Aidsforschung : HIV-Ursprung ist viel älter als bisher angenommen

Affen an der Westküste Afrikas tragen eine Urform des Aidserregers HIV in sich. Sie ist offenbar mehrere Tausend Jahre alt und stellt Forscher damit vor ein neues Rätsel.

Im Kampf gegen den Aidserreger HIV gehen Wissenschaftler jeder Spur nach. Mehr als 33 Millionen Menschen weltweit tragen das tückische Virus in sich. Rund zwei Millionen sterben an den Folgen der Immunschwäche Aids, darunter 280.000 Kinder. Nun haben US-Wissenschaftler den Ursprung des Erregers neu untersucht. Ihre Forschung führte sie in den Regenwald an der Westküste Afrikas, auf die Insel Bioko. In dort lebenden Affen schlummert eine Urform des menschlichen Aidserregers.

Das sogenannte Simiane Immundefizient-Virus (SIV) wurde bereits vor Jahren entdeckt. Doch es ist offenbar viel älter als bislang angenommen. Das berichten der Virologe Preston Marx von der Tulane Universität in New Orleans und der Evolutionsbiologe Michael Worobey von der Universität von Arizona in Tucson im Wissenschaftsmagazin Science. Die Forscher schätzen das Affenvirus nun auf 32.000 bis 75.000 Jahre. Bislang gingen Molekularbiologen nur von einem Alter von mehreren hundert Jahren aus.

Marx und seine Kollegen untersuchten das Wildfleisch verschiedener Affenarten auf Bioko erneut. Insgesamt seien die Erreger bei 22 von 79 Primaten nachgewiesen worden. Sie stammten von solchen Viren ab, die auch ihre Verwandten auf dem Festland in sich tragen. Genetisch aber seien die Erreger sehr unterschiedlich und hätten sich über einen langen Zeitraum voneinander getrennt weiter entwickelt. Die Insel Bioko spaltete sich vermutlich vor rund 10.000 bis 12.000 vom afrikanischen Festland ab.

"Das Simiane Immundefizienz-Virus löst anders als HIV kein Aids bei den meisten befallenen Primaten aus", sagt Marx. Ähnlich könnte auch einst der menschliche Aidserreger sich zu einem ungefährlichen und nicht-tödlichen Virus entwickeln. Allerdings sinkt mit den neuen Erkenntnissen zum Alter der SI-Viren die Hoffnung der Virologen, dass dies rasch geschehen wird. Schließlich habe es auch Tausende Jahre gedauert, bis SIV zu einem vorrangig harmlosen Virus wurde.

Die Forscher befürchten nun, dass HIV auf lange Sicht ein tödlicher Erreger bleiben wird. Das Alter der SI-Viren stellt die Virologen nunmehr vor ein neues Rätsel. Wenn Menschen seit Tausenden von Jahren Kontakt zu SIV-infizierten Affen hatten, warum hat die HIV-Epidemie dann erst im 20. Jahrhundert begonnen? Derzeit haben Forscher dafür noch keine Anhaltspunkte.

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Kommentare

10 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

zwei Drittel = 22 von 79?!?

So interessant der Artikel in seiner Aussage auch sein mag, ich habe kein kleines Mathematisches Problem mit der Rechnung:"Bei zwei Drittel der Primaten fanden die Forscher SI-Viren. Insgesamt seien die Erreger bei 22 von 79 Tieren nachgewiesen worden". denn 2/3 von 79 Tieren sind auf meinem Taschenrechner 52 Tiere...

Warum erst im 20 Jh.?

Eine Erklärung dafür, dass sich die HIV Epidemie erst im 20. Jh. ausgebreitet hat war doch bisher (zumindest in meiner Schulzeit), das sich zu der Zeit die ersten größere Städte entwickelt haben... was ich mich noch frage ist, woher weiß man denn, dass es das vorher nicht auch schon gab, nur die Diagnose eben noch nicht?

Reisen

Ich würde eher vermuten, dass der Massentourismus bzw. die Möglichkeit für viele Menschen relativ schnell beinahe jeden Ort der Erde zu erreichen, Ausschlag für Verbreitung des Virus in der 2. Hälfte, eigentlich im 4. Quartal, des 20. Jahrhunderts war.
Möglicherweise gab es immer wieder vereinzelte Ansteckungen mit HIV, die jedoch regional beschränkt blieben.
Wer kannte schon vor 50 Jahren das Ebola-, das Lassa- oder das Marburgvirus?

ok, stimmt

sehr wahrscheinlich haben Sie recht. Ich weiß es nicht. Immerhin hab ich gerade beim kurzen herum googeln festgestellt, dass ich zumindest nicht der einzige bin, der das so mal gelernt hat.
Vielleicht ist es eine Kombination der zunehmenden Land-Stadt-Wanderung in Westafrika (und dem damit einhergehenden Städtewachstum) und eben des von Parvis angesprochenen internationalem Reiseverkehrs.
Andererseits sind es ja Forscher und die wissen das bestimmt alles und wenn die keine Anhaltspunkte haben, dann stimmt meine "Schulbuch-Theorie" wohl einfach nicht.

Harmlose Viren...interessant

Ein Virus kann also harmlos werden? Eingentlich müssten Viren, die die Lebenserwartung ihrer Wirte erhöhen anstatt sie zu verkürzen bessere Chancen haben sich zu replizieren und damit zu erhalten? Sind pathogene Viren also ein evolutionärer Betriebsunfall, der immer mal wieder vorkommt aber dauerhaft nicht stabil sein kann?