Weltaidstag Afrikas verwaiste Großeltern
Immer mehr alte Menschen in Afrika müssen ihre Enkel großziehen, weil die eigenen Kinder an Aids gestorben sind. Aufklärung und Hilfe soll nun auch die Alten erreichen.
© Roberto Schmidt/AFP/Getty Images

Die 88-jährige Josephine Napkonde aus einem Slum in Kenia muss fünf Enkelkinder unter zehn Jahren durchbringen. Ihre Tochter starb an Aids
Mwikali Kamaus Leben war nicht besonders aufregend. Ihre Familie war eine, wie es sie noch tausendfach in Afrika gibt. Sie haben in Mangu gewohnt, auf dem Land, von Nairobi ein paar Stunden nach Norden. Ihre sechs Kinder sind hier in Kenia aufgewachsen und irgendwann ihren eigenen Weg gegangen. Vor acht Jahren, Josephine Mwikali Kamau war damals 47, ist ihre erste Tochter der Aids-Krankheit erlegen. Sie hinterließ eine Tochter. In den folgenden Jahren sind noch zwei ihrer Töchter gestorben. Heute ist Frau Kamau 55 – und kümmert sich um sieben Kinder ihrer verstorbenen Töchter.
Josephines
Verwaiste Senioren, nennt Grant Miller jene Generation älterer Menschen, deren Söhne und Töchter an Aids gestorben sind. In Afrika liege diese Zahl der alten Aids-Waisen heute bei fast einer Million, schreiben Miller und seine Kollegen in einer Studie des Medicine Center der Stanford Universität . Erstmals haben sie untersucht, was HIV mit Senioren macht. "Wir alle kennen das Problem der Waisenkinder", sagt Grant Miller, "aber es gibt für die Gesellschaft auch noch andere Folgen der Aids-Seuche".
- Das Virus
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Aids (Acquired Immunodeficiency Syndrome) ist eine Viruserkrankung, die das Immunsystem des Menschen angreift und dauerhaft schwächt. Ausgelöst wird die Erkrankung durch das Virus HIV (Human immunodeficiency virus).
Vermutlich erreichte das Virus Deutschland erstmals Ende der siebziger Jahre. Erste Fälle wurden in den Achtzigern bekannt. Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) erkrankten seit dem Ausbruch der Epidemie in Deutschland rund 86.500 Menschen an HIV und 36.500 an Aids.
- In Deutschland
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In Deutschland leben derzeit rund 70.000 Menschen mit HIV oder Aids. Etwa 57.000 davon sind Männer, 13.000 Frauen. Der Anteil derer, die sich mit der Immunschwäche-Krankheit angesteckt haben, ist mit 42.000 Betroffenen unter homosexuellen Männern am größten. Im Jahr 2010 haben sich nach der aktuellen Schätzung des RKI 3000 Menschen neu mit HIV infiziert, ähnlich viele wie in den Vorjahren.
Seit dem Ausbruch der Krankheit sind in Deutschland bisher 29.000 Menschen an Aids gestorben, 550 davon in diesem Jahr. Jährlich am 1. Dezember findet der Weltaidstag statt, um auf die Vorbeugung durch Safer Sex aufmerksam zu machen und Betroffenen zu gedenken.
- In der Welt
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Im Weltaidsbericht der Vereinten Nationen wurden zuletzt 33,4 Millionen Menschen mit dem Virus erfasst – darunter 2,1 Millionen Kinder unter 15 Jahren. 2009 haben sich 2,6 Millionen neu infiziert, 1,8 Millionen sind im gleichen Jahr an den Folgen der Krankheit gestorben. Die Zahl der Aids-Toten nimmt vor allem dort ab, wo durch Hilfsprogramme Medikamente zur Verfügung stehen. Sie können das Leben HIV-Infizierter deutlich verlängern. Eine Heilung gibt es bis heute aber nicht.
Das am schlimmsten betroffene Gebiet ist nach wie vor Afrika. Allein südlich der Sahara infizierten sich im Jahr 2009 1,8 Millionen Menschen.
In den Ländern Afrikas, wo das HI-Virus besonders wütet und die Generation der 20- bis 40-Jährigen ausdünnt, sind es die Alten, die die Last tragen: Es gibt Tausende Fälle wie den der Kenianerin Josephine Mwikali Kamau, in denen sich Großeltern um Enkel kümmern oder die eigenen, an Aids erkrankten Kinder pflegen – oft unter großen körperlichen oder psychischen Belastungen. Früher war das umgekehrt: In Afrika wohnen die Familien zusammen, oft unter einem Dach, Kinder pflegen ihre Eltern. Aids verändert diese Ordnung. Jetzt müssen Eltern ihre kranken Kinder pflegen.
In Teilen von Äthiopien, Mosambik, Simbabwe oder Kenia werden zwei von drei Aids-Waisen von den Großeltern aufgenommen. Das hat HelpAge festgestellt , die sich als eine der wenigen Organisationen um ältere Menschen in Entwicklungsländern kümmert. Die Helfer leisten Lobbyarbeit, klären Senioren auf, bieten Unterstützung.
Mwikali Kamau hat einen Kredit von HelpAge bekommen. Das Geld hat sie zuerst in Saatgut gesteckt, später einen eigenen Laden eröffnet. Heute verkauft sie Cola und Süßigkeiten, Handy-Karten, Lebensmittel und ein paar Schreibwaren. "Davon leben wir", sagt sie, davon finanziert sie die Schulgebühren für die Enkel. Auf Hilfe von außen – auch finanzielle Unterstützung – sind die meisten dieser Senioren angewiesen.
Der Geschäftsführer von HelpAge Deutschland, Michael Bünte, sagt: "Ein weiteres großes Manko ist die Aufklärung von älteren Menschen in Entwicklungsländern." Das HI-Virus treffe sie aber genauso, weil sie sexuell aktiv sind oder durch die Pflege von Familienangehörigen von Ansteckungen gefährdet. Aids-Aufklärung finde meist in Jugendsprache statt, die die älteren Menschen nicht verstünden, sagt Bünte. Deshalb startet seine Organisation spezielle Programme.
Betroffen sind auch Männer wie der 62-jährige Kenianer, der sich selbst nur als Michael vorstellt. Seine Tochter ist an Aids gestorben. Daraufhin hat er sich zum Aids-Aufklärer ausbilden lassen. Sein Wissen gibt er an andere Senioren in Afrika weiter. In Gruppengesprächen lernen sie, wie sie HIV-Patienten pflegen müssen, wie man mit Kondomen umgeht. "Viele denken, Kondome seien nur zur Verhütung", sagt HelpAge-Mitarbeiterin Rachel Albone. Deshalb würden ältere Paare – wenn die Frauen aufgrund des Alters nicht mehr schwanger werden können – keine Kondome verwenden. In Zukunft wolle man die Präventionsarbeit noch ausbauen, sagt Albone.
- Datum 01.12.2010 - 08:17 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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