Wann ist ein Arzt mit sich im Reinen, wenn es darum geht, das Leiden eines Menschen zu beenden? Darf er lebenserhaltende Maßnahmen unterlassen? Muss er jemanden ins Leben zurückholen, der sich offensichtlich umbringen wollte? Darf er einem Todgeweihten vielleicht sogar helfen, sich das Leben zu nehmen? Solche Entscheidungen sind wohl die schwersten, die ein Mediziner treffen kann. Lautet sein Auftrag doch, Krankheit zu kurieren und um das Leben seiner Patienten zu kämpfen.

Doch was, wenn die Lebensrettung zu Qual wird? Siechtum zu lindern, gar zu vermeiden, wenn die Chance auf Heilung ausgeschlossen ist, kann im Einzelfall das einzig ethisch Richtige sein.

Dieser Tatsache trägt jetzt auch die Bundesärztekammer Rechnung. Sie hat ihren seit 2004 geltenden Grundsatz zur ärztlichen Sterbebegleitung geändert. Bislang verurteilte die Richtlinie jegliche Assistenz eines Mediziners, wenn sich sein todgeweihter Patient vorzeitig das Leben nehmen wollte. Derlei Handeln galt als Verstoß gegen den ärztlichen Ethos und als möglicherweise strafbar. In der Neufassung heißt es nun : "Die Mitwirkung des Arztes bei der Selbsttötung ist keine ärztliche Aufgabe".

Damit sollen Mediziner im Einzelfall nun nach ihrem Gewissen entscheiden können, wenn Sterbenskranke sie bitten, ihren Tod zu beschleunigen oder selbigen nicht zu verhindern. Der Präsident der Kammer, Jörg Dietrich Hoppe, sagt: "Wenn Ärzte und Ärztinnen mit sich im Reinen sind, dann brechen wir nicht den Stab über sie". Er hätte hinzufügen sollen, dass für Mediziner nun die moralische Last schwerer wiegen könnte als zuvor.

Die Grundsätze der Ärzteschaft sollen Orientierung geben, doch belässt die Umformulierung Mediziner im Gewissenskonflikt. Da hilft auch nicht der Zusatz, dass "in Zweifelsfällen eine Ethikberatung hilfreich sein kann". Wie sehr insbesondere Palliativmediziner mit dem Selbstverständnis ihrer Zunft hadern, offenbarte zuletzt eine Umfrage der Ruhr-Universität Bochum . Drei Viertel der Ärzte, die todkranke Menschen betreuen, gaben an, dass sie in der letzten Lebensphase ihrer Patienten nicht nur Symptome gelindert hätten (etwa durch die Gabe von Opiaten), sondern auch eine mögliche Lebensverkürzung in Kauf genommen hatten. Dies widerspricht den Statuten der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin (DGP). Diese verpflichten den Arzt zum Lebenserhalt um jeden Preis.

Eine gewisse Sicherheit darüber, wie das eigene Sterben selbstbestimmt geschehen kann, gibt Schwerkranken nur eine Patientenverfügung . Sie erlaubt es Medizinern, lebenserhaltende Maßnahmen aufzugeben, wenn es dem Wunsch des Patienten entspricht. Doch was hilft ein Recht auf selbstbestimmtes Sterben, wenn dem Todkranken etwa das Medikament fehlt, um sein Leben vorzeitig zu beenden? Darf der Arzt das Mittel beschaffen, damit es der Patient selbst einnimmt? Wo liegt die Grenze zwischen Assistenz zum Suizid und verbotener aktiver Sterbehilfe?

Mit der Grundsatzänderung erkennt die Bundesärztekammer den Zwiespalt der Mediziner an, das ethische Dilemma in deutschen Palliativkliniken vertieft sie aber gleichzeitig. Zudem verbietet das Berufsrecht für Ärzte die Beihilfe zum Suizid im Gegensatz zum Strafrecht noch immer. Auf dem Ärztetag in Kiel Ende Mai könnte dieser Widerspruch gelöst werden. Ob es gelingt, ist fraglich, denn auch die Ärzteschaft ist in der Frage zutiefst gespalten. In einer Umfrage der Bundesärztekammer lehnten im Jahr 2010 fast zwei Drittel der teilnehmenden Mediziner eine Regelung ab, die eine Beihilfe zur Selbsttötung erlaubt. 30 Prozent sprachen sich dafür aus.

Eine geänderte Richtlinie kann im Einzelfall dem behandelnden Arzt nicht die eigene Verantwortung abnehmen. Sie darf ihn in der Frage nach einem menschenwürdigen Tod aber auch nicht mit der ethischen Bürde allein lassen.