorgfältiger arbeitet. Außerdem müssten die entsprechenden Leute bei einem höheren Lohnniveau weniger arbeiten für den gleichen Lohn - und bei 40 Stunden die Woche kann man nun mal konzentrierter arbeiten als bei 50 Stunden die Woche.

    In diesem Sinne stimme ich Herrn Greiner absolut zu.

  4. Ein unmittelbarer Zusammenhang muss nicht bestehen, ist aber dennoch vorstellbar. Wenn über Jahre hinweg demonstriert wird, wie wenig Wert die Arbeit ist, dann kann das durchaus zur Folge haben, dass der Job nur noch gerade so erledigt wird. Schließlich wird das Signal gegeben eine immer weniger wichtige Tätigkeit auszuüben. Unterm Strich sind es wohl die Sorgfalt und das explizite Verantwortungsbewusstsein, die abnehmen.
    Das kann über die Jahre sicherlich in vielen Berufsfeldern geschehen, doch sind die Folgen in "sicherheitsrelevanten" Bereichen wohl potentiell dramatischer als in einer Nagelsortierfabrik.

    Als Entschuldigung oder Begründung taugen eine zu geringe Entlohnung mit Sicherheit nicht, wohl aber zur (partiellen) Erklärung vom schleichenden Verlust der Sorgfalt - unabhängig vom konkreten Fall.
    Dabei geht es dann auch nicht um "abkassieren" sonder vielmehr um Wertschätzung. Und das ist nicht branchengebunden.

  5. Krankenhäusern und die Behandlung von Patienten mit multiresistenten Krankenhauskeimen verschlingen Millionen von Euros; dennoch wird von der Politik und Interessenverbänden gestritten, als ginge es bei der dringend notwendigen verbindlichen Regelung von Hygienevorschriften um einen Luxus.

    Hygiene sollte ein verbindlicher und sanktionierbarer Standard sein und es ist unerträglich, wie der Vertreter der Krankenhäuser im Fernsehen mehr Geld für ausreichende Hygiene fordert.

    Hier wird mit der Angst und dem Leben von uns allen gepokert und der Bundesgesundheitsminister Rössler (FDP) möchte das Thema lediglich als Tagesordungspunkt für die Gesundheitsministerkonferen aufnehmen?

    Vielleicht liesse sich diese unerträgliche Situation über einen rechtlichen Schadensersatzanspruch von Betroffenen gegenüber Krankenhäusern regeln?

    Wie, was oder wer ist mir egal, aber die bisherige abwartende Zuschauerposition dürfen wir den Damen und Herren in der Politik nicht mehr durchgehen lassen.

    • joG
    • 25.08.2010 um 9:59 Uhr

    ....auf den Punkt, was Sie da sagen. In diesem Zusammenhang sieht man den Zusammenhang sehr schön. Da ist ein Problem, mindestens das seit den 70ern unter Ärzten und Bürokraten bekannt ist. Es stecken sich mehr Leute in Krankenhäusern hier an, als in vergleichbaren Ländern. Es sterben an solchen Infektionen eine riesige Zahl.

    Und dann sterben 3 Kinder an einer Vergiftung, die vielleicht mit der systemisch minderwertigen Hygiene in den Krankenhäusern zusammenhängt und das Volk erzürnt sich, wird hysterisch, während seine Politiker die Gunst der Stunde nutzen indem sie aufhetzend und verlogen Quacken: ""Offenbar müssen erst Leichen auf der Straße liegen, bis einige Bundesländer aufwachen und ihrer Verantwortung gerecht werden", sagte Lauterbach".

  6. Ohne die Ergebnisse der Ermittlungen aus Mainz ist diese Diskussion einfach Stuss!

    Hier wird eine Anlass genutzt um irgendwas zu verändern, von dem man nicht mal weis, ob es den Tod der Säuglinge hätte verhindern können.
    Röslers Hinweis, erst mal die Ergebnisse abzuwarten ist also richtig, Lauterbachs Vorstoss bestenfalls dumm, ansonsten vorsätzlich irreführend.

    H.

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