Wenn Eva Neumann an die Geburt ihres Sohnes zurück denkt, kommen ihr die Tränen: Gut sieben Stunden hatte sie in den Wehen gelegen, als ihr vom Arzt im Kreißsaal ein Kaiserschnitt nahegelegt wurde. Das Baby sei so groß, dass eine Spontangeburt schwierig werden würde, die Gefahr eines schlimmen Dammrisses sei erheblich.

Eva Neumann willigte ein – obwohl sie noch im Geburtsvorbereitungskurs auf das Bild, das sie und ihr Mann für die Geburt gemalt hatten, in großen Buchstaben geschrieben hatte "kein Kaiserschnitt!!!". "Schon mein erster Sohn wurde per Kaiserschnitt geholt, weil seine Herztöne schlechter wurden", erklärt sie, "das war für mich traumatisch. Ich konnte ihn nach der Geburt nicht versorgen und habe mich im Grunde wie eine Versagerin gefühlt. Dieses Gefühl ist jetzt wieder da."

Eva Neumann hatte sich wie die meisten Schwangeren eine natürliche Geburt ohne Eingriffe gewünscht. Doch wie die meisten Frauen hat sie die nicht bekommen: Weit unter zehn Prozent der Frauen in Deutschland bringen ihre Kinder ohne medizinische Eingriffe zur Welt. Zu diesem Ergebnis kam Clarissa Schwarz, Professorin für Hebammenkunde an der Hochschule für Gesundheit in Bochum nach der Auswertung eines Forschungsprojekts schon im Jahr 2004. "Damals waren es 6,7 Prozent. Man kann davon ausgehen, dass die Zahlen heute noch geringer sind", sagt sie.

Doch wie kommt es, dass Frauen, deren Wunsch es ist, ihr Kind natürlich zur Welt zu bringen, fast zwangsläufig am Wehentropf und im Extremfall auf dem Operationstisch landen? "Wir sprechen dabei von einer Interventionskaskade, die meist schon bei der Aufnahme im Krankenhaus beginnt", sagt Clarissa Schwarz.

Die meisten Frauen kämen aus Unsicherheit zu früh in die Klinik. Anstatt sie nach Hause zu schicken, würden die Kliniken sie dann meist stationär aufnehmen. "Ab diesem Moment geht es vor allem darum, die Geburt so effizient und zeitsparend wie möglich über die Bühne zu bringen. Und wenn einmal in den Geburtsverlauf eingegriffen wurde, folgen fast zwangsläufig weitere Eingriffe", sagt die Wissenschaftlerin.

Wenn Wehenmittel gegeben werden, lösen diese häufig so heftige Wehen aus, dass die Frauen gegen die Schmerzen eine Periduralanästhesie (PDA) bekommen. Doch diese Betäubung entspannt den Mutterleib vollkommen. Die Folge: Das Kind kann sich nicht richtig in den Geburtskanal bewegen. Und wenn es einmal stockt, kommen schnell Saugglocke oder Zange zum Einsatz, was zu bösen Dammrissen führen kann.

Wissenschaftler wissen inzwischen auch, dass Geburtseinleitungen das Risiko für Nachblutungen verdoppeln. Im Extremfall wird die natürliche Geburt ganz abgebrochen: In zehn Prozent der Fälle enden natürlich begonnene Geburten wie im Fall von Eva Neumann mit einer Sectio, einem Kaiserschnitt. Ebenso hoch ist die Rate geplanter Kaiserschnitte. Auch wenn immer wieder vom Trend zum Wunschkaiserschnitt gesprochen wird: Befragungen zeigen, dass weniger als fünf Prozent der Frauen eine Schnittentbindung wollen.