Wie gefährlich ist der Erreger, der lebensgefährliche Darmerkrankunegn auslösen kann? Was sie über Ehec wissen sollten © Christian Charisius/dpa/lno

Seit 1982 ist der Darmkeim Ehec bekannt. Damals hatten sich 47 Menschen in den US-Bundesstaaten Oregon und Michigan mit einer aggressiven Variante des Darmbakteriums Escherichia coli angesteckt. Die Betroffenen hatten nicht durchgebratene Burger bei McDonald's gegessen. Zu dem bislang schwersten Ausbruch kam es 1996 in Japan, wo sich in einem Sommer Tausende Schulkinder über verunreinigte Rettichsprossen infizierten.

Seither kam es weltweit immer wieder zu einzelnen Ausbrüchen der Darminfektion. Seit der zweiten Maiwoche 2011 verbreitet sich eine Variante des Keims in Deutschland . Die Fälle traten zunächst vor allem in Norddeutschland auf. Andere Bundesländer und Fälle im Ausland folgten.

Wissenschaftler hatten wenige Tage nach dem Ausbruch Ehec-Keime auf Salatgurken aus Spanien entdeckt. Diese sind aber nicht die Quelle des Ausbruchs. Seit dem 5. Juni stehen Sprossen aus einem Betrieb im Landkreis Uelzen unter Verdacht. Die Vertriebswege der Restaurants, deren Gäste sich vermehrt mit Ehec infiziert hatten, brachten die Gesundheitsbehörden auf diese Spur. Der Darmkeim stammt ursprünglich aus dem Darm von Rindern . Noch ist unklar, wie der Keim in die Sprossenzucht gelangt sein könnte. Gedüngt werden die Keimlinge nicht.

Klicken Sie auf das Bild, um die Infografik als PDF herunterzuladen. © Helen Gruber

Bislang sind mindestens 20 Menschen an den Folgen einer Ehec-Infektion gestorben. Die Zahl der Infektionen und Verdachtsfälle stieg auf über 500 an. Wissenschaftler rechnen mit einer höheren Dunkelziffer, da nicht alle Infizierten schwer krank werden und zum Arzt gehen. Der inzwischen genetisch entzifferte Erreger verursacht besonders schwere Durchfälle und führt häufiger als andere Ehec-Keime zum hämolytisch-urämischen Syndrom (Hus), bei dem die Niere versagt und bei etwa der Hälfte der Betroffenen neurologische Störungen auftreten.

Dies sind die Antworten auf die drängenden Fragen:

Was ist Ehec?

Im menschlichen Darm wimmelt es von Mikroorganismen und Bakterien. Das ist nicht ungewöhnlich. Viele Keime unterstützen möglicherweise die Verdauung von Nahrung oder die Abwehr von Krankheitserregern. Sehr häufig sind Escherichia coli im Darm zu finden. 

Ehec-Bakterien – die Abkürzung steht für enterohämorrhagische Escherichia coli – hingegen bilden einen mitunter gefährlichen Stamm von E. coli . Sie können Giftstoffe, vor allem das Shigatoxin, produzieren. Nisten sich solche Keime im Darm ein, etwa in der Schleimhaut, dringt das Gift in die Zellen der inneren Darmwand ein und zerstört Gefäße. In Deutschland sind derzeit 42 Stämme des Ehec-Erregers bekannt. Besonders gefährlich sind Bakterien, in deren Erbgut sich eine bestimmte Gengruppe (Pathogenitätsinsel) finden lässt. Die darin vorhandenen Erbinformationen beschreiben eine Art Injektionsapparat, mit dem der Erreger sein Gift in die Darmzellen überträgt.

Wer ist aktuell von der Erkrankung betroffen?

Der Darminfekt verläuft bei den jetzt Infizierten sehr ungewöhnlich. Normalerweise erkranken vor allem Kleinkinder im Alter von durchschnittlich drei Jahren. Schwere Krankheitsverläufe sind sehr selten. Derzeit sind aber vor allem Erwachsene betroffen, zu 70 Prozent Frauen. "Hinzu kommt der rasche Anstieg der Zahl der Erkrankten und die Schwere", sagte der Hygienik-Professor von der Universität Münster , Helge Karch, im Interview mit ZEIT ONLINE . Das Ausmaß mache ihm Sorgen: "Die Krankheitsverläufe sind so aggressiv, dass der Erreger wohl einen besonderen Giftcocktail mitbringt."

Was sind die Symptome einer Erkrankung?

Wer sich mit Ehec-Bakterien infiziert, muss nicht zwangsläufig erkranken. Verläuft die Erkrankung schwer, leiden die Patienten neben Bauchschmerzen und Übelkeit an wässrigem Durchfall. Zwei Drittel der Erkrankten scheiden blutigen Stuhl aus. Im schlimmsten Fall führen die Giftstoffe im Darm zum HU-Syndrom: Dabei treten blutige Entzündungen der Darmschleimhaut auf, die für die Blutgerinnung notwendigen Thrombozyten verringern sich, Giftstoffe sammeln sich im Körper, Gefäße werden zerstört. Bis zu zehn Prozent der nach einer Ehec-Infektion erkrankten Patienten entwickeln diese Komplikation. Sie kann tödlich verlaufen oder auch zu einer dauerhaften Nierenschädigung führen – die eine lebenslange Dialyse notwendig macht. Die Sterberate liegt in dieser Akutphase bei zwei Prozent der Betroffenen.

Warum ist Ehec so ansteckend?

Es dauert relativ lange von der Ansteckung bis zum Ausbruch (Inkubationszeit) nämlich drei bis zwölf Tage. Daher kann sich der Keim zunächst unbemerkt verbreiten. Infektionen erfolgen immer über den Mund. Schon die Aufnahme von vergleichsweise wenigen Bakterien reicht aus, um einen Menschen anzustecken: Weniger als 100 Ehec-Keime, die bis in den Darm gelangen, können bereits zur Erkrankung führen.

Woher kommen diese Bakterien?

Der natürliche Lebensraum der Erreger ist der Darmtrakt infizierter Tiere, die selbst aber nicht erkranken. Ehec ist besonders oft in Rindern zu finden, lebt aber auch im Darm von Schafen und Ziegen sowie in Wildtieren. Die Tiere scheiden mit ihrem Kot auch den Erreger aus, der lange außerhalb des Körpers überlebensfähig ist.