ZEIT ONLINE: Schlaf wirkt sich nicht nur auf die Gedächtnisbildung im Gehirn aus, oder?

Born: Unserer Hypothese ist, dass der Schlaf für die Gedächtnisbildung nicht nur im Gehirn verantwortlich ist, sondern auch im Immunsystem. Wie das Gehirn muss das Immunsystem ständig neue, aber auch immer wiederkehrende Angriffe von Antigenen abwehren und speichert dazu Informationen über diese Antigene. Dafür bildet das Immunsystem ein Gedächtnis.

ZEIT ONLINE: Wie wurde das untersucht?

Born: In einer noch nicht veröffentlichen Studie zeigt sich: Bei Menschen, die nach einer Impfung tief schlafen, ist der Anteil der Antikörper bezüglich des geimpften Antigens auch nach einem Jahr doppelt so hoch wie bei denjenigen, die nach der Impfung die Nacht wach lagen. Im Schlaf und insbesondere im Tiefschlaf werden Wachstumshormone und das Hormon Prolaktin freigesetzt. Diese Hormone haben einen besonderen immunstimulierenden Einfluss auf die Lymphozyten und auf das lymphatische Gewebe, die ein Teil des Immunsystems sind. Der Tiefschlaf spielt also auch für die immunologische Langzeitgedächtnisbildung eine entscheidende Rolle.

ZEIT ONLINE: Wo geht die Forschung hin?

Born: Je mehr man erkennt, wie wichtig der Schlaf für Gedächtnisprozesse ist, desto mehr kommt man dazu, ihn bei Kindern zu untersuchen, die ja sehr viel lernen müssen. Zwischen zwei und sechs Jahren sind Kinder in der Regel häufig krank. Das bedeutet: Das Immunsystem lernt in dieser Zeit extrem viel, gleichzeitig schlafen Kinder viel und tief. Unsere Forschung geht immer mehr dazu über, diese Prozesse an Kindern zu studieren. Ziel ist zum Beispiel herauszufinden, wie sich im Gehirn, aber auch im Immunsystem, während der frühen Kindheit für unterschiedliche Funktionen und Leistungen eigenständige Gedächtnissysteme herausbilden.

ZEIT ONLINE: Wie weit ist diese Forschung?

Born: Wir sind in der Aufbauphase. Mittlerweile haben wir ein Labor eingerichtet, wo wir uns speziell mit dem Schlaf von Kindern beschäftigen. Allerdings ist das nicht ganz einfach, besonders wenn es um Untersuchungen bei Kleinkindern und Babys geht.

Die Fragen stellte Maike Freund .