Stammzellforschung Von der Haut- zur Herzzelle – ohne Umwege
US-Forschern ist es gelungen, im Mäuseversuch Hautzellen direkt in schlagende Herzzellen umzuwandeln. Das Verfahren könnte einige Probleme der Stammzellforschung lösen.
Die Reprogrammierung von Zellen ist nichts Neues. Mit dieser Methode wollten Wissenschaftler bisher meist universal einsetzbare Zellen schaffen, die sich dann – ähnlich wie embryonale Stammzellen – in alle möglichen Gewebe verwandeln lassen. Die Hoffnung: Eines Tages könnte man damit Menschen helfen, die an Krankheiten leiden, bei denen Zellen unwiederbringlich absterben. Parkinson und Alzheimer sind solche Erkrankungen, aber auch bei Herzinfarkten sterben Zellen ab, die Mediziner gerne ersetzen würden.
Allerdings ist die Reprogrammierung noch mit vielen Problemen verbunden. Einige davon will ein Team um Sheng Ding vom Scripps Research Institute in La Jolla (Kalifornien) jetzt umgangen haben. Wie die Forscher im britischen Fachjournal Nature Cell Biology berichten, gelang ihnen im Tierversuch an Mäusen die direkte Umwandlung von Hautzellen in Herzzellen – ohne den Umweg über ein embryonales Stadium.
"In elf Tagen gelangten wir von Hautzellen in einer Kulturschale zu schlagenden Herzzellen", sagte Studienleiter Sheng Ding. "Der Anblick war phänomenal." Die Forscher schleusten vier bereits bekannte Gene in die Zellen ein, die bislang zur Rückprogrammierung von ausgewachsenen Zellen genutzt wurden (Oct4, Sox2, Klf4, c-Myc). Die Gene wurden jedoch nach vier Tagen abgeschaltet, lange bevor die Zellen sich in einen Embryonalzustand verwandelt hatten. Dann gaben die Forscher den Zellen ein Signal, sich in Herzzellen zu verwandeln.
Ding betont, dass die Hautzellen sich auch in Zellen des Gehirns oder der Bauchspeicheldrüse umwandeln ließen. "Es ist wie bei einem Raketenflug", sagte Ding. Bislang gelte die Ansicht, man müsse auf dem Mond zwischenlanden, um zu Planeten zu fliegen. Doch in diesem Fall könne die Rakete direkt zu den Planeten gelenkt werden. "Das ist ein total neues Paradigma."
- Die Zellen
-
In den ersten Tagen seiner Entwicklung ist ein Embryo noch nicht ausdifferenziert – das heißt, aus seinen Zellen können sich noch alle möglichen Organe entwickeln. Diese Tatsache will die Forschung sich zu nutze machen, und aus solchen embryonalen Stammzellen Ersatzgewebe züchten. Erstmals wurden 1981 embryonale Stammzellen aus Mäusen isoliert. Im Jahr 1998 gelang es dem amerikanischen Forscher James Thomson von der Universität Wisconsin die ersten Zell-Linien aus menschlichen Embryonen zu züchten.
Doch auch Erwachsene können noch Stammzellen bilden, zum Beispiel im Knochenmark, wo daraus immer neue Blutzellen entstehen. Diese adulten Stammzellen, auf die Gegner der Forschung an embryonalen Zellen hoffen, können ebenfalls Gewebe nachbilden. Allerdings sind sie nicht so wandlungs- und vermehrungsfähig. Bei Querschnittgelähmten, die sich in den USA freiwillig einer Stammzelltherapie unterziehen wollen, hofft man, zerstörtes Nervengewebe regenerieren zu können.
- Was können sie?
Ob Alzheimer, Parkinson, Diabetes, Querschnittlähmung oder Herzinfarkt – bei diesen Krankheiten stirbt Gewebe ab oder wird geschädigt, sodass die Organe nicht mehr richtig funktionieren. Forscher hoffen, aus embryonalen Stammzellen Ersatzgewebe zu züchten. Zudem könnte man an so hergestelltem Gewebe Medikamente testen.
- Umstrittene Forschung
-
In Deutschland ist die Herstellung von Embryonen zur Stammzellgewinnung verboten. Damit soll das ungeborene Leben geschützt werden. Zwar befinden sich die Embryonen bei der Zellentnahme in einem frühen Entwicklungsstadium und bestehen erst aus wenigen Zellen, doch theoretisch könnte aus ihnen ein Mensch heranwachsen, würden sie in die Gebärmutter einer Frau eingepflanzt.
In anderen Ländern, zum Beispiel in den USA, werden Embryonen für die Forschung genutzt, die bei der künstlichen Befruchtung "übrig" geblieben sind. Bis April 2008 war in Deutschland nur die Forschung an embryonalen Stammzellen erlaubt, die aus dem Ausland stammen und vor dem 1. Januar 2002 gewonnen wurden. Da diese alten Zelllinien durch die häufige Vervielfältigung verunreinigt und genetisch verändert sind, wurde dieser Stichtag im April 2008 auf den 1. Mai 2007 vorverlegt.
Viele Wissenschaftler fordern eine weitere Lockerung der Gesetzgebung in Deutschland, um international konkurrenzfähig zu sein. Einige Gegner wollen ein generelles Verbot der Forschung an embryonalen Stammzellen.
- iPS
-
Das Kürzel steht für induzierte pluripotente Stammzelle. Sie entstehen, wenn man die ausgereiften Körperzellen eines Erwachsenen mit Hilfe der Biochemie auf einen sehr frühen, quasiembryonalen Zustand zurückprogrammiert. Dann entwickeln etwa Hautzellen Eigenschaften von Embryozellen: Aus ihnen kann praktisch jeder Zelltyp des Körpers entstehen.
Die iPS sind genetisch identisch mit den ursprünglichen Hautzellen. Ein entscheidender Vorteil: Daraus gezüchtetes Gewebe würde nach einer Transplantation vom Immunsystem des Zellspenders nicht abgestoßen werden. Die iPS könnten zudem in Zukunft ein ethisches Problem lösen: Um sie zu gewinnen, muss kein Embryo sterben.
Erstmals gelang die Reprogrammierung 2006 dem Team des japanischen Stammzellforschers Shinya Yamanaka mit Mauszellen. 2008 verwandelte Kevin Eggan von der Universität in Harvard menschliche Hautzellen zunächst in Stammzellen und anschließend in Nervenzellen.
Möglich wurden die iPS, weil die Forschung an echten embryonalen Stammzellen zuvor vier Erbfaktoren identifiziert hatte, die für den jungfräulichen Status der Zelle entscheidend sind.
Er hoffe mit dieser Technik Probleme zu umgehen, die andere Forscher bislang beim Zurücksetzen der Zellen in den Embryonalzustand hätten, und die Gesamtzeit erheblich zu verkürzen. Das Team um Ding versucht derzeit, die vier Gene zu ersetzen, deren Einsatz Krebs auslösen könnte. Bei der Umwandlung von Zellen in ihren Embryonalzustand, das heißt in induzierte pluripotente Stammzellen (iPS-Zellen), kommen einige Forscher bereits ohne diese Gene aus.
Wissenschaftler forschen seit mehr als 20 Jahren daran, aus menschlichen embryonalen Stammzellen oder ähnlichen Zellen Gewebe für Patienten zu züchten. Trotz vieler Fortschritte im Labor und im Tierversuch gibt es noch keine breit angewendete Therapie. Die Studie wurde von mehreren staatlichen Stellen der USA und dem Unternehmen Fate Therapeutics gefördert. Die Autoren erklären gemäß den Statuten des Fachjournals, keine finanziellen Interessen zu haben.
- Datum 30.01.2011 - 20:04 Uhr
- Quelle dpa
- Kommentare 6
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:





Könnte man theoretisch Hautzellen auch so programmieren, dass sie zu aktiven Haarwurzelzellen werden um somit dem männlichen Geschlecht endlich vor dem ausfallenden Haar zu befreien?
aber ich wäre mir da nicht so sicher.... das schöne ist, sie brauchen nur auf eine dementsprechende nachrichtenmeldung warten ;)
... dass sie zu aktiven Haarwurzelzellen werden um somit dem männlichen Geschlecht endlich vor dem ausfallenden Haar zu befreien?"
Nein, das geht nur mit embryonalen Stammzellen. Deshalb müssen wir die Embryonale Stammzellforschung weiter betreiben.
[...]
Gekürzt. Bitte bleiben Sie sachlich. Danke. Die Redaktion/ag
aber ich wäre mir da nicht so sicher.... das schöne ist, sie brauchen nur auf eine dementsprechende nachrichtenmeldung warten ;)
... dass sie zu aktiven Haarwurzelzellen werden um somit dem männlichen Geschlecht endlich vor dem ausfallenden Haar zu befreien?"
Nein, das geht nur mit embryonalen Stammzellen. Deshalb müssen wir die Embryonale Stammzellforschung weiter betreiben.
[...]
Gekürzt. Bitte bleiben Sie sachlich. Danke. Die Redaktion/ag
aber ich wäre mir da nicht so sicher.... das schöne ist, sie brauchen nur auf eine dementsprechende nachrichtenmeldung warten ;)
... dass sie zu aktiven Haarwurzelzellen werden um somit dem männlichen Geschlecht endlich vor dem ausfallenden Haar zu befreien?"
Nein, das geht nur mit embryonalen Stammzellen. Deshalb müssen wir die Embryonale Stammzellforschung weiter betreiben.
[...]
Gekürzt. Bitte bleiben Sie sachlich. Danke. Die Redaktion/ag
[...]
Diese Mehtodik ist mir bekannt aber das klingt so makaber dass ich davon ausgehe, dass Sie das nicht ernst meinen?!
Gekürzt. Der Kommentar, auf den Sie sich beziehen, wurde mittlerweile moderiert. Die Redaktion/ag
Wenn sie den Artikel aufmerksam gelesen hätten, wäre es ihnen vielleicht nicht entgangen, dass bei der vorgestellten Technik nicht mit embryonalen Stammzellen gearbeitet wurde, sondern die Reprogrammierung adulter ausdifferenzierter Zellen im Fokus stand. Ihr Kommentar ist leider deplatziert.
Entfernt. Bitte nutzen Sie die Kommentarfunktion zur Diskussion des Artikelthemas. Anmerkungen zur Moderation können Sie an community@zeit.de senden. Danke. Die Redaktion/ag
[...]
Diese Mehtodik ist mir bekannt aber das klingt so makaber dass ich davon ausgehe, dass Sie das nicht ernst meinen?!
Gekürzt. Der Kommentar, auf den Sie sich beziehen, wurde mittlerweile moderiert. Die Redaktion/ag
Wenn sie den Artikel aufmerksam gelesen hätten, wäre es ihnen vielleicht nicht entgangen, dass bei der vorgestellten Technik nicht mit embryonalen Stammzellen gearbeitet wurde, sondern die Reprogrammierung adulter ausdifferenzierter Zellen im Fokus stand. Ihr Kommentar ist leider deplatziert.
Entfernt. Bitte nutzen Sie die Kommentarfunktion zur Diskussion des Artikelthemas. Anmerkungen zur Moderation können Sie an community@zeit.de senden. Danke. Die Redaktion/ag
[...]
Diese Mehtodik ist mir bekannt aber das klingt so makaber dass ich davon ausgehe, dass Sie das nicht ernst meinen?!
Gekürzt. Der Kommentar, auf den Sie sich beziehen, wurde mittlerweile moderiert. Die Redaktion/ag
Wenn sie den Artikel aufmerksam gelesen hätten, wäre es ihnen vielleicht nicht entgangen, dass bei der vorgestellten Technik nicht mit embryonalen Stammzellen gearbeitet wurde, sondern die Reprogrammierung adulter ausdifferenzierter Zellen im Fokus stand. Ihr Kommentar ist leider deplatziert.
Entfernt. Bitte nutzen Sie die Kommentarfunktion zur Diskussion des Artikelthemas. Anmerkungen zur Moderation können Sie an community@zeit.de senden. Danke. Die Redaktion/ag
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren