Mitarbeiter, die sonst andere Menschen untersuchen, scannen sich gegenseitig vor einem Schichtwechsel auf Radioaktivität © GO TAKAYAMA/AFP/Getty Images

Es war ein Blau von tiefer, dunkler Intensität, das der Berliner Farbenhersteller Johann Jacob Diesbach 1706 zusammengemischt hatte. Ein Blau wie ein Gewitterhimmel. Als " Berliner Blau " wurde es vermarktet, doch fast noch bekannter ist die Bezeichnung "Preußischblau". Schließlich waren die preußischen Uniformen mit dem künstlichen Farbstoff getränkt. Preußen ist längst Geschichte, aber seine Farbe besteht fort – und hat als Medikament eine zweite Karriere gemacht . Der Wirkstoff schwemmt Thallium und Caesium aus dem Körper und wird nun wegen der Reaktorhavarie in Fukushima stark nachgefragt. Denn bei einem Reaktorunfall wird neben radioaktivem Jod vor allem Cäsium freigesetzt.

"Bei uns melden sich Japaner ebenso wie Leute aus anderen asiatischen Ländern", berichtet Johann Ruprecht, Leiter des wissenschaftlichen Abteilung beim Berliner Hersteller Heyl . "Auch deutsche Apotheken erkundigen sich, weil etwa Mitarbeiter einer Firma nach Japan fliegen und diese sicherheitshalber das Medikament mitnehmen wollen." Für einen vorsorglichen Kauf in Deutschland gibt es dagegen im Moment keinen Grund.

Super-GAU oder begrenzter Unfall? Wie sehen das schlimmste und das beste Szenario für die Zukunft aus? © Asahi Shimbun/Reuters

Das Familienunternehmen Heyl hat sich auf Spezialpräparate für einen vermeintlich kleinen Nischenmarkt spezialisiert. Es verkauft Arzneimittel, die Giftstoffe aus dem Körper entfernen, darunter "normales" Quecksilber und Blei, aber auch radioaktive Stoffe wie Cäsium-137 und Plutonium-239. Für Preußischblau, das Heyl unter dem Namen "Radiogardase" vermarktet , hat die Firma seit Oktober 2010 neben der deutschen und amerikanischen auch eine japanische Zulassung.

Heyl hat in der Berliner Zentrale etwa ein Dutzend Mitarbeiter, ein Tochterunternehmen in Thüringen beschäftigt 100 Angestellte, das Unternehmen hat einen Jahresumsatz von 20 Millionen Euro. Preußischblau, eine Verbindung aus Eisen, Kohlenstoff und Stickstoff, ist rezeptpflichtig, 30 Kapseln kosten 46 Euro.

Anders als radioaktives Jod, dessen Strahlung bereits nach wenigen Tagen abklingt, hat Cäsium-137 eine Halbwertszeit von 30 Jahren. Es gelangte in Tschernobyl in größeren Mengen in die Umgebung. Cäsium kann mit verunreinigter Nahrung aufgenommen werden und hat eine biologische Halbwertszeit von etwa 110 Tagen, das heißt, dass der menschliche Körper nach 110 Tagen die Hälfte ausgeschieden hat. Cäsium wird von der Leber über die Galle ausgeschieden, jedoch im Darm teilweise wieder in den Organismus zurückgeführt – ein schädlicher Kreislauf.

Preußischblau wird vom Körper nicht aufgenommen und hat außer einer Blaufärbung des Stuhls in der Regel kaum Nebenwirkungen. Der Farbstoff bindet Cäsium, so dass das Alkalimetall rascher ausgeschieden wird. Die biologische Halbwertszeit von Cäsium kann so auf 40 Tage sinken. Dabei gilt wie bei der Einnahme von Jodtabletten: je eher man den Wirkstoff einnimmt, desto besser. Bei sofortiger Anwendung würden 75 Prozent des verschluckten Cäsiums direkt wieder ausgeschieden. Die radioaktive Verseuchung wird nicht völlig verhindert, aber die Strahlendosis verringert, Schäden und Folgekrankheiten damit reduziert.

Bisher wurde Radiogardase nur in Einzelfällen eingesetzt. Schlagzeilen machte vor allem ein Zwischenfall in der brasilianischen Stadt Goiania 1987 . Damals wurde aus einer verlassenen Klinik ein Strahlentherapiegerät gestohlen, das eine blau leuchtende hochradioaktive Cäsiumverbindung enthielt. Vier Personen starben, 20 hatten Symptome einer Strahlenkrankheit, insgesamt 250 hohe Dosen abbekommen. Viele Menschen wurden daraufhin vorsorglich mit Preußischblau behandelt.

Erschienen im Tagesspiegel