Powernapping im BüroDas Nickerchen für sich arbeiten lassen

Wer mittags schläft, ist faul? Nein, sagen die Schlafforscher, das Nickerchen macht uns fit für den Büroalltag. Warum es für Firmen Zeit ist, umzudenken. von 

Wenn der Schreibtisch als Kopfkissen herhalten muss

Wenn der Schreibtisch als Kopfkissen herhalten muss  |  © spacejunkie/photocase.com

In den deutschen Büros hat das Nickerchen Hausverbot. Wir brüsten uns lieber damit, wie wenig wir schlafen und wie müde wir sind, als uns einfach mal einen Moment der Muße zu gönnen – und sei es nur für ein paar Minuten. Dabei macht das Nickerchen uns wacher, verbessert sowohl Reaktion, Konzentration als auch das Gedächtnis. Es hebt die Stimmung und beugt Unfällen vor. Die Schlafforschung belegt das.

In deutschen Unternehmen will man davon nichts wissen. Die wenigen Chefs, die ihren Mitarbeitern ein Schläfchen erlauben, scheuen die Öffentlichkeit. Die Bezirksverwaltung in Berlin Charlottenburg und die Stadtverwaltung in Vechta bekannten sich öffentlich zum Mittagsschlaf und bekamen dafür die Häme des Volkes zu spüren. Fernsehsender strahlten spöttische Beiträge aus: Zu sehr entspräche ein dösender Mitarbeiter dem Klischee des arbeitsunwilligen und faulen Beamten.

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Schwerpunkt: Warum schlafen wir?

ZEIT ONLINE und DIE ZEIT haben dem Thema Schlaf einen Schwerpunkt gewidmet. In Interviews, Videos, Reportagen und Umfragen klären wir die wichtigsten Fragen rund um den Zustand, in dem wir gut ein Drittel unseres Lebens verweilen.

Wie erklären Hirnforscher den Schlaf, gibt es die produktive Siesta und was kostet die Wirtschaft unsere Müdigkeit? Und wie schlafen die Menschen in verschiedenen Kulturen?

Auf unserer Themenseite können Sie zudem berechnen, wie viel Zeit Sie bereits in Ihrem Leben geschlafen haben.

"Ich empfehle die Mittagsruhe unbedingt", sagt der  Schlafmediziner Ingo Fietze von der Berliner Charité . Auch sein Kollege Jürgen Zulley aus Regensburg – von manchen liebevoll Schlafpapst genannt – sagt: "Jeder sollte sich die Pause gönnen."

Das Nickerchen kommt der Natur des Menschen entgegen, da es das Mittagstief überbrückt. Menschen, die früh morgens mit Leichtigkeit aus dem Bett springen – Chronobiologen sprechen von "Lerchen" – fallen zwischen zwölf und 14 Uhr in das Mittagstief. Der Kreislauf ist instabiler und die Körpertemperatur sinkt. Für sie ist das die ideale Zeit für das Nickerchen. Danach – zwischen 14 und 16 Uhr – erleben sie ein körperliches Leistungshoch, um zwischen 16 und 18 Uhr wieder in ein Nachmittagstief abzutauchen. Die Lerchen trifft es dann aber weniger schlimm als die "Eulen" – die Abendtypen. Sie erreichen ihr Tagestief erst jetzt.

Der Mensch ist in der Regel tagsüber wach, nachts schläft er. Ob das auch dem natürlichen Schlafmuster entspricht, ist unklar. Denn 85 Prozent der Säugetiere schlafen polyphasisch – also mehrmals täglich. Auch Kleinkindern und Alten reicht der Nachtschlaf nicht aus: Sie legen sich mittags ein zweites Mal aufs Ohr. Nur Erwachsene schlafen vorwiegend monophasisch. Sie kämpfen gegen die Müdigkeit an und bleiben krampfhaft wach. "In dieser Zeit machen wir mehr Fehler als sonst", sagt Zulley. Trotz Leistungstief versuchten die meisten Büroangestellten aber, weiter zu funktionieren. Auch wenn die Gedanken abschweifen und sie Löcher in den Bildschirm starren.

Sowohl Zulley als auch Fietze empfehlen daher den Mittagsschlaf, sofern die Umstände es zuließen und man überhaupt das Bedürfnis danach verspüre. Es reiche aber auch schon eine kurze Ruhephase, um die Augen zu schließen und Gedanken kreisen zu lassen. "Ein Büronickerchen sollte nicht länger als eine halbe Stunde dauern", sagt der Schlafmediziner Fietze. Denn gerät der Schlummernde in den Tiefschlaf, kann darauf ein lähmender Müdigkeitsüberhang nach dem Erwachen folgen.

Mehrere Studien wollen den positiven Effekt eines solchen Naps schon oft belegt haben. Olaf Lahl und seine Kollegen von der Uni Düsseldorf zum Beispiel fanden 2007 heraus, dass gerade mal sechs Minuten Schlaf ausreichen, um das Gedächtnis zu verbessern. Die Studienteilnehmer wurden für 13 Uhr in das Schlaflabor bestellt. Sie bekamen eine Liste mit 30 Wörtern, die sie in zwei Minuten auswendig lernen sollten. Eine Stunde später wurden sie befragt. In der Zwischenzeit durften die einen sechs, die anderen 35 Minuten schlafen – die Kontrollgruppe blieb wach. Die Wachgebliebenen erinnerten sich während der Tests an weniger Wörter als die Schläfer. "Das Sechs-Minuten-Nickerchen reichte aus, um einen signifikanten Unterschied zu belegen", sagt Olaf Lahl. "In der Schlafforschung hat die Studie damit relativ hohe Wellen geschlagen."

Leserkommentare
  1. heute eigentlich für jede Volksweisheit, damit sie als bewährt und hochwertig erachtet wird, einen neuen Anglizismus?

    • johaupt
    • 28. Oktober 2010 13:52 Uhr

    ...lässt sich nicht als wirtschaftliche Kennzahl ausdrücken, ganz im Ggs. zu den Kosten, die uU enorm sind (separate Ruheräume, Organisation, entsprechende Liegen oder besser Kabinen usw.).

    Deshalb wird es sich auch in Zukunft nicht in der Breite durchsetzen, das Mittagsschlafthema wird ja schon seit einer Weile hochgejubelt, ohne dass es auf den Arbeitsalltag der meisten Leute irgendeine Auswirkung gehabt hätte, eher im Gegenteil, ein Chef mindert ja auch nicht allein deshalb die Überstunden, weil das gut für die Leistungsfähigkeit der Leute wäre. Das juckt ihn idR schlicht nicht und wird erst virulent, wenn die Kranken- und Ausfallzeiten hochschnellen.

    Fazit: der Nutzen ist zu vage, der Aufwand zu konkret und hoch und menschenfreundlich zählt am Markt sowieso nichts, einige wenige Spazialisten-Nischen vielleicht ausgenommen. Ob die Mitarbeiter das nutzen würden, sei mal noch dahingestellt, immerhin ist eine halbe Stunde mehr in der Firma eine halbe Stunde später zu Hause, auch wenn man in der Zeit geschlafen hat. Den meisten Deutschen wird der Mittagsschlaf doch schon im Kinderalter durch seinen Zwangscharakter vergällt.

    Eine Leserempfehlung
  2. 3. ~ 1146

    Zweierlei irritiert mich immer wieder. Zum einen sind viele der Fakten lange schon bekannt, nur reagiert niemand darauf. Gesellschaftspolitisch wird sogar so getan, als wäre der Mensch eine frei verfügbare Standardware. Zuletzt betraf es alle Schüler.

    Zum anderen - und das verblüfft mich besonders - erwähnt der Artikel die Lerchen, aber nicht die Eulen und die Auswirkungen auf diese Gruppe. Darunter leide ich bereits mein ganzes Leben, denn ich bin eine ausgeprägte Eule. Den Eulen nutzt der Mittagsschlaf (egal wann) nichts.

    Der Infotext im Kasten erwähnt eine spätere Tiefphase der Eulen, aber ohne Bedeutung. Dafür findet sich hier eine Aufteilung in drei Klassen, neben Lerchen und Eulen auch einen Normaltyp, den es so gar nicht gibt und der vom Namen her es nahelegt, die auffälligsten Lerchen und Eulen als anormal abzutun.

    Man könnte noch Effekte von Tageslicht und Temperatur, letztlich auch jahreszeitliche Schwankungen einbeziehen. Aber das Fazit ist klar: Zum Schaden des Einzelnen, zum Teil zum Schaden aller wurde der Mensch standardisiert. Mittagsschläfchen ist hier nur eine Verbesserung zur Aufrechterhaltung des Standards. Ein Umdenken ist das nicht. Kleinkinder wie Alte bekommen ihre Pausen verordnet, Schüler machen ihre zukunftsbestimmenden Prüfungen immer noch irgend wann gemeinsam und der Arbeitnehmer hat zu funktionieren, wie es der Arbeitsplatz vorschreibt.

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    • johaupt
    • 28. Oktober 2010 14:51 Uhr

    "Den Eulen nutzt der Mittagsschlaf (egal wann) nichts."

    ...so pauschal nicht sagen. Normalerweise bekommt man ja einen Rythmus aufgezwungen, der einen spätestens gegen 9:00 aus dem Bett zwingt. Und in diesem Falle sind Eulen spätestens gegen 14:00 richtig überreif für einen Zwischenschlaf, damit sie dann wieder bis 2:00 nachts durchhalten. Also bei mir funktioniert das ganz gut, zumindest wenn ich zu Hause bin, auf Arbeit darf ich leider auch nicht schlafen.

    • johaupt
    • 28. Oktober 2010 14:51 Uhr

    "Den Eulen nutzt der Mittagsschlaf (egal wann) nichts."

    ...so pauschal nicht sagen. Normalerweise bekommt man ja einen Rythmus aufgezwungen, der einen spätestens gegen 9:00 aus dem Bett zwingt. Und in diesem Falle sind Eulen spätestens gegen 14:00 richtig überreif für einen Zwischenschlaf, damit sie dann wieder bis 2:00 nachts durchhalten. Also bei mir funktioniert das ganz gut, zumindest wenn ich zu Hause bin, auf Arbeit darf ich leider auch nicht schlafen.

    Antwort auf "~ 1146"
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    Keine Chef kann einem verbieten in der Mittagspause (vorrausgesetzt dass man die Möbel-Möglichkeit hat) mal für 20 Minuten den Kopf auf den Tisch zu legen. Mehr braucht es dafür nicht.

    Bei mir wirkt das manchmal wahre Wunder...

    ...muss ich das bezweifeln. Allerdings bin ich eine wirklich ausgeprägte Eule, eher ein Extrem. Wenn ich aufstehe, sollte es draußen taghell sein - ansonsten schleppe ich den ganzen Tag eine bleierne Müdigkeit mit mir herum. Danach benötige ich je nach Aktionen anderthalb bis zweieinhalb Stunden, um auf Touren zu kommen. Ich habe es überprüft, indem ich Denksportaufgaben löste und Texte zu schreiben versuchte. Nach dieser Zeit bin ich noch nicht auf dem Optimum des Möglichen, aber immerhin so nahe dran, dass ich praktisch alles tun kann, wenn ich mich ein wenig zwinge. Das eigentliche, besonders bezüglich Kreativität kräftige Hoch erlange ich aber erst in der zweiten Tageshälfte dieses Rhythmus. Es passt zur "Eule", dass dies in dieser Form mit dem Einsetzen der abendlichen Dunkelheit zusammen fällt.

    Durch Schlafmangel oder Störungen dieses natürlichen Ablaufs kann ich am frühen Nachmittag sehr müde werden und versucht sein, ein Schläfchen zu halten. Unterschiedliche Längen habe ich ausprobiert, das Bestmögliche liegt um 45 Minuten. Nur: Danach bin ich auch zurück gesetzt. Ich muss erst wieder auf Touren kommen, das eigentliche Hoch verschiebt sich oder entfällt ganz. Dieser zweite Anlaufvorgang ist etwas rascher, aber auch gedämpfter. Wenn ich Beispiel für die "reine" Eule bin, bleibt im Ergebnis nur, dass ein Mittagsschlaf nichts nützt. Er vermag bestenfalls einer körperlichen Erschöpfung bei wiederholtem Verstoss gegen den Rhythmus entgegen zu wirken.

  3. Keine Chef kann einem verbieten in der Mittagspause (vorrausgesetzt dass man die Möbel-Möglichkeit hat) mal für 20 Minuten den Kopf auf den Tisch zu legen. Mehr braucht es dafür nicht.

    Bei mir wirkt das manchmal wahre Wunder...

    Antwort auf "Würde ich..."
  4. ...muss ich das bezweifeln. Allerdings bin ich eine wirklich ausgeprägte Eule, eher ein Extrem. Wenn ich aufstehe, sollte es draußen taghell sein - ansonsten schleppe ich den ganzen Tag eine bleierne Müdigkeit mit mir herum. Danach benötige ich je nach Aktionen anderthalb bis zweieinhalb Stunden, um auf Touren zu kommen. Ich habe es überprüft, indem ich Denksportaufgaben löste und Texte zu schreiben versuchte. Nach dieser Zeit bin ich noch nicht auf dem Optimum des Möglichen, aber immerhin so nahe dran, dass ich praktisch alles tun kann, wenn ich mich ein wenig zwinge. Das eigentliche, besonders bezüglich Kreativität kräftige Hoch erlange ich aber erst in der zweiten Tageshälfte dieses Rhythmus. Es passt zur "Eule", dass dies in dieser Form mit dem Einsetzen der abendlichen Dunkelheit zusammen fällt.

    Durch Schlafmangel oder Störungen dieses natürlichen Ablaufs kann ich am frühen Nachmittag sehr müde werden und versucht sein, ein Schläfchen zu halten. Unterschiedliche Längen habe ich ausprobiert, das Bestmögliche liegt um 45 Minuten. Nur: Danach bin ich auch zurück gesetzt. Ich muss erst wieder auf Touren kommen, das eigentliche Hoch verschiebt sich oder entfällt ganz. Dieser zweite Anlaufvorgang ist etwas rascher, aber auch gedämpfter. Wenn ich Beispiel für die "reine" Eule bin, bleibt im Ergebnis nur, dass ein Mittagsschlaf nichts nützt. Er vermag bestenfalls einer körperlichen Erschöpfung bei wiederholtem Verstoss gegen den Rhythmus entgegen zu wirken.

    Antwort auf "Würde ich..."
    • Dunham
    • 28. Juli 2011 9:51 Uhr

    Ich denke, das derzeitige Arbeitsmodell ist überholt. Das Arbeitsverhältnis orientiert sich immer stärker am Ergebnis und entspricht damit der weiteren Liberalisierung aller Lebensbereiche.

    In einer ergebnisorientierten Arbeitswelt verlieren Arbeitszeit und Arbeitsort endlich an Bedeutung. Ob an zuhause oder im Büro arbeitet und wer wann wie lange ein Nickerchen macht, sind eigentlich schon länger unwichtig geworden.

    DH

  5. Wann immer es geht, lege ich nach dem Mittagessen eine kleine Schlafpause ein. Im Büro mag das vielleicht seltsam aussehen, man sollte auch kein starker Schnarcher sein. Aber wie #5 den Kopf auf den Tisch oder bequem im Bürostuhl zurückgelehnt und die Füße unter dem Tisch auf den umgedrehten Papiereimer, geht schon. Die Kollegen quälen sich derweilen mit der Fressnarkose und schütten literweise Kaffee in sich hinein.
    Nach dem Schläfchen: wie neugeboren.

    Abgeguckt in den 1980ern bei taiwanesischen Kollegen. Da schlief mittags das ganze Büro inkl. Boss. Und es sage keiner, die bienenfleissigen Asiaten würden die Arbeit nicht nachholen.

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