ADHSKonzentrationsstörung ist oft nur Zeichen geistiger Unreife

Laut einer Studie von Forschern der US-Universität Michigan leben Millionen Kinder mutmaßlich mit einer Fehldiagnose. Statt an ADHS leiden sie nur an kindlicher Unreife. von AFP

Ein Junge mit ADHS-Diagnose sammelt während einer Exkursion Abdrücke von Tierspuren. In den USA lernen Kinder mit ADHS unter anderem in betreuten Camps ihren Bewegungsdrang zu kontrollieren

Ein Junge mit ADHS-Diagnose sammelt während einer Exkursion Abdrücke von Tierspuren. In den USA lernen Kinder mit ADHS unter anderem in betreuten Camps ihren Bewegungsdrang zu kontrollieren   |  © Brendan Smialowski/Getty Images

In den USA leben einer Untersuchung zufolge möglicherweise fast eine Million Kinder mit einer falschen Diagnose: Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätssyndrom ADHS , das sich unter anderem in Form von Konzentrationsstörungen zeigt. Die meisten von ihnen bekommen dagegen Psychopharmaka verschrieben. In Wirklichkeit seien viele der Kinder, denen das Syndrom zugeschrieben wird, einfach langsamer in ihrer Entwicklung und hätten deshalb Schwierigkeiten.

Betroffen seien vor allem die jüngeren Kinder einer Jahrgangsstufe in Kindergarten oder Schule, schrieb der leitende Autor der Studie, Todd Elder, von der Universität in Michigan im Journal of Health Economics .

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Bei den jüngsten Kindergarten-Kindern eines Jahrgangs werde zum Beispiel im Schnitt 60 Prozent häufiger ein ADHS diagnostiziert als bei den Gruppenältesten. Bei Schulkindern sei der Anteil sogar bis zu doppelt so hoch.

Die Diagnose werde zwar häufig von einem Arzt gestellt, oft aber auf Veranlassung der Erzieher oder Lehrer. "Aber die 'Symptome' könnten einfach nur die emotionale und geistige Unreife der jüngeren Kinder widerspiegeln", schreibt Todd in der Studie.

Die Arzneimittelkosten allein für die mutmaßlich falschen Diagnosen bezifferten die Autoren der Untersuchung auf 320 bis 500 Millionen US-Dollar (250 bis 390 Millionen Euro). Das staatliche Gesundheitssystem Medicaid werde dadurch mit bis zu 90 Millionen Dollar belastet. Zudem sind die Langzeitwirkungen einer solchen Behandlung von Kindern mit Psychopharmaka nicht gut erforscht.

Die Wissenschaftler werteten für die Untersuchung die Daten von 12.000 Kindern aus. ADHS geht mit Konzentrationsstörungen, ungewöhnlichem Aktivitäts- und Bewegungsdrang sowie extremer Impulsivität einher.

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Leserkommentare
  1. Meinung durchsetzen sollte, das Dauermedikamentieren von vielen Kindern nicht stoppen, denn wer mag sie so unreif, wie sie sich gebärden?

    • Bako
    • 18. August 2010 12:46 Uhr

    Das ADHS in den USA (und zunehmend auch in Deutschland) häufig genutzt wird um das eigene Kind in eine neue Norm zu pressen ist keine neue Erkenntnis.

    Es geht in diesem obstrusen Weltbild nicht an, dass ein Kind einfach noch Zeit zur Entwicklung braucht, das wäre Mangelhaft. Wenn das Kind wiederum an einer offiziell annerkannten Krankheit leidet, und statt stärkerer Befassung einfach Psychopharmaka verschrieben werden können, ist alle Schuld abgewendet, die Eltern und Lehrer reingewaschen und das Leben kann weitergehen.

    Es ist wieder mal eine andere Art des Missbrauchs einer Diagnose zum Schulderlass, Rhitalin zum Schuldablass und zur Bewahrung der Eitelkeit der Eltern und zur Erlangung von Konformitat für die Erzieher. Den Kindern wird die ADHS-Diagnose zumeist nicht gerecht bzw. berührt den Bereich des Missbrauchs.

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  2. Ich hab in dem Zusammenhang oft von Eltern gehört, die ihre Kinder bei der kleinsten Konzentrationsschwäche zum Psychater schicken und wenn der sagt, das kind habe nichts, schicken sie es zum nächsten und das solange bis eine für die Eltern befriedigende Diagnose gestellt wurde. Immerhin hat das ganze dann einen Namen und es klingt besser als das Kind sei verspielt.
    Wahrscheinlich hoffen die Eltern, das bei einer der Diagnosen das Wort "hochbegabt" fällt.

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  3. was kritische Eltern, Erzieher und Lehrer seit langem vermuten. Doch wenn Kinder nicht mehr Kinder sein dürfen, sondern ab einem bestimmten Zeitpunkt kleine Erwachsene, die still sitzend, andächtig dem Lehrer lauschen und leistungsorientiert an ihre Karriere denken sollen, dann sind natürlich alle, die nicht in dieses Schema passen, krank. Wie praktisch, dass es dann Tropfen gibt, welche die "nervigen Blagen" ruhig stellen. In meinen Augen ein Verbrechen. Aber so lange die Pharmaindustrie profitiert...

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  • Quelle ZEIT ONLINE, AFP
  • Schlagworte ADHS | Arzt | Autor | Dollar | Gesundheitssystem | Kindergarten
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