THC Zwischen illegaler Droge und wirksamer Arznei

Cannabis soll Nervenschmerzen und Multiple Sklerose lindern. Doch die Hanfpflanze ist illegal. Ihre Wirkstoffe könnten aber bald als Medikament zugelassen werden. von Daniela Martens

Cannabis-Pflanzen in einem Coffee-Shop

Cannabis-Pflanzen in einem Coffee-Shop  |  © Justin Sullivan/Getty Images

Weiches Fell streift über gerötete, geschwollene Haut: Die Katze Lola berührt Hans-Jürgen Scholz’ Fingergelenke mit ihrer Schwanzspitze. Scholz sitzt auf einem Stuhl, sein rechter Arm hängt schlaff herunter, die Hand ist zu einer Kralle verzerrt. Die Berührung des Tieres spürt er nicht. Der Hauptnervenstrang des Arms wurde bei einem Unfall aus dem Rückenmark gerissen, ein Autofahrer hatte ihn vor 34 Jahren angefahren, 18 war er damals. Seitdem ist der Arm gelähmt. Ein Jahr nach dem Unfall begannen plötzlich die Schmerzen: "Stellen Sie sich vor, Sie hätten einen starken Sonnenbrand auf dem Arm, und dann würde jemand ihn wie ein Handtuch auswringen."

Neuropathische Schmerzen nennt man das, sie entstehen, weil die Nerven beschädigt sind. "Mein Gehirn bildet sich ein, Schmerz produzieren zu müssen", sagt Scholz. Der Schmerz sei immer da, 24 Stunden am Tag. Und dann sind da noch die "Attacken", in denen die Schmerzen fast doppelt so schlimm werden – 100 bis 200 Mal pro Tag: "Manchmal kommt die nächste Attacke nach einer Minute, manchmal nach einer Stunde." Und es gebe Tage, an denen sie so heftig und häufig sind, dass er nicht mehr sprechen könne. Lange hat er den Schmerz irgendwie ertragen, sogar ganz normal gearbeitet. "Ich habe gelernt, ihn nicht als Feind zu sehen. Aber es wurde immer schwieriger, damit zu leben."

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Vor etwa acht Jahren begann er eine Schmerztherapie. Seitdem hat er viele Medikamente durchprobiert. Zurzeit nimmt er Morphin-Tabletten, die sich langsam in seinem Magen auflösen, so dass sie das Betäubungsmittel kontinuierlich abgeben. Wie die meisten Schmerzmittel, die er versucht hat, fallen sie unter das Betäubungsmittelgesetz. Er hat einen Ausweis, in dem steht, dass ein Arzt es ihm legal verschrieben hat. Aber nur ein halbes Jahr lang habe das Morphin ein bisschen geholfen. Jetzt sei alles wieder wie vor Beginn der Therapie. Er nehme es nur noch, weil er sonst Entzugserscheinungen bekomme und die Schmerzen wohl noch schlimmer würden.

Jetzt allerdings meint Scholz, er habe einen Weg gefunden, wirklich vor den Schmerzen zu fliehen: Er hat einen Joint geraucht. Und plötzlich waren sie weg. "Aber ich habe mich so benommen gefühlt, bekifft, das war furchtbar unangenehm." Und er sei "ein gesetzestreuer Bürger", der keine illegalen Drogen nehmen will. Also ließ er sich von seinem Arzt den Hauptwirkstoff im Cannabis verschreiben: Dronabinol besteht aus Delta-9-Tetrahydrocannabinol, das man unter dem Kürzel THC kennt. Man könnte es mit Scholz’ Morphindosis kombinieren, er müsste dann wesentlich weniger davon nehmen.

Doch eine Behandlung mit dem Wirkstoff, der in Apotheken eigens mit einem Öl zusammengemischt werden muss, kostet bis zu 400 Euro pro Monat. Und Scholz’ Krankenkasse zahlt das nicht, anders als das Morphin. Deswegen hat er Klage beim Landessozialgericht eingereicht. Damit ist er Teil eines Problems, das zurzeit diskutiert wird: Die Linkspartei hat der Regierung vorgeworfen, sie tue nichts dafür, die Situation von Menschen zu verbessern, die zwar eine Ausnahmegenehmigung für den Gebrauch von Cannabis als Medikament bekommen, aber die Behandlung nicht selbst zahlen können.

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