Arzneimittelreport Gefährliche Therapie für Demenz- und Suchtkranke
Alzheimer-Patienten werden teilweise nur mit Tabletten ruhig gestellt, Alkoholiker erhalten süchtig machende Schlafmittel. Das ergab ein Krankenkassenbericht.
Altersverwirrte werden in Heimen mit Medikamenten ruhig gestellt, obwohl sich dadurch ihr Sterberisiko erhöht. Alkoholiker erhalten häufig süchtig machende Schlafmittel, obwohl jeder Arzt wissen müsste, dass dies grundfalsch, gefährlich und oft sogar der Grund für einen Rückfall in die Alkoholabhängigkeit ist. Und Frauen bekommen vorzugsweise moderne Antibabypillen verschrieben, die nicht nur teurer als die bisherigen Präparate sind, sondern bei gleicher Wirksamkeit auch ein mehr als doppelt so hohes Risiko für einen gefährlichen Gefäßverschluss bergen.
Drei besonders krasse Fälle von "Fehlversorgung" im deutschen Gesundheitssystem, aufgelistet im neuen Arzneimittelreport der BarmerGEK. Der Bremer Gesundheitsökonom Gerd Glaeske, der die Daten von rund neun Millionen Versicherten ausgewertet hat, nennt die Befunde "bestürzend" und "besorgniserregend". Es handle sich schließlich nicht nur um die Verschwendung von Geld, sondern auch um eine massive "Belastung und Gefährdung von Patienten".
Beispiel Demenzkranke: Nach Glaeskes Befund erhalten sie sechsmal häufiger Beruhigungsmittel als Patienten ohne Demenz. Jeder dritte Altersverwirrte bekam im fraglichen Zeitraum mindestens eine entsprechende Verordnung. Und je höher die Pflegestufe, desto größer die Menge der verabreichten Pillen. Dabei ist bekannt, dass die Neuroleptika bei Altersverwirrten das Sterblichkeitsrisiko um das 1,6- bis 1,7-Fache erhöhen. Offenbar, so mutmaßt Glaeske, sei ein Grund auch darin zu suchen, dass es den Heimen an Pflegekräften fehle.
Ähnlich Beunruhigendes lasse sich konstatieren, wenn man sich die Zahl der mit Magensonden versorgten Heimbewohner ansehe – schließlich sei das einfacher, als die hinfälligen Menschen zu füttern. Es handle sich aber um "Entwicklungen, die mit Menschenwürde und angemessener Versorgung nicht in Einklang zu bringen" seien, konstatiert der Experte. Studien zeigten, dass man den alten Menschen 20 bis 30 Prozent weniger Beruhigungsmittel geben könne, wenn die Pflege entsprechend sei. Indiziert seien Neuroleptika nur bei der Neigung zu Selbstgefährdung oder Gefährdung anderer, nicht aber zur Behandlung von Personalmangel.
Beispiel Alkoholkranke: Hunderttausende bekommen von ihren Ärzten starke Schlafmittel verordnet, die ihnen das Risiko einer zusätzlichen Suchtkrankheit bescheren. Von den Versicherten, denen Alkoholabhängigkeit diagnostiziert wurde, erhielten dem Report zufolge knapp 12 Prozent der Männer und mehr als 18 Prozent der Frauen sogenannte Benzodiazepine auf Rezept – oft schon im klinischen Alkoholentzug, mitunter auch danach. Dabei handle es sich um einen klassischen ärztlichen "Kunstfehler", sagt Glaeske. Die Mittel seien wegen ihres eigenen Suchtpotenzials ebenso wie wegen der Verstärkung von Sturz- und Unfallgefahren, unter denen Alkoholkranke ohnehin schon litten, "das völlig falsche Mittel". Als Alternative stünden auch Antidepressiva zur Verfügung, bei denen keine Suchtgefahr bestehe.
Er könne das Verordnungsverhalten der Ärzte bei diesen Patientengruppen nicht verstehen, sagt der Arzneiexperte. Möglicherweise habe ein Kollege recht mit seiner Klage, dass sich viele Ärzte nur ungern in Fachliteratur vertieften "und schon gar nicht in englischsprachige". Dringend nötig sei es zudem, "endlich zu einer industrieunabhängigen Ärztefortbildung zu kommen".
Die Deutsche Hospiz Stiftung nennt es einen "Skandal", Demenzkranke mit risikobehafteten Medikamenten zu versorgen. "Ruhig stellen, satt und sauber ist keine Lösung", sagt Geschäftsführer Eugen Brysch. Der Report zeige, unter welcher eklatanten Fehlversorgung Altersverwirrte litten. Es müsse "umgehend" sichergestellt werden, wie bis 2020 eine umfassende Versorgung von Demenzpatienten gelingen könne.
- Datum 16.06.2011 - 14:38 Uhr
- Quelle Tagesspiegel
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Das kann es doch nicht sein, hier wird beim Beispiel der Demenzkranken mal wieder auf die mangelhafte Versorgung in Pflegeheimen hingewiesen. Zuerst einmal möchte ich feststellen, dass es "Essen anreichen" heißt und nicht "füttern". Zum Thema Beruhigungsmittel und Demenzkranke sage ich nur soviel, wer beurteilt von der schreibenden Zunft oder von den Krankenkassen, ob die Medikamente nicht angebracht waren odeer sind. Haben Sie schon einmal einen Dementen Menschen erlebt, der völlig in Panik verfallen ist, oder so unruhig, dass er am Beben ist? Auch sterben Demente nicht an Neuroleptika. Auch frage ich, wieviele der nicht in Pflegeheimen unter gebrachten Dementen werden zuhause eingesperrt? Zu den Nahrungssonden: wenn ein Bewohner nicht mehr trinkt, weil er es nicht mehr kann oder will, finde ich es human , das Flüssigkeitsdefizit auf diese Weise auszugleichen (das geht auch nachts, wenn der Bewohner schläft). Ebenso ist eine Nahrungssonde legitim, wenn ein Bewohner nicht mehr essen möchte. Wir sprechen hier von Dementen. Wenn Kinder verhungern schreit jeder, wie qualvoll dies ist. Glauben Sie bei einem alten Menschen ist das weniger schrecklich?
"Dringend nötig sei es zudem, 'endlich zu einer industrieunabhängigen Ärztefortbildung zu kommen'".
Das ist ein zentraler Satz dieses Beitrags. Ärztefortbildungen, die durch die Pharmakonzerne für Ärzte organisiert werden, finden vorzugsweise im Sommer auf Kreta, im Winter in St. Moritz statt mit all den materiellen und emotionalen Annehmlichkeiten, die ein solcher Aufenthalt bieten kann.
Irgendwann scheint es dann allgemeiner Komsens zu sein, bestimmte Medikamente in "bestimmten Situationen" zu verabreichen.
Neuroleptika waren doch ursprünglich dazu gedacht, bei Schizophrenie die Symptome der Halluzinationen und Wahnvorstellungen zu dämpfen, was den Patienten möglicherweise entlastet.
Neuroleptika verursachen durch ihre stark sedierende Wirkung auch motorische Störungen und Spätdyskinesien.
Ist doch egal, der Altersheimbewohner lebt ja nicht mehr so lange, dass er davon betroffen sein könnte.
Einige Neuroleptika werden auch als Antihistaminika eingesetzt. Über diesen Umweg ist es noch leichter, die Menschen ruhigzustellen. Ein leichtes Jucken wird als Allergie diagnostiziert und... ein Antihistaminikum.
Hier hat die Pharmaindustrie ein leichtes Spiel, weil die Menschen sich nicht mehr wehren können.
Haben Sie mal einen Ihnen nahe stehenden Menschen erlebt, der als intellektueller und bewegungsfreudiger Mensch in der Psychiatrie mit Neuroleptika behandelt worden ist?
Speichelfluss, unkoordinierte Bewegungen, starre Pupillen, Angst.
Ein alter Mensch ist ein Mensch.
Für viele mag es eine Erleichterung sein, eine Weile lang von bestimmten Symptomen verschont zu sein. Jeder sollte sich aber darüber im Klaren sein, dass Medikamente nur Symptomunterdrückung leisten können. Die eigentliche organische oder seelische Schieflage besteht weiter und zeigt sich nach dem Absetzen der Medikamente wieder.
Viele Menschen, die sich auf den Weg der medikamentösen _Behandlung_ ( nicht Heilung ) begeben, scheinen sich nicht bewusst zu sein, auf welche Rutschbahn sie sich begeben. ES treten nach Arzneimittelkonsum erwünschte und unerwünschte Wirkungen auf. Und die unerwünschten Wirkungen ziehen dann wieder neue Arzneimittelgaben nach sich. So kann mensch als Pflegefall in einem Heim landen oder, wie oben geschildert, in der Psychiatrie. Ein Blick auf die Beipackzettel der verordneten Medikamente kann Hinweise von dem geben, was da de-reguliert ist.
Wenn Heim- oder Psychiatrieinsassen fachlich kompetent und schonend entgiftet und mit den (Mikro- ) Nährstoffen versorgt würden, deren Mangel möglicherweise am Anfang ihrer Odysee stand und durch Medikamente noch verschärft wurde, dann kann das zu einer wahren Wiederbelebung führen.
Jeder ist gut beraten zunächst die Alternativen zu ermitteln, bevor er oder sie sich auf den pharmazeutischen Weg begibt. Solange die Missempfindungen es noch zulassen.
Da sich Demenzkranke im Endstadium des öfteren verschlucken, und davon häufig eine Lungenentzündung bekommen, ist es angemessen sie mit einer Magensonde zu ernähren. Mutmaßungen selbsternannter Experten helfen da nicht weiter. Vieleicht hat Ihr Experte es schon mal erlebt wenn sich Demenzkranke vor Angst in die Hose machen, weil sie die eigene Wohnung nicht mehr erkennen. Meine Mutter feiert in diesem Jahr 10 jähriges Demenzjubiläum.
Diese werden den Suchtkranken während eines Entzuges über wenige Tage gegeben, damit der Entzug körperlich erträglich ist.
Waren Sie mal auf einer Suchtstation und haben Alkoholiker beim Entzug gesehen?!
... die im Pflegeheim liegt. Sie hatte nach dem Tod meines Vaters jede Lebenslust verloren, aß nicht mehr vernünftig, trank nicht genug, war depressiv. Ich hatte immer versucht, die Hausärztin zu veranlassen, meiner Mutter ein leichtes Antidepressivum zu verordnen. Zum Schluss bestand meine Mutter nur noch aus Haut und Knochen, hatte immer wieder Delir-Zustände. Ich behaupte, die Ärztin hatte sie sterben lassen wollen. Sie kannte den Zustand meiner Mutter, war sie doch die letzten Wochen zweimal wöchentlich zu Hause. Meine Mutter wollte partout nicht ins Pflegeheim. Sie stürzte laufend, mehrmals täglich kam der mobile Notdienst. Schließlich war meine Mutter einsichtig, und ging ins Heim. Dort bekam sie auch endlich ein Antidepressivum. Mag das Medikament Nebenwirkungen haben und ihr Leben verkürzen: Trotz Antidepressivum ist es kein wirkliches Leben mehr. Sie hat keine Lust zu Unternehmungen, liegt den ganzen Tag auf dem Bett und sieht Fernsehen. Ich kann nur sagen: Und wenn sie wegen des Antidepressivums, das sie jedenfalls im Umgang mit der Umwelt (vorher war sie schlicht nicht zu ertragen) verträglicher macht, früher stirbt (statt mit 90 mit 85?), sehe ich darin kein Problem. Sie hat ihr Leben gelebt, sie hat keine Interessen mehr, sie fängt an, immer vergesslicher zu werden und, und, und. Da darf man fragen, was für ein "Leben" das eigentlich ist!
Es gibt auch schönere Situationen in der Betreuung von Menschen die ihren letzen Tagen unabwendbar entgegensehen:
Der Fernsehjournalistin und Autorin Dörte Schipper ist ein bemerkenswert spannendes und überraschendes Buch gelungen über das Sterben – und das Geheimnis eines erfüllten Lebens. Dem Buch vorausgegangen ist eine Fernsehdokumentation in der ARD (Der Luxuskoch vom Hospiz), für die die Autorin mit dem Erich-Klabunde-Preis ausgezeichnet wurde.
Es ist ein besonderes Buch, das sich auf den Leitspruch von Cicely Saunders bezieht: "Den Tagen mehr Leben geben". Es handelt von einem außergewöhnlichen Koch und seinen sterbenskranken Gästen.
Im Foyer des Hospizes "Leuchtfeuer" hängt der Spruch: "Wir können dem Leben nicht mehr Tage geben, aber den Tagen mehr Leben." Der frühere Küchenchef in einem Nobelrestaurant, hat diese Maxime zutiefst verinnerlicht. Er weiß, dass er das Leben der Sterbenden nicht verlängern kann, aber er kann es lebenswerter machen. Der Hospizkoch erfüllt jeden kulinarischen Wunsch und schenkt seinen Gästen nicht nur die Geschmackserlebnisse, sondern auch Erinnerungen an glücklichere Zeiten.
Dörte Schipper
DEN TAGEN MEHR LEBEN GEBEN
Vorwort von Udo Lindenberg
Bastei Lübbe Verlag
ISBN 978-3-7857-2385-2
"Ich definiere mich als Koch nicht mehr darüber, wie viel gegessen wird, sondern, ob ich die Menschen damit erreiche." Lebensbejahend, wie die Atmosphäre im Hospiz, ist auch das Buch.
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