Ein Forscher schaut während des Mikroskopierens auf

Die Mühlen von Forschung und Wissenschaft mahlen langsam, dennoch wagt ZEIT ONLINE den Blick nach vorn: Was erwartet uns in der Medizin 2011 und im kommenden Jahrzehnt? Auf welche Meilensteine arbeiten Mediziner, Genetiker und Biologen hin? Diese Fragen haben wir einigen der führenden Experten auf ihren Gebieten gestellt. Ausgewählt haben wir die Bereiche, die besonders viele Menschen bereits betreffen oder ihr künftiges Leben beeinflussen könnten. Von Volkskrankheiten bis hin zu Stammzellen.

Genetischer Schlachtplan gegen den Krebs

"Als nächstes werden Forscher das Krebsgenom kartografieren ", sagt Christof von Kalle vom Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) Heidelberg. Der Forscher muss sich eines geografischen Begriffes bedienen, um den Aufwand dieses Vorhabens zu verdeutlichen. Nichts Geringeres als eine Landkarte ist das Ziel der Krebsmedizin der Zukunft. Im Erbgut der gefährlichen Wucherungen suchen Wissenschaftler nach gemeinsamen Pfaden. Unglaubliche Rechenleistungen sind vonnöten, um die kompletten Genome unterschiedlicher Tumoren zu sequenzieren.

"Die Idee ist, dass man gemeinsame Ursachen ausmacht, um die bislang unüberschaubare Zahl an Mutationen auf die wesentlichen Pfade zu reduzieren", sagt von Kalle. Das könnte Medizinern eines Tages dabei helfen, Therapien an die ganz persönlichen Bedürfnisse ihrer Patienten anzupassen. Derzeit rätseln Forscher, wie stark sich das Erbgut verschiedener Tumore überhaupt ähnelt. Nicht nur ist jeder Tumor, ob zum Beispiel Brust-, Prostata- oder Hautkrebs, anders, auch jeder Patient erkrankt an seinem ganz eigenen Geschwür.

Einige Krebsforscher suchen auch nach Wegen, wie sich der Körper selbst vor Tumoren schützen könnte. "Entartete Zellen unterdrücken eine Immunantwort auf den Krebs", sagt von Kalle. Wenn es den Forscher gelänge, die natürlichen Abwehrreaktionen des Körpers zu befreien, wäre das ein enormer Fortschritt im Kampf gegen die heimtückischen Wucherungen.

Auf dem Weg zu einem Impfstoff gegen Aids

Weltweit tragen 33,3 Millionen Menschen das HI-Virus in sich , geschätzte 1,8 Millionen Menschen starben 2009 an den Folgen der Immunschwächeerkrankung Aids. Doch es keimt Hoffnung im Kampf gegen die die globale und bis heute unheilbare Seuche. Im vergangenen November verkündetet das Aids- und HIV-Programm der Vereinten Nationen, UNAIDS, gar eine Kehrtwende. Vor allem in Afrika hätten sich weniger Menschen mit dem Erreger angesteckt als noch in den Jahren zuvor.

"Auch die Lebenserwartung für HIV-Patienten verlängert sich zunehmend", sagt Norbert Brockmeyer, der Sprecher des Kompetenznetzes für HIV und Aids. "Heute liegt sie für jemanden, der neu sich neu infiziert hat zwischen 30 und 40 Jahren – 1981 lag sie gerade mal bei knapp zehn Jahren." Die Medikamente haben sich in der Vergangenheit enorm verbessert, die großen Durchbrüche waren Arzneien, die bestimmte Enzyme in den vom HI-Virus befallenen Zellen hemmen.

"Künftige Medikamente werden zudem weniger Nebenwirkungen aufweisen", sagt Brockmeyer. Auch die Zahl der Tabletten verringert sich, viele Präparate können gezielter kombinert werden. "1996 musste manch ein Patient noch bis zu 26 verschiedene Tabletten an einem Tag einnehmen, auf den Punkt getaktet."

Künftig möchten die Forscher das HI-Virus durch eine Kombination bereits etablierter Mittel bereits in einem sehr frühen Stadium der Infektion eliminieren. Diese hemmen etwa ein Enzym, dass das Viruserbgut in die DNA der menschlichen Zellen einschleust. Ganz aufhalten lässt sich das Virus dadurch jedoch noch nicht. "Hier wird die antiretrovirale Therapie sicherlich zunehmend an Bedeutung gewinnen", sagt der Aidsforscher. Studien zu einem solchen therapeutischen Ansatz seien bereits konzipiert.

Ein anderer Ansatz sind die Impfstoffe, sagt Brockmeyer: "Gegen Ende des Jahrzehnts wird es sehr wahrscheinlich einen Impfstoff geben, der bei vielen Menschen vor einer Infektion schützen wird."

Auch in der Diagnose sind künftig weitere Fortschritte nötig: Knapp ein Drittel aller positiven Diagnosen sind Spätdiagnosen. Die Infektion wird oft in diesen Fällen erst nach zehn bis 15 Jahren erkannt,  wenn sie schon sehr weit fortgeschritten ist. "Einige Patienten sterben sehr schnell nach einer Diagnose, weil sie nicht früh genug behandelt werden." Deshalb sei es hier besonders wichtig, neue Testangebote und Schnelltest anzubieten.