Behördenmitarbeiter prüfen Einwohner der Stadt Koriyama in der Präfektur Fukushima auf erhöhte Strahlenwerte © Ken Shimizu/AFP/Getty Images

Die Furcht vor Dingen, die wir uns nicht vorstellen können und die unsichtbar sind, ist groß. Wie soll man mit einer Gefahr umgehen, auf die wir uns nicht vorbereiten können? Hilflos blickt die Welt nach Fukushima , macht sich Sorgen über radioaktive Wolken, strahlende Partikel in Lebensmitteln, gar in Milch und Trinkwasser. Äußerlich ist nichts zu erkennen, die Kontamination ist geruchlos, auch schmecken kann man sie nicht.

Allein das Wort Strahlung weckt in vielen ein Angstgefühl. Das ist verständlich. Denn die unbeherrschbare Macht der radioaktiven Isotope kann uns viel Schaden zufügen, ist also keineswegs harmlos. Und doch ist das Bild von der derzeitigen nuklearen Bedrohung verzerrt.

Super-GAU oder begrenzter Unfall? Wie sehen das schlimmste und das beste Szenario für die Zukunft aus? © Asahi Shimbun/Reuters

Fast im Stakkato erreichen uns neue Messwerte aus Japan. Sie zeugen von einer Radioaktivität im Wasser und in der Luft, die um das Fünffache, Zehnfache oder weit über das Hundertfache über den Grenzwerten liegt. Diese Werte suggerieren eine immanente Bedrohung für Leib und Leben der Menschen im Katastrophengebiet. Aber sie täuschen uns. Denn Messwerte allein sagen noch nichts über eine Gefahr oder ein Risiko aus. Die erhöhte Radioaktivität in der Atmosphäre etwa ergibt sich aus Momentaufnahmen an unterschiedlichen Orten in Japan. Doch sie ergeben kein einheitliches Bild. Die Strahlendosen sind nicht konstant, sie schwanken zum Teil dramatisch. Und damit schwankt auch die Gefährdung.

Entscheidend ist, ob die radioaktiven Stoffe in den Körper gelangen oder ob sie an Kleidung und Haut haften. Im zweiten Fall ist die Kontamination rasch zu beseitigen: Die betroffene Person muss ihre Kleidung entsorgen und sich gründlich waschen. Werden radioaktive Isotope aber verschluckt, können sie unsere Zellen langfristig schädigen. Akut wird aber in Japan niemand durch den Verzehr kontaminierter Nahrung an Strahlenfolgen sterben , so groß ist die radioaktive Belastung nicht. Es ist zwar richtig, Milch, Spinat, Trinkwasser und andere Lebensmittel aus dem Verkehr zu ziehen, weil ihr Verzehr das Risiko, krank zu werden, langfristig erhöhen kann. Das bedeutet aber nicht, dass alle Menschen Gesundheitsschäden davontragen.

Klicken Sie auf das Bild, um die Infografik als PDF-Datei herunterzuladen. © Julika Altmann

Erst ab einer Dosis von 100 Millisievert erwarten Strahlenmediziner nachweisbare Folgen in der Gesamtbevölkerung, egal in welchem Zeitraum die Menschen der Strahlung ausgesetzt waren. Derartige Dosen bekommen derzeit wohl nur die Arbeiter, Techniker und Feuerwehrmänner direkt an den Reaktoren von Fukushima-1 ab. Statistisch heißt das: Sind 100 Menschen einer Strahlung von 100 Millisievert ausgesetzt, erkrankt davon einer mehr an Krebs als ohne Strahlung. Ein weiterer Mensch bekommt möglicherweise eine schwere Herz-Kreislauferkrankung. 45 Menschen von den 100 würden ohnehin, abgesehen von der Strahlenbelastung, einen Tumor entwickeln. Zum Vergleich: In Deutschland beträgt die natürliche Radioaktivität, der jeder Mensch ausgesetzt ist, zwischen 2 und 5 Millisievert pro Jahr.

Aber auch wenn sich eine schädliche Auswirkung von Strahlung unterhalb der 100 Millisievert statistisch kaum nachweisen lässt, bedeutet das nicht, dass es kein Gesundheitsrisiko gibt. Grundsätzlich gefährdet jeder Typ und jede Dosis radioaktiver Strahlung die Biologie unseres Körpers bis hinein ins Erbgut. Aber unsere Zellen setzen sich dagegen zur Wehr. Täglich bekämpfen sie zig Billionen Schäden an der DNA. Die Frage ist: Wo liegt die Schwelle, an der die Abwehrmechanismen versagen?

Sicher ist, dass der Mensch gelernt hat, mit Strahlenbelastungen im niederen Bereich umzugehen. Und diese Art der Strahlenbelastung wird nach dem derzeitigen Stand der Dinge in Japan entscheidend sein. Was bisher in der Luft bis nach Tokyo zu messen ist, liegt im Mikrosievertbereich. Damit sind die Metropolenbewohner derzeit wohl geringer belastet als ein Mensch, der auf einem Flug von New York nach Tokyo und zurück eine Strahlendosis von etwa 200 Mikrosievert abbekommt. Ob solche Strahlenwerte bedrohlich sind, ist fraglich.

In Deutschland haben ähnliche Werte in der Vergangenheit keinen nachweisbaren Effekt gehabt. Nach den mehr als 500 Atomwaffentests in den 1950er und 1960er Jahren stieg die Hintergrundstrahlung in der Atmosphäre hier bis 1963 auf 113 Mikrosievert pro Jahr an. In den Jahrzehnten danach sank sie stetig. Selbst die Tschernobylkatastrophe von 1986 , bei der ein aktiver Reaktorblock brannte und explosionsartig zerfetzt wurde, stieg diese Strahlung auf einen Wert von unter 40 Mikrosievert im Jahr.

Diese Relationen zeigen, wie ein gefühltes Risiko und die tatsächliche Gefährdung auseinanderdriften können. Panik, wie sie manchen in Deutschland befällt, hilft nicht weiter. Die Japaner zeigen eindrucksvoll, wie besonnen sie mit der kritischen Situation umgehen. Sie werden diese Krise meistern, ganz gleich, wie sie ausgeht.