Opfer sexuellen Missbrauchs leiden häufig ihr ganzes Leben an den Folgen der erlittenen Übergriffe, seelisch wie körperlich. Wer früh im Leben schwer misshandelt oder sexuell missbraucht wurde, ist als Erwachsener anfälliger für chronische anhaltende Schmerzstörungen, Erkrankungen der Herzkranzgefäße und Diabetes Typ-2. Selbst das Erbgut kann durch solch einschneidende Erlebnisse Schaden nehmen. Als Erwachsene leidet mehr als die Hälfte der Betroffenen unter den Symptomen einer posttraumatischen Belastungsstörung.

"Gewalt im Kindesalter brennt sich in die Psyche ein", sagt Johannes Kruse, Leiter der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie des Universitätsklinikums in Gießen. Er untersucht, welche psychosomatischen Beschwerden Gewalt im frühen Kindesalter auslösen können. "Die Krankheiten und Beschwerden, die sich in der Folge entwickeln, kommen erst Jahre später ans Licht", sagt Kruse.

Körperliche Übergriffe auf Kinder geschehen häufig. Unter hundert Mädchen sind nach einem Gesundheitsbericht des Bundes von 2008 zwischen zehn und achtzehn Missbrauchsopfer, unter den Jungen sind es zwischen fünf und sieben von hundert. Mehr als ein Zehntel der Kinder erlebt schwere häusliche Gewalt. 

Manche der Opfer klagen über Schmerzen, ohne dass die Ärzte organische Ursachen dafür ausmachen können. Die Mediziner nennen diese Beschwerden somatoforme Störung. "Bei einem Drittel der Menschen mit Unterleibsschmerzen stellt sich später heraus, dass sie Missbrauchsopfer sind", sagt Kruse. Die Forscher vermuten, dass ein Gedächtnis im Körper sich an die schmerzhaften Erfahrungen erinnert. "Wir wissen, dass Menschen, die gefoltert wurden, den selben Schmerz erleben, den sie von der Foltersituation her kennen", sagt Kruse. Sie erleben einen Körper-Flashback. Es muss bloß einen assoziativen Bezug geben, etwa die Jacke, die der Täter trug oder sein Parfum. Irgendetwas, das die Erinnerung wachruft.

Dass viele der Missbrauchsopfer im späteren Leben chronische Schmerzstörungen aufweisen, haben unter anderen Molly Paras und ihre Kollegen vom Mayo Clinic College of Medicine in Minnesota in den USA untersucht. Ihre Ergebnisse haben sie 2009 im Journal of the American Medical Association veröffentlicht. Sie analysierten systematisch die Ergebnisse aus 23 Studien, die zwischen 1980 und 2008 entstanden waren. Paras und ihr Team stellten fest, dass die Opfer häufig an unspezifischen Schmerzen, chronischen Unterleibsschmerzen und unter Nervenzusammenbrüchen leiden.

Andere Menschen entwickeln infolge eines Missbrauchs echte körperliche Erkrankungen. "Viele Opfer führen einen ungesunden Lebensstil", sagt Kruse. Sie bewegen sich wenig, schlafen schlecht, ernähren sich ungesund und rauchen viel. "Der schlechte Umgang mit dem eigenen Körper führt dann zu einem höheren Krankheitsrisiko." Das Rauchen etwa hilft den Missbrauchsopfern, unangenehme Affektzustände zu bewältigen. Darein gerieten sie immer wieder, wenn sie von den schlimmen Erinnerungen und Gefühlen überwältigt würden. "Die Patienten beruhigen sich selbst, indem sie rauchen", sagt Kruse.