Würden Sie heute jemandem glauben, der sagt: Radioaktiv belastete Lebensmittel und Frachtgüter aus Japan sind keine Gefahr für Europa? Ein klares Ja wird wohl kaum jemandem über die Lippen kommen. Da können Strahlenschützer, Verbraucherministerinnen und die EU-Kommission noch tausend Mal beteuern, ein Gesundheitsrisiko sei ausgeschlossen. Die Verunsicherung ist groß dank Halbwahrheiten, Heimlichkeiten und bürokratischen Totalaussetzern.

Erst wenige Tage ist es her: Am 25. März hat die EU ohne viel Aufhebens de facto den radiologischen Notstand erklärt : Seither gelten zunächst bis zum 30. Juni neue Strahlungsgrenzwerte für importierte Lebens- und Futtermittel aus Japan. Plötzlich darf das Kilo Fleisch, Fisch oder Pilze aus Japan nicht mehr nur mit 600 Bequerel radioaktiv belastet sein, sondern mit 1250 Bequerel. Milch darf importiert werden, die nicht mehr unter 370 Bequerel das Kilo aufweist, sondern bis zu 1000 Bequerel. Fischöle und Gewürze dürfen gar mehr als 20 Mal höher belastet sein als bislang. Das Absurde daran: Japans Grenzwerte für eben diese Produkte sind deutlich geringer: Milch (200 Bq/kg), sonstige Lebensmittel (500 Bq/kg). Soll hier aus wirtschaftlichen Interessen heraus kontaminierte Fracht nach Europa importiert werden?

Ein "Skandal" krähen die Lebensmittelwächter, wie auch die Grünen-Fraktionschefin im Europaparlament, Rebecca Harms. Und warum das Ganze? Die EU-Kommission sah sich genötigt, eine Notverordnung in Kraft zu setzen, die seit 1987 in Brüssel Staub angesetzt hat. Entstanden nach dem GAU von Tschernobyl im Jahr 1986, schreibt sie neue Grenzwerte für radioaktive Strahlung in der Nahrung vor. Schließlich könnte es nach einem nuklearen Unfall in Europa  Lebensmittelknappheit geben.

In der jetzigen Situation ist die Eilverordnung verheerend. Nicht nur, dass in Europa weder ein radiologischer Notstand noch eine Lebensmittelkrise drohen. Niemand wird mehr glauben, dass weder die alten noch die neuen Grenzwerte jenseits jeglicher Gesundheitsgefahr liegen. Selbst wenn dem so ist . Hinzu kommt, dass Europa gerade einmal 0,1 Prozent seiner Nahrung aus Japan bezieht. Gleiches gilt allein für Deutschland . Damit nicht genug: Eingeführt werden vor allem rare Spezialitäten wie Pilze, Gewürze, Saucen, Tees und Spirituosen. Die EU-Verordnung richtet sich aber eigentlich nach Grenzwerten, die selbst dann ein gesundheitliches Risiko niedrig halten, wenn die komplette Nahrung eines Menschen von einer Strahlenbelastung betroffen wäre. Doch wer ernährt sich allein von japanischen Pilzen?

Die Bürokraten in Brüssel haben den unfassbaren Fehler gemacht, ihr Vorgehen nicht zu erklären. Denn im Grunde ist die Verordnung dazu da, vorsorgliche Strahlenmessungen juristisch abgesichert überhaupt erst in europäischen Ländern einzuführen. Ohnehin hat sich Japan verpflichtet, ausgehende Güter zu prüfen, nun werden sie auch hier noch einmal untersucht. Zu fürchten, dass hochradioaktiv verseuchte Fracht in Europa anlandet, ist absurd. Und die EU hat eigentlich Besseres zu tun, als genau diese Angst zu schüren.

Dieser Schaden ist unumkehrbar und zerstört jeden Funken Glaubwürdigkeit. Und während in Europa Panik und Verunsicherung vorangetrieben werden, gerät ins Hintertreffen, dass die Japaner sich im radiologischen Notstand befinden. Dort könnten noch viele Ackerflächen langfristig kontaminiert sein, Lebensmittel werden vorsorglich verboten, Ernten vernichtet.

Europa leistet sich unterdessen den hysterischen Ausnahmefall, ihn zu befeuern ist der eigentliche Skandal. Das gilt für die EU-Kommission ebenso wie für Verbraucherschützer, die suggerieren, verstrahlte Nahrung werde die Märkte überschwemmen.