MedizinberichterstattungBitte recht pharmafreundlich!

Werbefinanzierte Medizinjournale sind weniger kritisch als andere. Zu dem Ergebnis kommt eine Studie. Ein Gespräch mit dem Mediziner Norbert Donner-Banzhoff von 

Ein Arzt spricht mit einer Patientin

Ein Arzt spricht mit einer Patientin  |  © Sean Gallup/Getty Images

DIE ZEIT: Hausärzte bilden sich über die medizinische Fachpresse fort. Spielt es für Patienten eine Rolle, welches dieser Blätter ihr Hausarzt liest?

Norbert Donner-Banzhoff: Das ist wohl so. Die Fachzeitschriften bewerten veröffentlichte Studien zu Medikamenten und geben Verordnungsempfehlungen. Ein Teil dieser Blätter ist hochglänzend und unterhaltsam aufgemacht. Sie kosten nichts und finanzieren sich durch Anzeigen der Pharmaindustrie. Die anderen sind nüchtern und nähren sich durch Abonnements, für die der Arzt zahlen muss.

Norbert Donner-Banzhoff
Norbert Donner-Banzhoff

ist Professor am Medizinischen Zentrum für Methodenwissenschaften und Gesundheitsforschung an der Philipps-Universität Marburg. In einer Studie, die in dem Medizinjounal CMAJ veröffentlicht wurde, haben der Mediziner und ein internationales Forscherteam untersucht, wie objektiv medizinische Fachzeitschriften berichten

ZEIT: Sie haben die Berichterstattung in elf Zeitschriften verglichen. Was haben Sie festgestellt?

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Donner-Banzhoff: Wir haben untersucht, wie die redaktionellen Bewertungen für neue Medikamente aussehen, die unter Patentschutz stehen und von den Herstellern heftig beworben werden. Unser Ergebnis: Anzeigenfinanzierte Blätter beurteilten diese Medikamente im redaktionellen Teil ausschließlich positiv, während die von den Lesern finanzierten Blätter vorwiegend kritisch berichten. Beim Deutschen Ärzteblatt , das gemischt finanziert ist, hält es sich die Waage. Die wirtschaftliche Basis beeinflusst sowohl die Bewertungen, als auch Verschreibungsempfehlungen einer Fachzeitschrift.

ZEIT: Können Sie Beispiele nennen?

Donner-Banzhoff: Das gilt für alle Medikamentengruppen. Wir haben etwa Herz-Kreislauf-Mittel, Diabetika und Psychopharmaka daraufhin untersucht. Also Bereiche, in denen es Standardtherapien gibt, aber neue Medikamente den Anspruch erheben, eine Besserung zu erbringen.

ZEIT: Ist unseren Hausärzten der Unterschied zwischen den Zeitschriften nicht bewusst?

Donner-Banzhoff: Die Insider überrascht unser Ergebnis überhaupt nicht. Aber ich fürchte, dass vielen Medizinern diese Mechanismen nicht klar sind. Die Ärzte Zeitung etwa kommt recht offiziell daher. Sie gibt sich als Stimme der deutschen Ärzteschaft und hat sich in unserer Studie wegen der großen Zahl unkritischer Empfehlungen als besonders problematisch dargestellt.

Leserkommentare
    • grrzt
    • 11. März 2011 18:09 Uhr

    Wer hätte das gedacht. Wo liegt der informationwert dieser Studie? Wes Brot ich fress, des Lied ich sing.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Da die Strategie funktioniert, haben die Ärzte davon offensichtlich keine Ahnung gehabt. Daher ist es gut, dies auch einmal zu publizieren.

    Da werden Erinnerungen an den Medienhype bei der Schweinegrippe wach.

    Wenn Sie das Interview nachlesen werden Sie feststellen, dass Prof Donner-Banzhoff sehr deutlich erwaehnt, dass viele Insider all dies schon lange wissen.

    Aber die Blaetter liegen in den Praxen aus, kommen umsonst und 'professionell' daher und Herr und Frau Doktor koennen sich sogar Weiterbildungspunkte bei den Aerztekammern fuer das Lesen dieser Schundblaetter anrechnen lassen.

    Da wird es dann schon etwas interessanter eine handfeste Studie in der Hand zu haben, um den perfiden Machenschaften der Pharmaindustrie endlich mal ein Ende zu setzen, gell?

  1. Ich bin mir ganz sicher,dass das in anderen Branchen ganz sicher nicht passiert.

  2. Da die Strategie funktioniert, haben die Ärzte davon offensichtlich keine Ahnung gehabt. Daher ist es gut, dies auch einmal zu publizieren.

    Da werden Erinnerungen an den Medienhype bei der Schweinegrippe wach.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Na so was..."
  3. Wow,

    "Ein Arzt spricht mit einer Patientin".

    Genial, ich gehe davon aus, dass Zeit-online damit den Journalistenpreis für die beste BU des Jahres gewinnen wird.

  4. Wenn Sie das Interview nachlesen werden Sie feststellen, dass Prof Donner-Banzhoff sehr deutlich erwaehnt, dass viele Insider all dies schon lange wissen.

    Aber die Blaetter liegen in den Praxen aus, kommen umsonst und 'professionell' daher und Herr und Frau Doktor koennen sich sogar Weiterbildungspunkte bei den Aerztekammern fuer das Lesen dieser Schundblaetter anrechnen lassen.

    Da wird es dann schon etwas interessanter eine handfeste Studie in der Hand zu haben, um den perfiden Machenschaften der Pharmaindustrie endlich mal ein Ende zu setzen, gell?

    Antwort auf "Na so was..."
  5. Was würde passieren, wenn die gesamte Gesundheitsforschung an Universitäten passieren würde, die global ihr Wissen austauschen um bessere Medikamente und Behandlungsmethoden zu entwickeln?

    Finanziert würde das ganze System wie jetzt auch über den Verkauf der Medikamente. Nur dass es dann nicht mehr um den maximalen Profit gehen würde, sondern um die Finanzierung der Forschung.

    Würde das nicht dazu führen, dass wieder der Mensch im Mittelpunkt stehen würde, dass Nebenwirkungen kein Geheimnis wären, die Medikamente das halten würden was sie versprechen und sich die Entwicklung beschleunigen würde, da ein freier Austausch von Wissen stattfände?

    Wie wäre es wenn ein solches System in einer Basisdemokratischen Gesellschaft existieren würde, die sich selbst über das Netz verwaltet? Eine moderne dezentrale Wissensgesellschaft sozusagen.

    Was würde passieren wenn ein Bürgergeld existieren würde, von dem jeder Leben könnte und Vollbeschäftigung al la 40 Stunden Woche keine Rolle mehr spielen würde und unsere Gesellschaft sich modernisieren könnte: Produktion von lang lebigen Gütern, die zu 100% Recycelt werden können, verlangsamte Einführung neuer Techniken, dadurch bessere Folgenanalyse- Schadstoffe, Gentechnik, Abschaffung des Finanzsystems bei Beibehaltung eines Kreditsystems usw.

    Wenn ein System "stabil" ist in dem 1000 Billionen und mehr zirkulieren, dann sollte es doch möglich sein ein paar Billionen innerhalb der Bevölkerung zirkulieren zu lassen!

    MFG

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    • brazzy
    • 17. April 2012 12:57 Uhr

    ...mit einem "Freien Gesundheitssystem":

    - Korruption zwischen den Forschern, deren Lieferanten, den Herstellern und der Verwaltung des Ganzen

    - Woran geforscht wird bestimmen Moden, Politik und Forscherneugier, nicht der Bedarf.

    ...mit einem "ein Bürgergeld von dem jeder Leben kann":

    - als allererstes würden die Städte im Müll versinken, weil keiner Lust hat, den zu beseitigen.

  6. Der Erkenntniswert dieses Artikels ist in der Tat begrenzt - man braucht nicht in der Pharma-Industrie tätig gewesen zu sein um zu wissen, was sich in der Szene abspielt. Insbesondere die Ärzte wissen es - soweit sie sich nicht durch leichte Kost zufrieden stellen lassen, deren wissenschaftlicher Gehalt etwa mit dem intellektuellen Niveau der Bildzeitung vergleichbar ist.

    Am Kommentar Nr. 7 wird erschreckend deutlich, wie naiv Laien mit diesen Dingen umgehen können (obwohl es in guten Tageszeitungen kritische Beiträge von fachkundigen Journalisten gibt) - durch Studien für pharmazeutische Firmen wird nämlich ein großer Teil der klinischen Forschung an den Universitäten finanziert! Wie brauchbar diese Studien sind (sofern sie überhaupt veröffentlicht werden), hängt, wie in dem Artikel angesprochen, vom Niveau der Publikationsorgane ab; weil trotzdem "Ausreißer" auch in renommierten medizinischen Zeitschriften auftreten können, muss man dennoch auch als Fachmann genau hinsehen.
    Die weltweit renommiertesten Blätter erscheinen allerdings nicht in Deutschland, sondern in den angelsächsischen Ländern ...

    Im Ergebnis ist es selbst für Fachleute mühsam, die Spreu vom Weizen zu trennen. Wenn man genau hinschaut, sind nämlich Ergebnis-Verschönerungen und andere Tricksereien durchaus an der Tagesordnung. Die USA sind vermutlich das einzige Land, in dem auch Außenstehende Einblicke in laufende Studien nehmen und sie mit den veröffentlichten Ergebnissen vergleichen können.

  7. Wissenschaftlich ist das alles nicht, auch wenn die Fußnoten korrekt sind. Ein Thema wird mal wieder "angedacht", um es dann wieder verstauben zu lassen.
    Hat ein real mitdenkender Mensch daran gezweifelt, daß das Groß der Medizinpresse zu pharmaorientierter Öffentlichkeitsarbeit tendiert? Gibt es noch Leute, die daran glauben, daß die riesigen Öffentlichkeitsarbeitsabteilungen der Pharmahersteller nur informieren, ohne zu beeinflussen? Warum ignorieren die politisch Verantwortlichen und Gesundheitsfunktionäre, daß die Pharmahersteller doppelt so viel Aufwand für „Vertrieb“ betreiben, als für Forschung und Entwicklung? Fragen über Fragen mit wenig Interesse an nachvollziehbaren Antworten.
    Die Medizinpresse braucht die Werbeeinnahmen und stellt im Gegenzug Seiten für "redaktionelle Artikel" zur Verfügung, die höchstenfalls noch "redaktionell eingedeutscht, oder leicht umgeschrieben" werden. Das ist allerdings in vielen deutschen Fachmedien aller Branchen gängige Praxis.
    Der Arzt, der Informationen aus diesen Zeitungen nimmt, verschreibt ohnehin was er will, respektive, was ihm bei den Pharmaberatern den größten Vorteil bringt.
    Im Wartezimmer, wo durch schlechte Organisation immer „zu viele Patienten“ sitzen, liegen immer häufiger Gesundheitsschriften, die das dort gehörte „vertiefen“. Alles in allem eine unbefriedigende Situation für oft manipulierte Patienten, bei finanziellen Vorteilen für „pharmainfizierte Ärzte“ und weiterhin gute Gewinne für die Pharmaunternehmen.

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  • Schlagworte Recht | Arzt | Diät | Fachpresse | Gesundheitssystem | Herzinfarkt
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