ZEIT ONLINE : Herr Karch, seit vergangenem Freitag mehren sich rasant Meldungen über Menschen, die sich mit dem Darmbakterium Enterohämorrhagische Escherichia coli (Ehec) infiziert haben. Zudem nehmen die Erkrankungen einen besonders schweren Verlauf , derzeit leiden mehr als 40 Personen am hämolytisch-urämischen Syndrom (HUS), das zu Blutarmut und Nierenversagen führt und in Einzelfällen sogar tödlich enden kann. Wie schätzen Sie die Lage ein?

Helge Karch : Ich erforsche das Krankheitsbild seit fast 30 Jahren, aber so etwas habe ich noch nie erlebt. Normalerweise sind solch schwere Verläufe extrem selten. Das Ausmaß hat mich schon erschüttert.

ZEIT ONLINE : Was ist an diesem Ehec-Ausbruch so besonders? In den vergangen Jahren sind immer wieder Menschen nach einer Infektion an dem Erreger erkrankt, jährlich schwanken die gemeldeten Fälle zwischen 900 und 1200.

Karch : In Deutschland hatten wir bisher zahlreiche Ausbrüche vor allem bei Kindern mit einem Durchschnittsalter von etwa drei Jahren. Nun sind vor allem Erwachsene erkrankt, darunter überwiegend Frauen. Das allein ist schon sehr ungewöhnlich. Hinzu kommt der rasche Anstieg der Zahl der Erkrankten und die Schwere. Bereits bei mehreren Patienten kam es zu blutigen Entzündungen, und es mussten Teile des Dickdarms entfernt werden. Die Menschen, die derzeit akut erkrankt sind, werden mit Dialyse und Blutreinigung behandelt. Folgeschäden der Nieren und Bluthochdruck durch zum Teil zerstörte Gefäße sind wahrscheinlich.

ZEIT ONLINE : Wie löst der Keim derartige Erkrankungen aus?

Wie gefährlich ist der Erreger, der lebensgefährliche Darmerkrankungen auslösen kann? Was sie über Ehec wissen sollten. © Christian Charisius/dpa/lno

Karch : Das Besondere an Ehec-Erregern ist, dass sie Giftstoffe produzieren, die die innere Wand von Gefäßzellen angreifen. Diese Shigatoxine allein können einen derart schweren Ausbruch jedoch nicht verursachen. Bislang kennen wir in Deutschland 42 Stämme. Ich vermute, dass wir es mit einem neuen Typ Ehec-Bakterien zu tun haben. Die aktuellen Krankheitsverläufe sind so aggressiv, mit zerstörten Darmschleimhäuten und Blutgerinnseln in Nieren- und Hirngefäßen, dass der Erreger wohl einen besonderen Giftcocktail mitbringt. Antibiotika helfen gegen Ehec-Bakterien wenig, wenn sich die Erreger in einer losen Schleimschicht im Darm eingenistet haben. Im Gegenteil kann die Gabe von Antibiotika mitunter die Toxinproduktion sogar erhöhen.

ZEIT ONLINE : Woran merke ich, ob ich mich infiziert habe?

Karch : Sobald sich der Erreger im Körper befindet, kommt es nach etwa zwei bis drei Tagen zu wässrigen Durchfällen. Nach weiteren zwei bis drei Tagen scheiden etwa 60 Prozent der Erkrankten blutigen Stuhl aus. Zudem leiden sie an Unterleibsschmerzen. Erst eine Woche nach Beginn der Durchfälle beginnt das eigentliche hämolytisch-urämische Syndrom. Dann folgt Nierenversagen, wenn Patienten kein Wasser mehr lassen können.