Schwangerschaft : Wenn aus der Geburt eine High-Tech-Operation wird

Bei fast 90 Prozent aller Geburten in der Klinik greifen Ärzte ein. Nicht immer ist das nötig, sagen Hebammen. Und es schadet dem Selbstbewusstsein der Mütter.
Diese Füße gehören einem zwei Wochen alten Jungen © Christopher Furlong/Getty Images

Wenn Eva Neumann an die Geburt ihres Sohnes zurück denkt, kommen ihr die Tränen: Gut sieben Stunden hatte sie in den Wehen gelegen, als ihr vom Arzt im Kreißsaal ein Kaiserschnitt nahegelegt wurde. Das Baby sei so groß, dass eine Spontangeburt schwierig werden würde, die Gefahr eines schlimmen Dammrisses sei erheblich.

Eva Neumann willigte ein – obwohl sie noch im Geburtsvorbereitungskurs auf das Bild, das sie und ihr Mann für die Geburt gemalt hatten, in großen Buchstaben geschrieben hatte "kein Kaiserschnitt!!!". "Schon mein erster Sohn wurde per Kaiserschnitt geholt, weil seine Herztöne schlechter wurden", erklärt sie, "das war für mich traumatisch. Ich konnte ihn nach der Geburt nicht versorgen und habe mich im Grunde wie eine Versagerin gefühlt. Dieses Gefühl ist jetzt wieder da."

Eva Neumann hatte sich wie die meisten Schwangeren eine natürliche Geburt ohne Eingriffe gewünscht. Doch wie die meisten Frauen hat sie die nicht bekommen: Weit unter zehn Prozent der Frauen in Deutschland bringen ihre Kinder ohne medizinische Eingriffe zur Welt. Zu diesem Ergebnis kam Clarissa Schwarz, Professorin für Hebammenkunde an der Hochschule für Gesundheit in Bochum nach der Auswertung eines Forschungsprojekts schon im Jahr 2004. "Damals waren es 6,7 Prozent. Man kann davon ausgehen, dass die Zahlen heute noch geringer sind", sagt sie.

Doch wie kommt es, dass Frauen, deren Wunsch es ist, ihr Kind natürlich zur Welt zu bringen, fast zwangsläufig am Wehentropf und im Extremfall auf dem Operationstisch landen? "Wir sprechen dabei von einer Interventionskaskade, die meist schon bei der Aufnahme im Krankenhaus beginnt", sagt Clarissa Schwarz.

Die meisten Frauen kämen aus Unsicherheit zu früh in die Klinik. Anstatt sie nach Hause zu schicken, würden die Kliniken sie dann meist stationär aufnehmen. "Ab diesem Moment geht es vor allem darum, die Geburt so effizient und zeitsparend wie möglich über die Bühne zu bringen. Und wenn einmal in den Geburtsverlauf eingegriffen wurde, folgen fast zwangsläufig weitere Eingriffe", sagt die Wissenschaftlerin.

Wenn Wehenmittel gegeben werden, lösen diese häufig so heftige Wehen aus, dass die Frauen gegen die Schmerzen eine Periduralanästhesie (PDA) bekommen. Doch diese Betäubung entspannt den Mutterleib vollkommen. Die Folge: Das Kind kann sich nicht richtig in den Geburtskanal bewegen. Und wenn es einmal stockt, kommen schnell Saugglocke oder Zange zum Einsatz, was zu bösen Dammrissen führen kann.

Wissenschaftler wissen inzwischen auch, dass Geburtseinleitungen das Risiko für Nachblutungen verdoppeln. Im Extremfall wird die natürliche Geburt ganz abgebrochen: In zehn Prozent der Fälle enden natürlich begonnene Geburten wie im Fall von Eva Neumann mit einer Sectio, einem Kaiserschnitt. Ebenso hoch ist die Rate geplanter Kaiserschnitte. Auch wenn immer wieder vom Trend zum Wunschkaiserschnitt gesprochen wird: Befragungen zeigen, dass weniger als fünf Prozent der Frauen eine Schnittentbindung wollen.

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Kommentare

240 Kommentare Seite 1 von 21 Kommentieren

Ein (anekdotenhafter) Einwurf

eine nahe Anverwandte hat im Laufe ihres Lebens drei Kinder entbunden. Die ersten beiden "natürlich". Vor dem dritten machte sie deshalb den Ärzten vorher klar:

"Ich bestehe auf einer PDA."

Und sagt heute: "Das war die richtige Entscheidung."

Herzlichst Crest

Bitte auch die Anzahl an Geburtsschäden angeben

"Mütter kommen im Kreißsaal nicht mehr auf die Idee, gegen die Technisierung ihrer Geburt zu protestieren"

Wie sieht es mit Geburtsschäden aus. Sind die (prozentual) gesunken, seit die Geburt technisiert wird?

Sollte ein Kind bei einer natürliche Geburt Schaden nehmen (z.B. Unterversorgung mit Sauerstoff), wird gegen die Klinik geklagt.

Eijo dann machen wirs halt wieder wie früher

Eijo dann bringen wir die Kinder eben "nach dem Mutterwunsch" wie früher zur Welt und lass uns von Gefahren und Risiken nicht abschrecken. Das kann man so machen, aber dann würde ich mal ganz grob sagen, dass wir auch die Sterberaten von früher zurück bekommen.

Aber hey was sind schon tote Frauen und Kinder gegen "den Wunsch der Mutter das Kind natürlich auf die Welt zu bringen". "Schwere Schuldgefühle" können nunmal nur lebende Menschen haben. Da hätten wir dann das Problem mit den Schuldgefüheln gleich mit gelöst.

Komisch; hier diskutieren MÄNNER?

Natürliche Geburt = Schäden?
Man KANN indertat Frauen einreden, dass sie nicht in der Lage seien, ein Kind gesund auf die Welt zu bringen.
Mann KANN Sicherheit bei Befolgung technischer Auflagen suggerieren.

Aber die endgültige Sicherheit gibts nicht; nirgends!

Die Technisierung schafft neue Gefahren.
Und hat Folgen für Kind und Mutter, die du gar nicht übersehen kannst, die kaum publiziert werden, um dem heiligen Zeitgeist ja nicht zu schaden.

#Schlimmer ist, dass die Frauen an ihrer einzigen wirklich systemimmanenten Lebensaufgabe vorbeigerudert werden.
Alles wirklich klassisch Weibliche ist ja von Beauvoir&Co eh abgeschafft und ins Museum verbracht worden.

Was weißt denn du Typ vom Menschsein und menschlichbleiben?

Dafür sind immer schon Frauen zuständig gewesen und eine sagt dir jetzt:

Wir haben seit Jahrtausenden Kinder geboren.
Und ja - einige von uns sind dran gestorben.
Aber wir sind nicht ausgestorben.
DAS ist Leben.

Männer führen Kriege und sterben daran.
Merkwürdigerweise tun sie das immer noch; trotz der Hochtechnisierung ihrer Kriege.
Hast du schon die Abschaffung von Kriegen gefordert?
Ich wär dafür, es wieder "eijo-wie früher" zu machen
- das gibt weniger Spätschäden.

Technik entfernt uns von uns selber
und macht das Gebären nicht sicherer!

In diesem Sinne
und auch in dem meiner Tochter, einer angehenden Hebamme: "eijo dann machen wirs lieber wieder wie früher..."

....eine gesunde Mutter von 5 (f ü n f) natürlich geborenen gesunden Kindern.

Artikel überhaupt gelesen?

Es geht doch gar nicht darum, wieder so zu Gebären wie unsere Ururgrossmütter, ohne Desinfektionsmittel, ohne ärztliche Betreuung, ohne Möglichkeit zum Kaiserschnitt. Niemand stellt die moderne Medizin in Frage, die ohne Frage sicher viele Todesfälle von Mutter und Säugling verhindert hat. Im Artikel geht es darum, dass heutzutage immer mehr Eingriffe gemacht werden, die offenbar keinen nennenswerten Nutzen bringen - die Mortalität bei Geburten ist in Deutschland seit Jahrzehnten die gleiche. Es geht um Eingriffe, die ohne wirkliche medizinische Notwendigkeit gemacht werden, sondern einfach nur deswegen, weil es sich für das Spital finanziell lohnt, und die bei Müttern (und evt. auch den Kindern) zu traumatischen Erlebnissen führen, welche möglicherweise sogar die Mutter-Kind-Bindung nachhaltig negativ beeinflussen.

Promille statt Prozent

Liebe Leser,

leider hat sich die Autorin hier geirrt - es sind natürlich Promille nicht Prozent.

Anbei finden Sie zwei Quellen zur perinatalen Mortalität in Deutschland:
http://bit.ly/eFBICn
http://bit.ly/fJ9jy7 (PDF)

Die Zahl fällt tatsächlich relativ hoch aus, weil nach der Änderung des Personenstandsgesetztes von 1993 seit 1994 auch Totgeburten mit einem Gewicht zwischen 500 und 1000 Gramm ins Sterberegister aufgenommen und daher mitgezählt werden.

Herzliche Grüße aus der Wissenschaftsredaktion.