Immer mehr Bakterien werden resistent gegen Antibiotika. 25.000 Menschen sterben jährlich in der EU an Infektionen mit Krankheitserregern, gegen die Medikamente nichts mehr ausrichten könnten, berichtet die Weltgesundheitsorganisation WHO. Schuld sind falsche Behandlungen und mangelndes
Wissen – auch aufseiten der Medizin.

"In Ermangelung dringender Korrektur- und Schutzmaßnahmen steuert die Welt auf ein postantibiotisches Zeitalter zu, in dem viele gewöhnliche Infektionen nicht mehr geheilt werden und, noch einmal, unvermindert töten", sagte WHO-Generaldirektorin Margaret Chan.

Resistente Bakterien kommen vor allem in Kliniken häufig vor. Werden Antibiotika-Therapien nicht sachgerecht durchgeführt, überleben die hartnäckigsten Keime und können sich wieder vermehren. Durch diese Auslese können Bakterienstämme entstehen, denen manche Antibiotika gar nichts mehr anhaben können.

Im vergangenen Jahr wurden rund 440.000 neue Tuberkulosefälle in fast 70 Ländern gemeldet, gegen die eine Vielzahl von Medikamenten nichts ausrichten konnte. Das Problem der Resistenzen ist nicht auf Bakterien begrenzt: Malariaparasiten würden immer widerstandsfähiger gegen die neusten Medikamente, und auch bei speziellen Mitteln gegen den Aids-Erreger HIV tauche das Problem immer häufiger auf.

Wie dringlich das Problem ist, zeigt das Beispiel Indien. Dort hatten Forscher ein bedrohliches Resistenz-Gen von Bakterien entdeckt, das als Krankenhauskeim grassiert. Ein Forscherteam um Timothy Walsh von der Universität Cardiff hat dieses Resistenz-Gen nun in öffentlichen Wasserstellen nachgewiesen. Der DNA-Schnipsel NDM-1 hatte sich in mehr als ein Dutzend Bakterienarten eingeschleust – darunter elf, bei denen es zuvor noch nicht gefunden worden war. Das Resistenz-Gen breite sich von Indien und Pakistan aus und sei auch in Erregern für Ruhr und Cholera nachgewiesen worden, berichten die Wissenschaftler im Medizinjournal The Lancet Infectious Diseases.

"Wir sind an einem kritischen Punkt angelangt, weil die Resistenz gegen vorhandene Antibiotika beispiellose Ausmaße erreicht hat und neue Antibiotika nicht schnell genug bereitgestellt werden können", sagte die europäische WHO-Chefin Zsuzsanna Jakab. Die Entwicklung eines neuen Antibiotikums dauert in etwa zehn Jahre.

Die Organisation fordert daher unter anderem von den einzelnen Staaten, den Arzneimitteleinsatz zu regulieren sowie mehr Forschung. Diese Forderung unterstützt auch die Europäische Gesellschaft für klinische Mikrobiologie und Infektionskrankheiten (Escmid). Grundlage für den Kampf gegen Antibiotika-Resistenzen seien Aufklärung – sowohl der Medizin als auch der Öffentlichkeit – und mehr Vorgaben für die
Verschreibung von Medikamenten, sagte der Escmid-Präsident Guiseppe Cornaglia.

Für die 53 Mitgliedsländer der WHO-Europaregion gibt es keine gemeinsame Statistik über Todesfälle durch Antibiotika-Resistenzen. Die Lage sei aber vielerorts "noch schlimmer" als in der EU, weil es in vielen Staaten keine regulierte Anwendung antibiotischer Medikamente gebe.

In 14 von 21 osteuropäischen Ländern sind Antibiotika ohne ärztliches Rezept frei verkäuflich. Bauern nutzen das, um ihren Tieren die Mittel vorbeugend zu verabreichen.

Viele Ärzte verschreiben die Mittel ihren Patienten außerdem "leichtfertig und unangemessen" zur Behandlung von Virusinfekten wie Grippe und simplen Erkältungen, berichten die Gesundheitsexperten. Antibiotika wirken nur gegen Bakterien.