Das Blut aus der Nabelschnur eines Neugeborenen kann Leben retten. Meistens hilft das anderen und nicht dem eigenen Baby © Christopher Furlong/Getty Images

Der schlimmste Gedanke liebender Eltern: Ihr Kind könnte eines Tages eine lebensbedrohliche Krankheit bekommen. Wenn es doch nur eine Versicherung dagegen gäbe. Ein Wunsch, der verständlich macht, warum viele werdende Eltern heute mit dem Gedanken spielen, die Stammzellen aus dem Blut ihres Babys einfrieren zu lassen.

Drei von hundert Eltern entschließen sich heute dazu – als "Lebensversicherung" für das eigene Kind oder als Spende für einen anderen Kranken. "Bei den Vorbereitungsabenden für werdende Eltern ist das Nabelschnurblut immer ein Thema", sagt Babett Ramsauer, leitende Oberärztin am Perinatalzentrum des Berliner Vivantes-Klinikums Neukölln , einer der größten Geburtskliniken Deutschlands.

Doch wie sinnvoll ist das Einlagern von Nabelschnurblut? Wie wahrscheinlich ist, dass die Stammzellen daraus dem eigenen Kind eines Tages wirklich helfen? Lohnt sich die teure Gebühr, die private Anbieter dafür verlangen? Oder ist das Blut in Spendenbanken besser aufgehoben? Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick:

Was ist Nabelschnurblut?
Die Nabelschnur ist so etwas wie das "Kabel", über das Mutter und Kind während der Schwangerschaft miteinander verbunden sind: Sie verbindet das Kind über die Plazenta mit dem Blutkreislauf der Mutter und stellt so die Versorgung mit Nährstoffen und Sauerstoff sicher. Nach der Geburt des Babys pulsiert sie noch ein wenig, dann wird sie abgeklemmt. Für den Abfall ist die Tasse voll kindlichem Blut, das sie enthält, eigentlich zu schade. Denn die darin enthaltenen Stammzellen können helfen, Krankheiten zu heilen. Bisher werden sie hauptsächlich zur Therapie von Leukämien verwendet. Weltweit haben inzwischen mehr als 10.000 Kranke davon profitiert.

Was ist an den Stammzellen aus diesem Blut so besonders?
"Stammzellen aus dem Nabelschnurblut teilen sich besser als solche, die aus dem Blut Erwachsener gewonnen werden, sodass man für die Behandlung nur ein Zehntel der Menge braucht", erklärt Wolfram Ebell, Kinderonkologe und Stammzellexperte von der Berliner Charité .  Zudem gelten sie als besonders verträglich, weil die Abwehrzellen des Immunsystems, die in ihnen enthalten sind, noch nicht ausgereift sind. Die Gewebemerkmale von Spender und Empfänger müssen deshalb nicht hundertprozentig übereinstimmen. Und sie sind besonders für die Behandlung sehr kleiner Kinder interessant, die noch mit wenigen Krankheitserregern Kontakt hatten. "Die immunologische Naivität dieser Zellen kann allerdings auch nachteilig sein, in manchen Fällen ist ein Spender vorteilhafter, dessen Immunsystem schon durch Infektionen geprägt ist", schränkt Ebell ein.

Segensreich ist oft, dass die Stammzellen aus dem Blut der Neugeborenen im Bedarfsfall auf Abruf sofort verfügbar sind, während das Knochenmark von in Frage kommenden Spendern dann erst in einem aufwändigen Verfahren durchgetestet werden muss. Eine negative Besonderheit ist allerdings, dass eine "Portion" Nabelschnurblut (45 bis 190 Milliliter) nur Stammzellen in einer Anzahl enthält, die oft für erwachsene Empfänger, etwa zur Behandlung einer Leukämie, nicht ausreicht. In öffentlichen Nabelschnurblutbanken werden deshalb Spenden aufbewahrt, die mindestens 500 Millionen Stammzellen enthalten. Bei Erwachsenen werden manchmal "Tandem-Transplantationen" von zwei Spendern gemacht. Insgesamt kommen heute aber nur bei drei bis vier von 100 Stammzell-Transplantationen Zellen aus Nabelschnurblut zum Einsatz.

Wer gewinnt das Nabelschnurblut – wer lagert es ein?
Das Blut wird im Kreißsaal der Geburtskliniken aus der Nabelschnurvene gewonnen, in einem Plastikbeutel gesammelt und an eine Stammzellbank oder private Firma geschickt. Inzwischen bieten im ganzen Bundesgebiet zahlreiche Kliniken jungen Eltern diesen Service an. Die behördlichen Auflagen, die sie erfüllen müssen, sind allerdings deutlich strenger, wenn das Blut als mögliche Spende gesammelt wird, da dann das Arzneimittelrecht zum Tragen kommt.

Im Labor werden die Gewebemerkmale des Blutes bestimmt, die Stammzellen isoliert und anschließend bei minus 180 Grad Celsius in flüssigem Stickstoff eingefroren. Einige der Firmen, die Eltern den – kostspieligen – Service der Aufbewahrung für den "Eigenbedarf" anbieten, kooperieren inzwischen mit Stammzellbanken und machen den Eltern Kombi-Angebote: Die Stammzellen werden bei ihnen kostenpflichtig eingelagert, die Daten der Typisierung gehen allerdings (anonym) auch an eine Stammzellbank, die um die Spende der eingelagerten Zellen bitten kann, wenn sie genau für einen Patienten passen. In diesem Fall bekommen die Eltern die Kosten für die Einlagerung erstattet, wie die Firmen versichern.