Wie der Tag laufen wird, kann Christina Wegener* schon einschätzen, wenn ihr Sohn die Treppe hinunterkommt. Wirklich leise ist der 12-jährige Tobias dabei nie, ohne Pfeifen oder Singen geht es nicht. "Aber wenn er schreit und brüllt und in der Küche schon nach fünf Minuten den ersten Wutanfall hinlegt, weiß ich, es wird anstrengend."

Tobias leidet an ADHS, der Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung. Nach Einschätzung der Bundesärztekammer teilt er dieses Schicksal mit bis zu fünf Prozent der Kinder eines Jahrgangs. Die Störung führt dazu, dass Tobias leicht ablenkbar ist, sich nur schlecht konzentrieren und noch schlechter seine Impulse steuern kann. "Im Grunde ist er den ganzen Tag hibbelig", sagt seine Mutter, "und kann Misserfolge nur ganz schwer aushalten, ohne aggressiv zu werden."

Dass ihr Sohn anders ist als andere Kinder, ahnte sie früh – mit der Diagnose ADHS lebt die Familie seit drei Jahren. Und mit Medikamenten: Tobias nimmt täglich Concerta, eine Psychostimulanz mit dem Wirkstoff Methylphenidat, dessen Verschreibung in Deutschland streng geregelt ist. Rund ein Drittel der Kinder, bei denen ADHS diagnostiziert wurde, wird hierzulande medikamentös behandelt. Auch Medikinet und Ritalin sind Mittel mit dem Wirkstoff Methylphenidat.

Immer wieder veränderte der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) in den vergangenen Jahren die Richtlinie zur Verordnung solcher ADHS-Medikamente. "Zum Schutz von Kindern" sei sie noch strenger gefasst worden, teilte das Gremium im vergangenen September mit. Seither dürften nur noch Spezialisten für Verhaltensstörungen bei Kindern und Jugendlichen die Mittel verordnen und das auch nur nach umfassender Diagnose.

Die Bundespsychotherapeutenkammer begrüßte die Entscheidung. Damit habe der G-BA der "fahrlässigen Verordnung von Ritalin & Co einen Riegel vorgeschoben". Denn Mediziner fürchten, dass Kindern in Deutschland zu häufig Psychopharmaka verschrieben werden, ohne dass eine umfassende Untersuchung stattgefunden hat und sanftere Therapieformen erwogen wurden. Das soll sich durch den G-BA-Beschluss ändern. Hausärzte dürfen die Medikamente seit Ende 2010 nicht mehr verschreiben.

Im März hatte die Techniker Krankenkasse Zahlen veröffentlicht, wonach die Vergabe von ADHS-Medikamenten an Sechs- bis 18-Jährige in den Jahren 2006 bis 2009 um mehr als ein Drittel angestiegen sei. Doch nicht jedes auffällige Kind leide an ADHS und auch die, die es täten, würden nicht in jedem Fall Medikamente benötigen, sagte TK-Sprecherin Nicole Ramcke. "Manchmal reicht es schon aus, ein Kind in der Schule vom Fenster in die erste Reihe zu holen, damit es nicht ständig abgelenkt wird." Auch Ergotherapien oder das Erlernen von Methoden zum Spannungsabbau könnten sinnvoll seien. Medikamente seien ausschließlich als Teil eines umfassenden Behandlungsprogramms zugelassen, zum Beispiel in Verbindung mit einer Verhaltenstherapie oder pädagogischen Maßnahmen. Im Rahmen dieser Behandlung sollten auch Eltern, Geschwister und Lehrer mit einbezogen werden. 

Vorschläge, über die Christina Wegner nur müde lächeln kann. Für die Mutter des ADHS-kranken Tobias hat der Beschluss, Kindern in Deutschland weniger Psychopharmaka zu verschreiben, ganz handfeste Schattenseiten. "Wir haben alles probiert, vom Elterntraining für mehr Strukturen im Alltag über einen Kurs zur Lebensorganisation. Mein Sohn war schlicht nicht in der Lage, mit anderen Menschen umzugehen und auf sich zu achten. Ihn hat nie interessiert, wo seine Grenzen waren – für Tobias war eigentlich immer erst spannend, was hinter diesen Grenzen kommen würde. Damit kann man keinen Schulalltag bewältigen." Das Medikament ermögliche es Tobias, sich selbst zu ertragen. "Natürlich war ich auch anfangs dagegen, ihm Psychopharmaka zu geben. Ich wollte keine Mutter sein, die ihr schwieriges Kind ruhig stellt. Aber ich wollte eine Mutter sein, die es ihrem Sohn ermöglicht, am Leben teilzuhaben."

Ganz lösen konnten auch Medikamente Tobias' Schwierigkeiten nicht. Trotz Concerta habe er noch immer Konzentrationsprobleme und sei gelegentlich aggressiv. "Aber jetzt hat er Freunde und nicht mehr diese Wutanfälle, bei denen wir dachten, er würde gleich sich oder uns etwas antun." Den G-BA-Beschluss findet Tobias Mutter überflüssig – schon allein deswegen, weil sie jetzt nicht wie gehabt zum Hausarzt der Familie gehen kann, um ein neues Rezept für Tobias abzuholen.

Seither pendelt sie zwischen der Kinderpsychotherapeutin, die Tobias ohnehin betreut, und einem neuen Kinderarzt hin und her, um das Medikament zu bekommen. Dass nach dem Willen der Politik Medikamente künftig nur der letzte Schritt bei der ADHS-Behandlung sein sollen, sei zwar gut gemeint: "Aber es ist nicht umsetzbar. Tobias war zu Therapien erst wirklich in der Lage, nachdem er durch das Methylphenidat stabilisiert worden war."