Seuche in Haiti Tödliche Machtspiele mit der Cholera
In Haiti schüren Politiker Proteste gegen die UN, während die Seuche wütet. Schuld an der Lage ist die internationale Politik, die vor Jahren untätig blieb. Ein Kommentar
© Hector Retamal/Reuters

Eine Patientin die an der Cholera erkrankt ist im St. Therese Krankenhaus in Hinche
Ähnlich rasch wie die Seuche verbreitete sich die Nachricht in Haitis Zeltstädten und inmitten der Ruinen: Nepalesische Blauhelmsoldaten der Friedenstruppe Minustah haben die Cholera eingeschleppt! Demonstranten griffen daraufhin UN-Soldaten an. Der Chef der Minustah , Edmond Mulet, vermutet dahinter politisches Kalkül: Denn am Sonntag soll in Haiti ein neuer Präsident gewählt werden.
19 Kandidaten treten an, zumindest vier von ihnen glauben, von der aggressiven Stimmung gegen die 12.000 Mann starke UN-Truppe, profitieren zu können. Die Bevölkerung in Haiti ist enttäuscht von den ausländischen Helfern, die mehr und mehr als Besatzer empfunden werden. Seit Jahren hat sich die Lage in dem Inselstaat kaum verbessert. Seit dem Erdbeben im Januar ist es schlimmer denn je. Ende Oktober brach nun auch noch die Cholera auf der Karibikinsel aus. Mehr als 1350 Menschen sind bereits gestorben, rund 20.000 wurden in Krankenstationen behandelt. Angesteckt haben sich wohl Zigtausende mehr.
Das Misstrauen der Bevölkerung nutzen ansonsten chancenlose Präsidentschaftskandidaten jetzt aus: Sie fordern, die Wahlen zu verschieben. Erst müsse die "eingeschleppte" Seuche bekämpft werden.
- Was ist Cholera?
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Cholera ist eine Bakterieninfektion. Der Erreger Vibrio cholerae befällt die Darmschleimhaut und verursacht Erbrechen und lebensgefährliche Durchfälle.
Vor allem dreckiges Wasser und schlechte Hygiene führen zu einer Ausbreitung des Erregers. Vor allem wegen des Flüssigkeitsverlustes endet eine Cholera-Infektion nicht selten tödlich. Besonders tückisch: Bei etwa 75 Prozent der Infizierten treten keine Symptome auf – die Menschen erscheinen gesund, verbreiten das Bakterium aber dennoch über ihre Ausscheidungen und können so andere anstecken.
Bei schneller Diagnose und Behandlung – vor allem mit sauberem Wasser, lebenswichtigen Salzen (Elektrolyten) und einem Antibiotikum – ist Cholera aber gut behandelbar. Nur dann sinkt die Todesrate nach Informationen der Weltgesundheitsorganisation WHO auf unter ein Prozent. - Wie verbreitet ist sie?
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Nach Schätzungen der WHO erkranken jährlich weltweit drei bis fünf Millionen Menschen an Cholera – bis zu 120.000 sterben daran.
Erstmals trat die Cholera im Ganges-Delta aus. Von dort verbreitete sie sich im 19. Jahrhundert über den gesamten Globus. Während in Deutschland und anderen Ländern Europas nur noch eingeschleppte Einzelfälle auftreten, kommt es in armen Ländern auch heute immer wieder zu Epidemien.
Derzeit breitet sich die Cholera in Haiti aus, wo nach dem Erdbeben im Januar 2010 noch immer katastrophale Hygiene-Zustände herrschen.
Was sie besonders freut: Genetische Analysen der US-Seuchenbehörde CDC stützen die Theorie vom eingeschleusten Keim. Denn alle Choleraerreger, die seit dem Ausbruch in Haiti isoliert wurden, gehörten zum selben Stamm. Und der hat seinen Ursprung ausgerechnet in Südostasien – die Bakterien könnten also tatsächlich aus Nepal kommen. Außerdem legen die Funde den Schluss nahe, dass der Erreger "durch ein einzelnes Ereignis nach Haiti eingeschleppt wurde" , heißt es in einer Mitteilung der CDC. Mit absoluter Sicherheit lässt sich das aber wohl nie feststellen.
Den Kranken bringt diese Erkenntnis nichts. Letztlich ist es einerlei, ob die Bakterien über Jahre in Haiti schlummerten oder im Darmtrakt eines Soldaten ins Land gelangten. Verbreiten konnte sich die Cholera, weil sich die hygienische Lage in dem Inselstaat so dramatisch verschlechtert hat. Schuld daran ist weniger das Erdbeben, denn die Seuche keimte zuerst in einer Region auf, die gar nicht vom Beben zerstört wurde. Bereist 2008 warnte die Hilfsorganisation Partners in Health , die seit 20 Jahren im Land arbeitet, in einem Bericht vor Seuchen rund um die Stadt St. Marc im Norden. Hier am Oberlauf des Artibonite, wo die Epidemie begann, gibt es seit Jahren keine Frischwasserversorgung. Ihre Notdurft verrichten die Menschen in den Straßen oder an Flussläufen. Es mangelt an Trinkwasser, an Latrinen und Hygiene. Nach dem Beben flüchteten Tausende hierher, Regenfälle und Tropenstürme verschlimmerten die Situation .
Schuld an dieser Misere ist auch die internationale Gemeinschaft. Zwar versprachen Staaten aus aller Welt lange vor dem vernichtenden Beben, eine Wasserversorgung in der Region aufzubauen und mit Millionen zu finanzieren . Die US-Regierung unter George W. Bush verhinderte das; ebenfalls aus politischem Kalkül: Der Druck auf die korrupte haitianische Regierung sollte steigen. Nun erschüttert die Cholera das zerstörte Land.
Das Beispiel zeigt einmal mehr, dass es der Politik nicht immer um das Überleben von Menschen geht. Hier werden Machtspiele über das Wohl der Bevölkerung gestellt. Haiti fehlt es neben dem Allernötigsten vor allem an Stabilität. Dass die mit den Wahlen einkehrt, ist kaum zu hoffen.
- Datum 24.11.2010 - 13:33 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE
- Kommentare 17
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Unverantwortlich diese Machtspielchen der Hintermänner.
Die Eliten Haitis müssen ein für alle mal begreifen, dass sie sich kümmern müssen um die Belange des einfachen Bürgers
und sollten ihren großen Worten Taten folgen lassen.
Die internationale Politik hat kläglich versagt die Geldströme die nach Haiti geflossen sind projektbezogen
schrittweise freizugeben und drastisch zu kontrollieren.
Alle Probleme Haitis waren vorher schon bekannt gewesen,
ist ja nichts Neues mehr.
"Schuld an dieser Misere ist auch die internationale Gemeinschaft. Zwar versprachen Staaten aus aller Welt lange vor dem vernichtenden Beben, eine Wasserversorgung in der Region aufzubauen und mit Millionen zu finanzieren."
Auch eine Art andere am eigenen Versagen verantwortlich zu machen.
Aha. Da hat also ein korruptes, nepotistisches Regime über Jahrzehnte versäumt, ihrer vornehmsten (und nach Sicherheit zweitwichtigsten) Aufgabe nachzukommen - Aufbau einer öffentlichen Infrastruktur. Und Schuld daran sind (natürlich!) die USA - weil sie diesem unfähigen und korrupten System den Aufbau einer Wasserversorgung verweigerte (die bei diesem Regime übrigens längst wieder halbzerfallen wäre). Dem Autoren dieses Unsinns wünsche ich die fröhliche Rückkehr in den Feudalismus. Denn nur mit dem Rückgriff auf die Pflichten eines Fürstenpaternalismus lässt sich mühsam eine Schuld (?) der USA konstruieren. Aber es ist ja ohnehin logisch - geht etwas schief, muss jemand schuld sein. Vorzugsweise der Westen, wer sonst. Der hat nämlich die verdammte Pflicht zur Weltenrettung, hier am Beispiel Haiti. Welche bei uns anerkannte moralische oder rechtliche Grundlage hat eigentlich diese Verpflichtung? Genau - keine.
wage ich mal stark zu bezweifeln.
Nachfrage bei Hilfsorganisationen brachte die Erkenntnis, das Hilfsgüter nach Geschlecht ausgegeben wurden, nicht nach Bedürftigkeit.
Aber über solch perverses Machtspielchen liest man hier nix.
Eine alte deutsche Weisheit, eine Mentalität, mit der man ein funktionierendes Staatswesen herstellen kann. Was dagegen ist das für eine Haltung, die nicht anpackt und schafft, sondern jammert und anklagt?
Dass die zur Zeit wütende Cholera in Haiti auch ins politische Kalkül einbezogen wird ist so bedenklich wie wenig überraschend... Tatsache ist, dass die Seuche zur Zeit praktisch ausschliesslich durch die INGO "MSF - Ärzte ohne Grenzen" behandelt wird. Von den internationalen UN-Organisationen ist weit und breit keine Spur, ganz zu schweigen von operationeller Handlungsfähigkeit.
MSF ist mit über 100 internationalen MitarbeiterInnen vor Ort und versucht, die bereits erkrankten Personen vor dem Tod zu retten, täglich überschreitet man Belastungsgrenzen. Dies reicht allerdings bei Weitem nicht aus, um die Seuche wirksam einzudämmen. Wir müssen uns auf einen monate- oder gar jahrelangen Kampf einstellen.
Dass sich die anderen NGOs und insbesondere die UN-Organisationen vornehm zurückhaltend zeigen ist ebenso eine Schande, wie die der allgemeine Zustand von Haiti; Vor und besonders nach den Erdbeben.
http://www.msf.ch/de/news...
... sondern auch Frankreich, die Kolonialmächte und die gesamte interationale Gemeinschaft mit ihrem Handelsboykott.
Darüber hinaus ist das Problem tatsächlich zum Teil hauasgemacht (allerdings vom Neokolonialismus befeuert), da Haitis größtes Problem die Erosion ist.
Im Endeffekt sehen wir auf Haiti eine Vorstufe dessen, was den Rapa Nui auf den Osterinseln widerfahren ist und was in den nächsten Jahrhunderten die Menschheit zugrunde richten wird. Massive Erosion durch Rodung.
Zitat:
" ...Schuld an der Lage ist die internationale Politik."
Internationale Politik? Oder die Globalisierung? Oder der Zeitgeist? Vielleicht wieder die Deutschen? Die Kommunisten? Islamisten? Oder das Wetter?
Trauen Sie sich, Herr Stockrahm!
Wer hatte Haiti 1915 besetzt?
Wer hatte Papa Doc installiert?
Wer unterstützte Aristide und Raoul Cédras?
Wer hat seit 2004 als UN-Truppe verbrämt Haiti schon wieder besetzt?
Wagen Sie es! Mehr als Ihren Job kann es Sie doch nicht kosten!
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