Sozialpsychologie Wer verzeiht, besiegt negative Gefühle
Verzeihen gilt als selbstlos und als fromme Tugend. Aber versöhnliches Verhalten hilft vor allem dem, der sich dazu durchringt.
Womöglich sind es die Stachelschweine, denen Christian Schwennen sein Thema verdankt. Der Sozialpsychologe von der Ruhr-Universität Bochum stieß bei der Lektüre der Fachzeitschrift Personal Relations auf die Tiere. Dort berichtete sein US-Kollege Frank Fincham über den "Kuss der Stachelschweine". Schwennen erzählt noch heute beeindruckt von dem Bild, das Fincham zeichnete: "In der eiskalten Nacht rücken die Tiere aneinander und können nicht anders, als sich mit ihren Stacheln zu pieksen. Dann rücken sie auseinander, weil sie verletzt sind. Doch sie müssen wieder zusammenkommen, um die Nacht überleben zu können. Sie müssen sich immer wieder verzeihen, weil sie die Wärme brauchen."
Schwennen stellte fest, dass das Thema in der Sozialpsychologie noch wenig erforscht war, obwohl es doch für unser Zusammenleben immens wichtig ist. "Auch Menschen verletzen einander, das ist die Realität in einer unvollkommenen Welt", sagt er.
Einer der wenigen, die das als "weich" oder gar "fromm" geltende Thema bis dahin wissenschaftlich ernst genommen hatten, war der Psychologe Robert Enright von der Uni in Wisconsin-Madison, Verfasser des Buches Vergebung als Chance. Enright und seine Arbeitsgruppe konnten zeigen, dass Verzeihen heilend wirkt. Frauen, die die Erfahrung sexuellen Missbrauchs gemacht hatten, aber auch Männer, über deren Kopf hinweg die Partnerinnen über einen Schwangerschaftsabbruch entschieden hatten, wurden in einem von Enright entworfenen Programm des Schritt-für-SchrittVergebens unterwiesen. Ihre psychische Gesundheit war danach besser als die der Kontrollgruppe.
Das englische Verb "to forgive", das seine US-Kollegen Fincham und Enright benutzen, übersetzte Schwennen bewusst mit verzeihen, nicht mit vergeben. Zunächst deshalb, weil das Wort vergeben im Deutschen mehrere Bedeutungen hat: Nicht nur Fehler, sondern auch Arbeitsplätze, Noten oder Elfmeter können vergeben werden. "Dazu kommt als zweiter Grund, dass der Begriff des Vergebens schon von den Theologen besetzt ist", sagt Schwennen.
Verzeihen also. Zunächst innerhalb der engsten zwischenmenschlichen Beziehungen. "Wir Psychologen versuchen ja, Ratschläge dafür zu geben, wie man Partnerschaften gestalten sollte. Das Verzeihen ist ein wichtiger Aspekt, der bisher in unserer Wissenschaft vergessen wurde." Die Stachelschweine behielt Schwennen dabei immer im Kopf.
Liebende sind verletzlich, weil sie sich öffnen und ihre innersten Wünsche und Geheimnisse preisgeben. Der Partner kann den anderen an schwachen Punkten treffen. Er könnte ausplaudern, was er weiß, und den anderen bloßstellen. Er könnte die gewünschte und meist ausdrücklich versprochene Exklusivität der Beziehung durch eine Form des "Fremdgehens" infrage stellen. Seitensprünge und Situationen, die zu starker Eifersucht führen, werden in Schwennens Befragungen meist als Ursache besonders schwerwiegender Verletzungen genannt.
Dass die engsten Angehörigen zugleich die Quelle der erfreulichsten und der belastendsten Ereignisse sind, nennt Schwennen ein zwischenmenschliches Paradox. Tatsächlich hat eine Befragung von 3000 Briten gezeigt, dass der Auslöser der negativsten Gefühle, die der vorherige Tag ihnen gebracht hatte, immer ein Familienmitglied war.
Schwennen will herausfinden, welche Rolle die Persönlichkeit spielt, wenn es darum geht, wie leicht oder schwer man sich mit dem Verzeihen tut. Persönlichkeitsmerkmale sind etwas relativ Stabiles, man kann sie nicht schnell und einfach verändern. Gibt es also Personen, die eher zum Verzeihen neigen? "Selbstsichere, gefestigte Menschen verzeihen relativ leicht, während sich emotional instabile Personen damit eher schwertun", berichtet der Psychologe. Auch wer besonders gewissenhaft und besonders extrovertiert ist, verzeiht schneller.
- Datum 11.05.2011 - 08:07 Uhr
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Die Erforschung des Verzeihens ist sicher sinnvoll. Es ist allerdings befremdend, dass das Ganze an einer abgekupferten Parabel aufgehängt wird. Mit deren biologischem Wahrheitsgehalt ist es dummerweise auch nicht weit her. Schade.
Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich mit eigenen Beiträgen an der Diskussion. Die Redaktion/cs
... dem hier ein "neumodisches Kleidchen" verpasst wird.
Einfach mal über "Vergebung der Sünden" nachdenken...
Gruß,
Joe
Ich lese hier immer wieder, wie gut sich Menschen fühlen, nachdem der ObL abge ... ins Jenseins überführt wurde.
Bite kehren Sie zum Thema des Artikels zurück. Die Redaktion/cs
Jeder Streit löst unangenehme Gefühle in uns aus, weil wir etwas für unser seelisches Wohlbefinden Unverdauliches schlucken müssen. Je nach Schwere der seelischen Verletzungen "kotzen" wir diese "Unverdaulichkeit für die Seele, unsere Harmonie" in Form von dazu korrespondierender erheblicher negativer Energie wie Vorwürfen, Zorn, Wut,Rache,Vergeltung wieder hinaus.
Gerade der Gedanke auf Vergeltung bindet erhebliche Zeit und negative Energie in uns selbst. So wirken bereits vergangene Ereignisse in unsere Gegenwart und auch in unsere Zukunft und behindern uns selbst wiederum außerordentlich negativ in unserer seelsischen Harmonie, denn unsere eigentlichen Bedürfnisse und Gefühle nach einem harmonischen Gleichgewichtszustand werden ja nicht befriedigt.
Insofern ist es besser, dem anderen zu vergeben, zu verzeihen, statt zu vergelten, denn man selbst leidet ja auch selbst weiter.
Es ist besser, dem anderen seine Wünsche und Gefühle mitzuteilen, über die seelischen Verletzungen zu sprechen, statt weiter Vorwürfe zu erheben oder auf Vergeltung zu sinnen.
Vorwürfe sind nichts anderes als versteckte Wünsche und Gefühle von einem selbst und von anderen. Das ist die Paradoxie des Handelns. Das Gewünschte verbirgt sich als Umkehrung hinter dem Unerwünschten.
Wer dieses "herausfühlt", lebt zufriedener.
Ich bin ganz Ihrer Meinung! Wichtig ist das Verzeihen in erster Linie für einen Selbst! Hierzu finde ich es ausserordentlich bedeutend und "heilsam" (und daher erwähnenswert) zu erkennen, dass es für das Verzeihen nicht den direkten Kontakt zu dem Betreffenden bedarf! Dies ist wichtig für lang mitgeschleppte Belastungen! Sei es, es betrifft bereits Verstorbene oder Menschen, mit denen aus anderen Gründen kein Kontakt möglich/gewollt ist!
Beste Grüße
Ich bin ganz Ihrer Meinung! Wichtig ist das Verzeihen in erster Linie für einen Selbst! Hierzu finde ich es ausserordentlich bedeutend und "heilsam" (und daher erwähnenswert) zu erkennen, dass es für das Verzeihen nicht den direkten Kontakt zu dem Betreffenden bedarf! Dies ist wichtig für lang mitgeschleppte Belastungen! Sei es, es betrifft bereits Verstorbene oder Menschen, mit denen aus anderen Gründen kein Kontakt möglich/gewollt ist!
Beste Grüße
find ich gut, dass das Thema mal wieder angeschnitten wird!
Ich find's auch traurig, dass ich nicht miterleben dürfte, wie Religion und Wissenschaft zusammenarbeiten. Ich glaube in der Konstellation konnten viele Geheimnisse "gelüftet" werden.
Liebe Redaktion, leider hat der Tagesspiegel einen Fehler im Text: Berlin-Teltow geht nicht. Teltow liegt in Brandenburg, vor den Toren Berlins.
Bitte ändern.
Lieber Leser,
diesen Fehler habe ich leider persönlich in den Text vom Tagesspiegel eingebaut, da ich für die Nicht-Berliner wie mich deutlicher machen wollte, wo Teltow ist... Dabei habe ich mir eingebildet, zu wissen, dass es zu Berlin gehört. Nun weiß ich es besser. Der Fehler wurde korrigiert.
Herzliche Grüße.
Lieber Leser,
diesen Fehler habe ich leider persönlich in den Text vom Tagesspiegel eingebaut, da ich für die Nicht-Berliner wie mich deutlicher machen wollte, wo Teltow ist... Dabei habe ich mir eingebildet, zu wissen, dass es zu Berlin gehört. Nun weiß ich es besser. Der Fehler wurde korrigiert.
Herzliche Grüße.
Ich bin ganz Ihrer Meinung! Wichtig ist das Verzeihen in erster Linie für einen Selbst! Hierzu finde ich es ausserordentlich bedeutend und "heilsam" (und daher erwähnenswert) zu erkennen, dass es für das Verzeihen nicht den direkten Kontakt zu dem Betreffenden bedarf! Dies ist wichtig für lang mitgeschleppte Belastungen! Sei es, es betrifft bereits Verstorbene oder Menschen, mit denen aus anderen Gründen kein Kontakt möglich/gewollt ist!
Beste Grüße
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