Soziale Phobie Wenn die Pinkelpause zur Qual wird

Eine Million deutsche Männer können auf öffentlichen Klos oft nicht laufen lassen. Die Phobie namens Paruresis ist nicht selten und für manche unerträglich.

Ein Mann steht in einer öffentlichen Toilette am Pinkelbecken

Ein Mann steht in einer öffentlichen Toilette am Pinkelbecken

Männer haben es einfach beim Pinkeln. Wenn sie müssen, können sie überall. Ob auf Konzerten oder in überfüllten Kneipen. Während es auf dem Frauenklo mal wieder länger dauert, erleichtern sich Männer schnell und gleich reihenweise. Doch eine weit verbreitete Phobie namens Paruresis (griechisch: par = gestört, uresis = urinieren) macht die Situation vor dem Urinal für rund eine Million deutscher Männer unangenehm oder gar unmöglich. Psychologen und Mediziner sprechen auch vom "Syndrom der schüchternen Blase". Betroffene Männer können nicht in Gesellschaft pinkeln, viele quält die Phobie über Jahre hinweg.

Thilo L.* aus Köln kann verstehen, wenn Menschen über seine Phobie schmunzeln, die zum ersten Mal davon hören. Für ihn ist sie aber oft unerträglich: "Ich erinnere mich an eine Planwagenfahrt mit Kollegen. Es wurde ein Fässchen Kölsch geleert. An einer günstigen Stelle sprangen alle Männer vom Wagen und befreiten sich am Straßenrand vom großen Druck. Nur ich konnte nicht und es dauerte noch Stunden bis wir am Ziel waren."

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Nicht selten verlassen Männer etwa eine öffentliche Toilette unverrichteter Dinge. "Bei immerhin 30 Prozent der Männer in Deutschland läuft ab und zu nichts, wenn sie vor dem Pissoir stehen", sagt der Kölner Psychotherapeut Philipp Hammelstein. 2,8 Prozent des starken Geschlechts leiden deutlich an ihrer schüchternen Blase, fand Hammelstein in einer repräsentativen Studie heraus. Paruresis-Patienten, die psychotherapeutisch behandelt werden, haben so ausgeprägte Symptome, dass sie einen sogenannten "Krankheitswert" haben. Manche Männer neigen dann zu Vermeidungshandlungen, indem sie "keine Kneipen, Restaurants oder Kinos mehr besuchen oder den Arbeitsplatz nach der Entfernung zur eigenen Wohnung aussuchen". In Sachen Paruresis ist Hammelstein zum Forschungspionier geworden. Während seiner Arbeit in der Psychiatrie Heidelberg behandelte er einen betroffenen Patienten mit Depressionen: "Bei ihm stellte sich die Phobie als mitverantwortlich für seine Krankheit heraus."

Paruresis-Selbsthilfe

Auf der Internetseite paruresis.de tauschen sich Betroffene aus und verabreden sich zu Pee-Buddy-Treffen. Ein deutschsprachiges Buch zur Paruresis hat Philipp Hammelstein geschrieben. Hinter dem Titel Lass es laufen (Dustri-Verlag) verbirgt sich auch ein Selbsthilfeprogramm mit Übungen zur Überwindung der Phobie.

Soziale Phobie

In der Psychologie ist die psychisch bedingte Entleerungsstörung eine Subform der sozialen Phobie. Die Bezeichnung Paruresis haben die zwei amerikanischen Forscher G.W. Williams und E.T. Degenhardt erstmals 1954 eingeführt.

Sigmund Freud

Der Psychotherapeut Philipp Hammelstein berichtet, dass die Gedanken betroffener Männer oft auch um einen Mangel an Männlichkeit kreisen. So wird angenommen, dass nur derjenige ein "richtiger Mann" sei, der auch im Stehen pinkeln könne.

Sigmund Freud vertrat schon 1932 die Ansicht, dass die Angewohnheit von Männern, sich beim Urinieren gegenseitig zu übertreffen, eine bis in früheste Vorzeiten zurückreichende Austragungsform männlicher Rivalitäten ist.

Auch Patrick E.* aus Bochum hat Paruresis. Der 25-jährige Student ist Kapitän eines Sportvereins und reist gerne, hat über die Universität einen Austausch nach Spanien gemacht. Er begann eine Psychotherapie, weil er tagelang antriebslos im Bett lag. Seine Gedanken kreisten nur noch um die Phobie: "Seit Beginn meines Studiums hatte ich Kontakte an der Uni vermieden, ich hatte Angst, dass ich in die Situation komme, dass mit mir jemand auf die Toilette geht und mein Problem entdeckt." Das Bedürfnis war groß, sich jemandem anzuvertrauen. Doch die Angst davor sich bloß zu stellen, war größer. Darunter litten die Leistungen: "Ich saß in vollen Vorlesungssälen und konnte dem Professor nicht konzentriert folgen. Ich habe die ganze Zeit darauf geachtet, wann ich wieder auf die Toilette muss. Dann fängt man an zu grübeln, wie komme ich hier raus? Ist jemand schon auf dem Klo, wenn ich dorthin komme?" Selbst Lerngruppen mied Patrick E.. Für viele, die unter Paruresis leiden, wird die Phobie zum ständigen Hintergrundrauschen im Kopf, sagt Hammelstein.

Auslöser für eine schüchterne Blase sind oft Schlüsselerlebnisse in der Pubertät. In der 7. Klasse wurde Patrick E. von zwei älteren Schülern dabei beobachtet, wie er ohne zu pinkeln einfach vor dem Becken stand: "Was bist du denn für einer, bei dir kommt ja nichts raus, warum bist du denn dann auf dem Klo?", fragte einer der beiden herablassend. Patrick L. fühlte sich, als hätte er versagt. Die Angst, dass so etwas noch mal passiert, kann beim nächsten Toilettengang eine Stressreaktion auslösen: "Die Ringmuskeln kontrahieren, sie bleiben angespannt und verschließen die Harnröhre", erklärt Hammelstein. Der Körper reagiert bei Angststörungen wie auch in bedrohlichen Situationen oft mit sogenannten Kampf-Flucht-Reaktionen. Diese lassen sich zum Teil evolutionär erklären: "Drohte Gefahr, war es für unsere Vorfahren vermutlich nicht sinnvoll, stehen zu bleiben und zu urinieren", sagt der Psychotherapeut.

Leser-Kommentare
  1. Gabs das schon bei Southpark? ;)

  2. ...wäre schön, da ich ZEITonline auch weiterhin als qualitativ hochwertiges Medium betrachten können möchte:

    "Männer haben es einfach beim Pinkeln. Wenn Sie müssen, können Sie überall."

    --> Was das mit mir zu tun hat bzw. damit, was ich muss und überall kann, sehe ich nicht ein.

    Und zweitens: Zu recherchieren, wie Freuds Vorname sich korrekt schreibt, bedarf lediglich einer Google-Eingabe.

    Bitte! Und selbst auf die Gefahr hin, dass die Besserwisserfresser jetzt gleich angreifen, verbleibe ich mit besten Grüßen:

    kater-strophe

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    Redaktion

    Liebe(r) kater-strophe,

    Danke für den Hinweis, der überflüssige Buchstabe in Herrn Freuds Vornamen wurde gestrichen.

    Und was den Einstieg angeht: Über Stil lässt sich streiten. Worum es geht, ist aber doch klar.

    Grüße aus der Redaktion

    Redaktion

    Liebe(r) kater-strophe,

    Danke für den Hinweis, der überflüssige Buchstabe in Herrn Freuds Vornamen wurde gestrichen.

    Und was den Einstieg angeht: Über Stil lässt sich streiten. Worum es geht, ist aber doch klar.

    Grüße aus der Redaktion

  3. Das ganze klingt so, als könne sich ein Mann nur am Pissoir erleichtern. Es gibt überall immer auch Kabinen in denen man keine Probleme gibt.
    Und sich jetzt darüber zu beschweren, dass wir einen "Vorteil" gegenüber Frauen nicht zu 100% ausnutzen können, ist schlicht überflüssig.

  4. Redaktion

    Liebe(r) kater-strophe,

    Danke für den Hinweis, der überflüssige Buchstabe in Herrn Freuds Vornamen wurde gestrichen.

    Und was den Einstieg angeht: Über Stil lässt sich streiten. Worum es geht, ist aber doch klar.

    Grüße aus der Redaktion

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    • dth
    • 21.10.2010 um 13:35 Uhr

    Der Kommentator wollte wohl darauf hinweisen, dass "Sie" an der Stelle klein zu schreiben wäre, es sei denn es geht um die Pinkelfähigkeiten des Lesers.

    Ganz klar ist wird mir der Artikel auch nicht. Geht es um Männer, die generell ein Problem damit haben, wenn sie jemand beim Pinkeln hören könnte? Das gibt natürlich im Alltag Schwierigkeiten. Nur neben anderen ein Pissoir oder die in manchen öffentlichen Toiletten auffindbaren gemeinschaftlichen Pinkelrinnen benutzen zu wollen, sollte sich ja meist vermeiden lassen. Zum Pinkeln in einer Kabine zu verschwinden, wenn schon ein anderer das Pissoir verwendet, ist jetzt nicht so ungewöhnlich.

    • dth
    • 21.10.2010 um 13:35 Uhr

    Der Kommentator wollte wohl darauf hinweisen, dass "Sie" an der Stelle klein zu schreiben wäre, es sei denn es geht um die Pinkelfähigkeiten des Lesers.

    Ganz klar ist wird mir der Artikel auch nicht. Geht es um Männer, die generell ein Problem damit haben, wenn sie jemand beim Pinkeln hören könnte? Das gibt natürlich im Alltag Schwierigkeiten. Nur neben anderen ein Pissoir oder die in manchen öffentlichen Toiletten auffindbaren gemeinschaftlichen Pinkelrinnen benutzen zu wollen, sollte sich ja meist vermeiden lassen. Zum Pinkeln in einer Kabine zu verschwinden, wenn schon ein anderer das Pissoir verwendet, ist jetzt nicht so ungewöhnlich.

    • dth
    • 21.10.2010 um 13:35 Uhr
    5. Anrede

    Der Kommentator wollte wohl darauf hinweisen, dass "Sie" an der Stelle klein zu schreiben wäre, es sei denn es geht um die Pinkelfähigkeiten des Lesers.

    Ganz klar ist wird mir der Artikel auch nicht. Geht es um Männer, die generell ein Problem damit haben, wenn sie jemand beim Pinkeln hören könnte? Das gibt natürlich im Alltag Schwierigkeiten. Nur neben anderen ein Pissoir oder die in manchen öffentlichen Toiletten auffindbaren gemeinschaftlichen Pinkelrinnen benutzen zu wollen, sollte sich ja meist vermeiden lassen. Zum Pinkeln in einer Kabine zu verschwinden, wenn schon ein anderer das Pissoir verwendet, ist jetzt nicht so ungewöhnlich.

    Antwort auf "Sigmund"
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    Redaktion

    Jetzt habe ich es gesehen. Offenbar ging das in der zweiten oder dritten Prüfung durch. Natürlich ist "sie" hier nicht als Anrede gedacht gewesen.

    Im übrigen geht es oft nicht darum, das Männer sich nicht gegenseitig beim Pinkeln zuhören können. Es geht um die intime Situation am Pissoir.

    Paruresis-Patienten mit einer sehr ausgeprägten Phobie (wie auch im Text geschildert) haben ein grundsätzliches Problem beim öffentlichen Klogang. Da hilft meist nicht die Kabine.

    ...für die Klarstellung. Und danke an die Redaktion für die Korrekturen. Jetzt kann ich mich, dieser Sorge enthoben, mit Interesse dem Thema widmen.

    Beste Grüße, kater-strophe

    Redaktion

    Jetzt habe ich es gesehen. Offenbar ging das in der zweiten oder dritten Prüfung durch. Natürlich ist "sie" hier nicht als Anrede gedacht gewesen.

    Im übrigen geht es oft nicht darum, das Männer sich nicht gegenseitig beim Pinkeln zuhören können. Es geht um die intime Situation am Pissoir.

    Paruresis-Patienten mit einer sehr ausgeprägten Phobie (wie auch im Text geschildert) haben ein grundsätzliches Problem beim öffentlichen Klogang. Da hilft meist nicht die Kabine.

    ...für die Klarstellung. Und danke an die Redaktion für die Korrekturen. Jetzt kann ich mich, dieser Sorge enthoben, mit Interesse dem Thema widmen.

    Beste Grüße, kater-strophe

  5. Redaktion

    Jetzt habe ich es gesehen. Offenbar ging das in der zweiten oder dritten Prüfung durch. Natürlich ist "sie" hier nicht als Anrede gedacht gewesen.

    Im übrigen geht es oft nicht darum, das Männer sich nicht gegenseitig beim Pinkeln zuhören können. Es geht um die intime Situation am Pissoir.

    Paruresis-Patienten mit einer sehr ausgeprägten Phobie (wie auch im Text geschildert) haben ein grundsätzliches Problem beim öffentlichen Klogang. Da hilft meist nicht die Kabine.

    Antwort auf "Anrede"
  6. ...für die Klarstellung. Und danke an die Redaktion für die Korrekturen. Jetzt kann ich mich, dieser Sorge enthoben, mit Interesse dem Thema widmen.

    Beste Grüße, kater-strophe

    Antwort auf "Anrede"

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